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Wilder Ritt auf dem bockigen Pferd

Der Shelby GT350 R ist die böseste Variante des legendären Ford Mustang. Er ist hierzulande leider nicht für die Strasse zugelassen, was uns aber nicht von einer Probefahrt abhielt.

Ein Asphaltkreis mit 350 Metern Durchmesser. Ein riesiges Hochgeschwindigkeitsoval mit Steilwandkurven. Nachbauten von kurvigen Bergstrassen, Rennstrecken, Offroad-Pisten. Einen besseren Spielplatz können sich Petrolheads gar nicht vorstellen. Wir sind in Lommel, Belgien. Nicht unbedingt ein schöner Ort, dafür ein sehr spannender: Hier unterhält Ford dieses gigantische Testgelände, wo seit 1966 neue Modelle auf Herz und Nieren geprüft werden, bevor sie auf den Markt kommen.

Auch wir sind hier zum Testen. Oder sagen wir: zum Spasshaben. Wir dürfen in einer handverlesenen Schar den Shelby GT350 R fahren, auf abgesperrter Strecke freilich, auf einem mit Pylonen abgesteckten Kurs mit reichlich Auslaufzone rundherum. Ford traut uns wohl nicht zu, dass wir ihn unbeschadet über die engen Handlingstrecken jagen. Ist vielleicht auch besser so, wie wir bald feststellen werden.

Nach einem bewundernden Rundgang steigen wir ein in das gelbe Biest und tuckern los. Bequeme, satt anliegende Sportsitze, ein griffiges Lenkrad, Schaltknauf für die manuelle 6-Gang-Schaltung, eins fügt sich ins andere. Der mächtige Achtzylinder bollert böse, aber noch unaufgeregt fast im Standgas vor sich hin. Ein Mustang halt, denken wir uns.

Doch von wegen. Fuss aufs Gas, und die Semislicks an der Hinterachse erzeugen Rauch. Die Drehzahlnadel schiesst hoch, viel zu schnell eigentlich für einen grossvolumigen V8. Das liegt an der Flat-Plane-Kurbelwelle mit 180-Grad-Hubzapfenversatz, was momentan aber nicht interessiert. Konzentration auf das Hier und Jetzt. Zweiter Gang, dritter Gang, das Adrenalin sprudelt. Hart auf die Bremse, Zwischengas, zurück in den Zweiten, doch die Hinterachse blockiert empört, weil die Drehzahl doch nicht ganz passend war. Anspruchsvolles Ding.

Hart einlenken, ein Gasstoss – wir sind nicht umsonst auf einem riesigen Asphaltkreis, da wollen wir den Mustang freilich quer bewegen. Die ultrabreiten Semi­slicks kleben am Boden, wimmern, dann plötzlich kommt das Heck, schnell und fies. Snap Oversteer nennt das der Rennfahrer. Es folgt ein zweifacher Rittberger und ein abgewürgter Motor. Ja, tatsächlich, ein anspruchsvolles Ding.

Zweiter Versuch. Die 530 PS und das Drehmoment von 542 Newtonmetern sollten kein Problem sein, da haben wir schon mehr Pferde zum wilden Ausritt geführt. Doch der 5,2-Liter-V8-Sauger, der stetig auf Drehzahl gehalten werden will, der enorme Grip der fetten Michelin-Walzen (305 mm vorne, 315 mm hinten) und die aggressiven Bremsen, kombiniert mit Heckantrieb und deaktivierter Traktions- und Stabilitätskontrolle, ist tatsächlich eine heisse Mischung, die alles von uns abverlangt. Mit voller Konzentration gelingen ein paar saubere, schnelle, schweisstreibende Runden, bevor der Spieltrieb wieder überhandnimmt; ein paar schöne Drifts mit homöopathisch dosiertem Gaseinsatz, dann bricht wieder das Chaos aus und wir kreiseln im Nebel aus verbranntem Gummi davon.

Noch nie sei ein Mustang so konsequent für die Rennstrecke entwickelt worden, sagt man uns, und das mag wohl stimmen. Die Rückbank wurde entfernt, genauso die Musikanlage, die Schallisolation oder der Teppich im Kofferraum. Macht nichts, mit diesem Auto fährt man ohnehin nicht in Urlaub.

Hinzugefügt wurde hingegen, was für eine schnellere Rundenzeit sinnvoll ist: Frontsplitter, Heckflügel, verschiedene Spoiler, ein Diffusor, eine belüftete Motorhaube – das alles dient dem Abtrieb und somit einer höheren Kurvengeschwindigkeit, genauso wie das speziell abgestimmte Torsen-Sperrdifferenzial mit elektronischem Kühler. Freilich wurde das Fahrwerk für den Einsatz auf der Rennstrecke abgestimmt und die Karosserie tiefer gelegt.

Ein Highlight sind sicher die Carbonräder, die man sonst nur von exotischen Supersportwagen kennt. Sie reduzieren das Gewicht im Vergleich zu Aluminiumrädern um rund acht Kilogramm pro Rad und senken damit die Massenträgheit um mehr als 40 Prozent, was wiederum die Beschleunigung und die Verzögerung verbessert.

Während wir verschwitzt und ausgelaugt, aber mit einem breiten Grinsen im Gesicht von der Piste rollen, ziehen wir ein Resümee. Der Shelby GT350 R ist ein wilder Hengst, den nur sehr versierte Reiter beherrschen. Das macht seinen Reiz aus. Wer nun denkt: «Genau das richtige Auto, um morgens ins Büro zu fahren», den müssen wir enttäuschen – der Über-Mustang hat hierzulande leider keine Strassenzulassung. Wer sich aber einen für die Rennstrecke holen will, kann beruhigt werden: In den USA kostet der Shelby GT350 R ab unglaublichen 47‘795 Dollar. Was für ein Schnäppchen.

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