Zum Hauptinhalt springen

Der Lenz ist da

Blauer Himmel, warme Sonne, Vogelgezwitscher und der Blick zum Fenster hinaus lösen ein vorfreudiges Bauchkribbeln aus: Der Frühling ist angekommen. Redaktorinnen und Redaktoren erzählen von ihren Ritualen und Erinnerungen, die sie mit der Zeit verknüpfen, wenn der Wintermantel immer öfter in der Garderobe hängen bleibt.

Die japanischen Kirschblüten blühen in Winterthur und verkünden den Frühling auch von den Bäumen.
Die japanischen Kirschblüten blühen in Winterthur und verkünden den Frühling auch von den Bäumen.
Marc Dahinden

Die Magnolie als Startschuss

Sie ist für mich der Inbegriff des Frühlings, die Magnolie. Denn sobald sie ihre zarten, tulpenförmigen Blüten öffnet, ist der Winter vorbei, die wärmere Jahreszeit kündigt sich an. Schwer zu sagen, weshalb mich der Baum derart fasziniert. Er ist wohl einfach wunderbar anzusehen. Er kann mich aber auch ganz schön stressen. Denn sobald er die Blüten öffnet, muss ich aufs Velo. Im Winter gönne ich mir für den Arbeitsweg jeweils ein Busabo. Im Sommer aber heisst die Devise: Velofahren! Und die blühende Magnolie ist für mich der Startschuss zum Umsteigen. Die Prachtexemplare, die mir auf meinem Arbeitsweg in den Gärten begegnen, will ich auf keinen Fall verpassen. Die Chance, dass das geschieht, ist aber gross. Denn ein Regenguss genügt, und die weisse oder rosa Blütenpracht verwandelt sich über Nacht in ein braunes Elend. (neh)

Die Jahreszeit auf dem Teller

Nein, weder das Wetter noch die Vögel läuten meinen Frühling ein. Die Jahreszeiten diktiert nämlich der Detailhändler meines Vertrauens. An seiner Auslage orientiert sich meine Mahlzeitenplanung, und diese wiederum bringt um den März den Frühling in die Küche und auf den Esstisch. Die zwei Lieblingsverkündiger sind dabei von jeher klar definiert: Spargel und Artischocke. Beides am liebsten mit selbst ­gemachter Mayonnaise, die Sehnenscheidenentzündung vom Schwingbesenschwingen wird in Kauf genommen. Auch die Menükarten der guten – weil saisonal ausgerichteten – Restaurants nehmen die Frühlingsgemüse nur zu gerne auf. Spargelsalat mit Erdbeeren? Artischockenravioli mit Ricotta? Yes, please! Nur einer findet sich nicht allzu oft auf dem Teller – nicht aus Geschmacksgründen, sondern den Bürokollegen zuliebe: Bärlauch. (nid)

Die Jugend im Keller

Es ist Frühling. Ich muss zum Velomech. Mal wieder. Mein Rennrad lahmt. Vorne sind Speichen aus der Felge gerutscht, und auch sonst wäre es wohl gut, wenn ein Fachmann einen Blick auf den Achtzigerjahreklassiker wirft. So im Interesse meiner Sicherheit. Es ist halt schon ein altes Ding, mein Bianchi. Der Name, finde ich, hat immer noch einen Klang, auch wenn die Rahmen heute in China gefertigt werden. Von einem Original zu sprechen, wäre aber übertrieben. «Campagnolo?», fragte mich mal ein Velofan in einem Café und musterte mein Rad. «Aber schöner Sattel», sagte er schliesslich. Den Sattel, honigbraun, habe ich von Brooks. Da bin ich wohl nicht der Einzige in der Stadt. 440 Franken habe ich vor ein paar Jahren an der Velobörse für mein Rad gezahlt. Seither investiere ich, notgedrungen, nur schon für das Wechseln der Collés.

Als die Speichen streikten, habe ich gezögert. Der Winter war im Anmarsch. Also bin ich in den Keller gestiegen. Dort stand mein anderes Velo, das meiner Jugend. Ein knütschblaues Bike, aus glänzendem Aluminium, mit gummiertem Hörnchenlenker. So gar nicht hip. Heavy Tools steht drauf. Ich hatte das Bike damals meinen Eltern abgetrotzt, in den einen Sommerferien, in denen wir mal nicht in die Ferien fuhren. Dabei war ich eigentlich schon viel zu alt zum Quengeln. Das schlechte Gewissen fährt immer noch mit.

Am Anfang war es mir etwas peinlich, damit in der Stadt her­umzukurven. Ein Velo ist ein Statement, gerade in Winterthur. Die Komponenten allerdings: Shimano XT, 20 Jahre alt, aber präzise wie ein Schweizer Uhrwerk! Mit den dicken Reifen walze ich über die lausigste Strassenbaustelle. Und an den Hörnchen kann man sich wunderbar festhalten, wenn’s bergauf geht.

Wie gesagt, ich muss zum Velomech. Ich freu mich auch, bald wieder meinen Bianchi auszufahren. Ein bisschen aber tut es auch weh, meine Jugend wieder in den Keller zu stellen. (mcl)

Rosa Radicchio aus Italien statt nur rote Radieschen

Ob Radieschen, Rüebli, Spinat oder Erbsen: Spätestens jetzt, mit den wärmeren Temperaturen und längeren Tagen, geht der Gärtner sein Saatgutkistchen durch. Reichen die angefangenen Tüten vom letzten Jahr noch? Und welche Gemüsesamen muss ich ganz neu kaufen? Diese alljährliche Bestandesaufnahme hat etwas Rituelles. Aber ein leidenschaftlicher Püntiker tut weit mehr. Er will nicht nur das 08/15-Saatgut. Er will jedes Jahr etwas Neues, Aus­ser­gewöhnliches, Exotisches. Kurz: etwas, was der Pünten-Nachbar eben nicht hat.

Eine Odyssee in Norditalien

Heuer bin ich im Internet auf einen rosafarbigen Radicchio- Salat gestossen. Stundenlang durchsuchte ich die Webseiten der einschlägigen Saatguthersteller und -händler im In- und Ausland. Auch auf Ebay – nichts. Kein Saatgut des spektakulär lachsfarbigen Salats zu finden. Auch nicht bei meinem deutschen Lieferanten, der direkt aus Italien importiert. Also reiste ich nach Norditalien in den Veneto, in die Heimat des Radicchio. Ich fand zwar Saatgut von zig anderen Sorten, die man in der Schweiz nicht erhält – nur eben den rosa Radicchio nicht. Ich fragte mich durch bei zig Gärtnereien und Gemüsebauern. Nichts. Dann verriet mir einer der Bauern den Namen der Saatgutfirma, die diesen Salat gezüchtet hat. Die schlechte Nachricht: Das Saatgut wird nicht an Private verkauft. Und die gute: Der Bauer erbarmte sich meiner – er wird mir 100 Samen des sehr seltenen Salats schicken. (mab)

T-Shirt-Wetter oder der erste Sonnenbrand

Wann der Frühling beginnt, kann beispielsweise meteorologisch oder astronomisch bestimmt werden (fragen Sie Wikipedia oder so). Für mich wird er jedoch anders definiert. Dieses Jahr war der Frühlingsanfang nach meiner Rechnung am 28. März um exakt 12.36 Uhr. Ich setzte mich nach dem Mittagessen in eine Gartenbeiz und bestellte mir einen Kaffee. Ich zog meine Jacke aus und legte sie über die Stuhllehne. «Es ist so weit», lautete mein Urteil. Frühling beginnt nämlich dann, wenn man im T-Shirt draussen sitzen kann, ohne zu frieren. Wie herrlich sich die warmen Sonnenstrahlen auf meinen nackten Unterarmen anfühlten.

Schon als Kind war für mich der erste T-Shirt-Gang des Jahres ein Highlight. «Aber pass auf, dass du dich nicht erkältest», ­ermahnte mich meine Mutter. Doch das war nicht die eigentliche Gefahr.

Gewarnt für den Sommer

Die Temperaturen im Frühling sind perfekt – nicht zu kalt, dass man friert, und nicht zu warm, dass man schwitzt. Und ­genau das wird mir jedes Jahr zum Verhängnis.

Nach einem Tag an der Sonne erblicke ich zu Hause meine geröteten Unterarme. Sonnenbrand. Besonders fies hatte es mich nach einer Velotour vor ein paar Jahren erwischt. Beim kühlen Fahrtwind unterschätzte, nein, ignorierte ich die Kraft der Sonne. Meine Arme brannten noch Tage später wie Feuer. Sonnenbrand im Frühling hat aber etwas Gutes: Den ganzen Sommer lang vergesse ich die Sonnencreme nie. (far)

Schon frühmorgens baden gehen

Wunderbar! Der Tag erhält allmählich wieder Oberhand über die Nacht. Vorbei die Zeit, in der es schon um fünf Uhr nachmittags rundum dunkel ist und man ab sechs Uhr abends das Gefühl kriegt, man müsse gleich todmüde ins Bett oder aufs Sofa fallen. Nein, jetzt geht das Leben wieder los, der Hang zum Rückzug ins traute Heim wird gegen Outdoor-Gelüste ausgetauscht. Das beginnt schon frühmorgens. Wenn die Sonne ins Zimmer güxlet und die Vögel pfeifen. Da möchte man doch gleich aus dem Bett hüpfen, sich einen Kaffee zubereiten und voller Tatendrang Pläne schmieden. Ich schnappe mir die weisse Trainerhose und stülpe mir das türkise Top über. Rein in die Turn­schuhe, und los gehts. Ein morgendlicher Run am nahegelegenen Rhein bei Flaach ist jetzt das Wahre. Ich parkiere an der Rüdlinger Brücke. Den Autoschlüssel samt Handy packe ich in den Hosensack, die Stöpsel ins Ohr. Gut gelaunt walke ich mit Walkman durch den frischen Tag, beginne zu rennen. Der Mann im Ohr wünscht mir «guten Morgen» und sagt: «Es ist sieben Uhr, Sie hören die Nachrichten.» Der Rhein hat wenig Wasser. Und weil ich beim Laufen stets kreative Gedanken habe, denke ich: Ich könnte doch auf der Betonplatte neben dem Fluss laufen, die sonst unter Wasser liegt. Ein Sprung auf das vermeintliche Flusstrottoir. Doch mit Algen hatte ich nicht gerechnet. Pfzzz. Die glitschige Unterlage gibt mich sogleich an den Rhein weiter. Es folgt die überraschende Abkühlung durch ein unfreiwilliges, unvergessliches Frühlingsbad. (dt)

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch