Weihnachts-FlashBack

Lernstress und Lebkuchen

Für Online-Redaktor Marco Huwyler geht der Hype um Weihnachten bisweilen zu weit. Zumal die «besinnlichen» Tage schon immer vor allem Stress mit sich brachten. Mit Lebkuchen tröstet er sich darüber hinweg.

Die Adventszeit ist für Kinder auch stressig. Süsse Versuchungen entschädigen dafür.

Die Adventszeit ist für Kinder auch stressig. Süsse Versuchungen entschädigen dafür. Bild: Keystone

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Um es vorweg zu nehmen – mein Verhältnis zu Weihnachten ist, gelinde gesagt, ambivalent. Nur schon die Tatsache, dass die Geburt unseres Erlösers im Winter gefeiert wird, macht es schwierig für mich diese Tage wirklich zu mögen. Die kalte, ist in meinen Augen eine grauenhafte Jahreszeit, die ihre Daseinsberechtigung nur dadurch rechtfertigt, dass man durch das Erdauern der monatelangen bitteren Kälte und Dunkelheit, die lauen, langen Sommerabende wieder mehr zu schätzen weiss.

Der weihnächtliche Zeitpunkt ist umso schlimmer, weil die Erinnerungen an den vergangenen Sommer da bereits erblasst sind, es aber bis zum Licht am Ende des Tunnels – dem Frühling – noch gefühlte Ewigkeiten dauert. Deshalb bin ich, wenn der ganze Zauber mit den Kerzen, Tannenbäumen und Samichläusen irgendwann anfangs November (also viel zu früh) losgeht, jeweils schon ziemlich meiner alljährlichen Winter-Depression verfallen. Dass es dann anfängt überall zu blinken und glitzern und alle Jahre wieder dieselben kitschigen Liedchen erklingen, macht es nicht besser.

Alle Jahre wieder «alle Jahre wieder» hören. Video: Youtube.

Zumal Weihnachten für mich schon so weit ich zurückdenken kann, immer auch viel Stress bedeutete. Zum einen, klar, gilt es sich jedes Jahr den Kopf zu zermartern auf der Suche nach geeigneten Geschenkideen für unsere Liebsten. (So klappere ich jeweils ein, zwei Tage vor der Bescherung die viel zu vollen – zumeist mit US-Import-Santa-Clausen, Rentieren und anderem schrecklichen Zeugs dekorierten – Geschäfte ab, um dann nach Stunden doch nichts Gescheites für Grosstante Magdalena gefunden zu haben.)

Prüfungen als Geschenk

Zum anderen aber, fallen in die Advents-Zeit auch stets unangenehme, belastende Verpflichtungen. Ich erinnere mich lebhaft daran, wie in Kinder- und Teenagertagen stets alle Lehrer das Gefühl hatten in die Wochen vor Heiligabend noch möglichst viele Prüfungen packen zu müssen. Offenbar ist der Glaube unter Pädagogen weit verbreitet, dass die Schüler von Grittibänzen, Spanisch-Nüssli und Samichläusen zu geistigen Höchstleistungen angetrieben werden. Anders lässt sich die Flut der landesweit in diesen Tagen anberaumten Französisch-Vorträge, Mathe-Tests, und Deutsch-Aufsätze kaum erklären.

Aufsätze über die bevorstehenden Weihnachts-Ferien sind bei den Deutschlehrern besonders beliebt.

Noch viel schlimmer wurde es dann – ich denke mit Schaudern daran zurück – während des Studiums. Studenten mögen ja zumeist ein schönes, geruhsames Leben mit vielen Vorzügen geniessen; die Tage vor und nach dem Fest der Liebe gehören aber mit Bestimmtheit nicht dazu. Die Köpfe der Strebsamen unter ihnen sind am 24. Dezember längst dermassen überfüllt vom Inhalt aus unzähligen Vorlesungen, Büchern und Papers, dass sie sich nur noch mit äusserster Mühe an die Namen der vielen entfernten Verwandten beim familiären Weihnachtsessen erinnern mögen. Und auch den Prokrastinierern geht es mitnichten besser. Deren schlechtes Gewissen erreicht erfahrungsgemäss seinen Höhepunkt um die Jahreswende – bevor dann das schreckliche Koffein- und Tein-durchtränkte Hardcore-Last-Minute-Lernen im neuen Jahr losgeht.

Weihnachten sind für angehende Akademiker selten entspannt. Das weiss auch Atomphysik-Student Homer Simpson.

Nun, mittlerweile berufstätig, hatte ich ja eigentlich geglaubt diesem intellektuellen und psychischen Martyrium rund um die Festtage entronnen zu sein. Doch weit gefehlt – ich erlebe dieses Jahr einen Weihnachts-Lernstress-Flashback in Form eines zu schreibenden Weihnachts-Flashbacks. Statt zum Büffeln wird man heutzutage vor dem Fest von den Kollegen zum Schreiben von intim-persönlichen Blogs verdonnert.

Das Fest der Liebe geht durch den Magen

Bevor ebendieser aber noch vollends zu einem Jammer-Aufsatz verkommt, muss ich zugeben schon auch sehr schöne Kindheitserinnerungen an die Advents-Zeit zu haben. Dazu gehört selbstverständlich die Weihnachts-Bescherung, zu der sich meine Verwandten stets sehr grosszügig uns Kindern gegenüber zeigten – und in deren Genuss ich als Scheidungskind gleich doppelt kam.

Eine meiner schönsten und prägendsten Weihnachtserinnerungen ist jedoch das Weihnachts-Backen mit meiner Mutter. Von Guetzli, über Magenbrot hin zu Grittibänzen, gab es immer allerlei Leckeres herzustellen während des Advents. Am liebsten gemocht habe ich aber stets: den Lebkuchen.

Bereits das Backen war aufregend und der Lebkuchenteig schon im Rohzustand ein Hochgenuss. Meine Mutter hatte jeweils alle Hände voll zu tun, mich und meine Schwester davon abzuhalten allzu viel zu stibitzen. «Das gibt Bauchschmerzen», pflegte sie jeweils zu mahnen. – Wir nahmen dies bereitwillig in Kauf: zu gut schmeckte der flüssige, würzige, schokoladenbraune Teig.

Selbstverständlich waren wir klug genug, nicht soviel zu naschen, dass es die Quantität des Endproduktes ernsthaft geschmälert hätte. Denn frisch aus dem Ofen und noch leicht warm, war der fertige Lebkuchen das absolute non plus ultra für unsere kindlichen Geschmacksrezeptoren. Ich hätte jeweils das ganze Blech voll auf der Stelle und ganz alleine verdrücken können – zumindest war ich davon felsenfest überzeugt. Meine Liebe zum Weihnachts-Gebäck ging soweit, dass ich meine Mutter bat, mir auch zum Geburtstag einen solchen Kuchen zu backen. Dies führte bisweilen zu verwunderten Blicken unter meinen Gästen - ich habe im Juni Geburtstag.

Meine Liebe zum Lebkuchen ging soweit, dass ich meine Mutter bat, mir auch zum Geburtstag einen solchen zu backen.

Wenn ich in diesen Tagen durch die Strassen schlendere und den unverwechselbaren Geruch wahrnehme, erliege ich manchmal der Versuchung und gönne mir einen Kindheits-Flashback. Oft fällt dieser aber enttäuschend aus. Denn das Traditionsgebäck gibt es bekanntlich in unzähligen Variationen und nach den vielfältigsten Rezepten. Und ich habe weiss Gott in meinem Leben genügend davon ausprobiert. Doch keines kam auch nur annähernd an Geschmack und Konsistenz von demjenigen aus meinen Kindertagen heran. Wenn das Hexen-Häuschen von Hänsel und Gretel nach dem Rezept meiner Mutter gebacken wurde, verstehe ich die waghalsige Unverfrorenheit der beiden voll und ganz. Ich wäre das Risiko auch eingegangen.

Knusper, knusper, Knäuschen... Unser Redaktor wäre zweifellos auch Gefahr gelaufen von der Hexe in den Käfig gesperrt und gemästet zu werden.

Natürlich hat Weihnachten auch vom kulinarischen abgesehen seine guten Seiten. Der Winter würde ohne Fixpunkt ‚Wiegenfest Jesu‘ noch viel länger und unerträglicher erscheinen. Die besinnlichen Momente im Kreis der Liebsten und deren Geschenke von Herzen sind auch für einen Weihnachts-Nörgler wie mich stets sehr speziell und ich möchte sie um nichts missen. Dennoch -– wenn der ganze Spuk vorüber ist bin ich jeweils froh. Das war schon immer so und wird wohl auch in Zukunft so bleiben. Schliesslich kann man Lebkuchen auch im Hochsommer geniessen.

Das Grundrezept für einen leckeren Lebkuchen ist einfach. Die genaue Mischung meiner Mutter bleibt jedoch geheim.

Bild: www.appenzeller.ch

Erstellt: 22.12.2016, 12:16 Uhr

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