Zum Hauptinhalt springen

Der Anruf, bei Gotthard künftig in die Saiten zu greifen, kam beim Skifahren

Seit 25 Jahren rocken Gotthard nationale und internationale Bühnen. Der Winterthurer Gitarrist Freddy Scherer hat schon als Teenager gewusst, dass er sich zum Musiker berufen fühlt, und ist den Weg dahin konsequent gegangen.

Für Gitarrist Freddy Scherer war immer klar: «Ich werde Musiker.»
Für Gitarrist Freddy Scherer war immer klar: «Ich werde Musiker.»
zvg / Martin Häusler

Freddy Scherer, Sie haben schon im Teenageralter musikalische Erfolge gefeiert . . .Freddy Scherer:In Nyon geboren, dort den Kindergarten besucht, dann zog meine Familie nach Winterthur und später nach Wiesendangen. Mit dreizehn Jahren gründete ich die Band Black Times. Wir haben als jüngste Schweizer Band für Furore gesorgt und waren mit einer Single 13 Wochen lang bei Radio Eulach die Nummer eins. Es folgten Fernsehauftritte in «Karussell», «Kafi Stift» und Konzerte. Ich schloss meine KV-Ausbildung ab und arbeitet danach ein Jahr bei der Coop-Bank in Winterthur.

Dann wurden Sie mit der Glam-Metal-Band China Profimusiker.Als 19-Jähriger kündigte ich meine Stelle. Wir bekamen von Polygram Deutschland einen internationalen Plattenvertrag und ein festes Salär. Ich wohnte lange Zeit in New York (Manhattan). Wir nahmen in dieser Zeit drei Alben auf und lebten auf weltweiten Tourneen den Rock ’n’ Roll mit all seinen schönen und wüsten Seiten. 1995 stieg ich bei der Band Liz Libido ein. Aus meinem Nebenprojekt wurde nach der Bandauflösung von China ein persönlicher Hauptact. 2002 legte ich eine Pause ein, um mein bisheriges Leben zu reflektieren und auszuloten, wohin mich mein Weg führen soll.

Wie war die Reaktion im Elternhaus, als Sie sich so jung für eine Musikerkarriere entschieden?Es kamen die üblichen, aber auch berechtigten, skeptischen Fragen. Man wusste ja nicht, wie lange man damit erfolgreich unterwegs sein kann. Damals ging man vorzugsweise den gesellschaftlich betrachtet sicheren Weg – gute Schulbildung. Lehre oder Studium. Ob das allerdings immer der richtige ist, sei dahingestellt. Für mich war von Beginn weg klar, meiner ist eine Einbahnstrasse – hin zum Musiker. Man konnte mit mir darüber diskutieren, letztendlich tat ich, was ich für richtig hielt.

Die Gitarre war schon immer «Ihr» Instrument?Damals eigentlich mehr Mittel zum Zweck, Musiker zu werden.

Und an welchen musikalischen Vorbildern orientierten Sie sich?Sweet, dann AC/DC und Queen. Die waren für mich das Nonplusultra. Mit 13 Jahren habe ich in der Eulachhalle in Winterthur mein erstes Konzert – Status Quo – besucht. Danach folgten Krokus, die im Hallenstadion in Zürich zu «One Vice at a Time» einluden. Das waren meine Helden.

Und einige Jahre später stehen sie mit Ihren «Heros» bei «Rock Monsters of Switzerland» auf derselben Bühne. Was ist das für ein Gefühl?Wir haben eben zusammen geprobt. Der Blickwinkel hat sich verändert. Früher aus der Fanperspektive, heute reden wir auf Augenhöhe und vom Gleichen. Sie haben mich dahingehend beeinflusst, dass man mit Beharrlichkeit Ziele erreichen kann. Es ist wichtig jungen Bands aufzuzeigen, wer konsequent seinen Weg geht, der kann seine Passion zum «kostendeckenden» Lebensinhalt machen.

Aber die Voraussetzungen, ­Musik zu machen und davon seinen Lebensunterhalt ­bestreiten zu können, haben sich grundlegend verändert?Die Vielfalt, welche das Internet auflistet, ist unüberschaubar riesig. Früher bist du zu «Ivan» in den Plattenladen, die «MusicBox» gegangen, hast dir aus dem Gestell fünf LPs gelangt, sie auflegen lassen und gehofft, dass dich der Verkäufer nicht fragt, welche du kaufen möchtest. Denn meist hat das Geld dafür nicht gereicht. Sie haben dich auf Künstler aufmerksam gemacht, wollten dich mit ihrem Musik­geschmack bekehren. Es war ein Ort, sich musikalisch zu orientieren. Heute macht man das von zu Hause aus am Bildschirm. Früher haben wir Platten verkauft und Konzerte gegeben. Tonträger verkaufen sich «dank» Internet immer weniger. Solche aufzunehmen, kostet Schweiss und Geld, aber keiner ist mehr dazu bereit, dafür etwas zu zahlen. Kommt hinzu, dass die Labels an allem rund um die Musik mitverdienen wollen. Mit dem Internet ist es einfacher geworden, mit seiner Musik in die Welt hinauszugehen, aber niemand sagt dir wohin. Früher hast du dich beispielsweise mit dem «Landboten» unterhalten, dem Lokalradio und hast dir so und mit Konzerten «Step by Step» zu Beachtung verholfen. Ich brauche auch das Studiofeeling, wohin ich mich verziehen und meine Kreativität ausleben kann. Da bin ich von der alten Schule, was nicht heisst, dass ich für Veränderungen offen bin.

All die Castingformate überschwemmen mit einer Flut von Talenten das Gehör. Eine sinnvolle Entwicklung?Das Ganze hat mich nie wirklich interessiert. Es erstaunt mich manchmal, wenn ich in einer Musikerbiografie lese, dass dieser durch ein solches Format eine Plattform erhalten und es geschafft hat, nachhaltig zu sein. Talent allein nützt dir nichts.Es muss mit dem Kopf und dem Herz zusammenpassen, sonst scheiterst du. Es braucht ein Mix aus Glück, Talent, Durchsetzungskraft und man muss verstehen, was zu tun ist.

Ihr Bruder lebt ein ganz anderes, geordneteres Leben. Beneidet er Sie um Ihr «Musikerdasein»?Als Banker mit Familie lebt er in der Tat auf einem anderen Planeten. Aber die Aufgaben, die sich im Leben stellen, und die Welt sind dieselben. Wir haben ein tolles Verhältnis. Beneiden – weniger. Er nimmt manchmal an meinem Leben teil, besucht Konzerte oder Aftershow-Partys.

Seit zwölf Jahren leben Sie in der Schweizer Sonnenstube, im Tessin . . .In Lugano habe ich mich im Studio von Leo Leoni – dort haben wir manche der erfolgreichen Gotthard-Alben aufgenommen – eingenistet. Wenn ich hier zu tun habe, nutze ich die Gelegenheit, meine Eltern und Kollegen zu besuchen oder neue Restaurants auszuprobieren. Winterthur ist und bleibt ein Teil von mir. Manches hat sich über die Jahre verändert und meist zum Positiven hin.

Wer dauerhaft Sonne tanken will, kommt also am Gotthardmassiv nicht vorbei. Wie kam es eigentlich zum Engagement bei der gleichnamigen, massiven Rock spielenden Band?Steve Lee und Leo Leonie waren, um beim Wort zu bleiben, «massive» China-Fans. Als wir 1991 beschlossen, China (ein erstes Mal) aufzulösen, luden sie mich ins Tessin ein. An Silvester habe ich mit ihnen und mit Chris von Rohr am Bass im Rock Café in Biasca zwischen Bar und Bühne gejammt. Wir haben Songs von Led Zeppelin und anderen Grössen gespielt. Danach gingen wir wieder getrennte Wege, 1992 folgte das erste Gotthard-Album, Chris von Rohr amtete als Berater und Produzent. Wir pflegten losen Kontakt, ich spielte unter anderem am 30. Geburtstag von Leo. 2004 besuchte ich im Alpen Rock House in Zürich-Kloten das Konzert eines Kollegen. Dort entdeckte mich Marc Lynn und erzählte dies am Folgetag Leo Leoni. Der Zufall wollte es, dass genau dann Mandy Meyer die Band verliess. Also rief mich Leo an – ich war gerade beim Skifahren und dachte, dieser würde in Winterthur jemanden suchen, der mit ihm ein Bier trinken kommt – und nahm nicht ab. Nachts hörte ich dann die Combox ab und merkte, dass es um etwas weit Wichtigeres ging. Er meinte, ich solle ins Tessin umziehen.

Wie haben Sie darauf reagiert?Mit 35 Jahren wird die Luft doch etwas dünner. Von Herzblut allein hat man nicht gegessen. Und ein finanziell einschenkendes Projekt hatte ich nicht am Laufen. Also dachte ich erst mal wieder ans Arbeiten und genau dann kam dieser Anruf aus dem Nichts. Ich musste mich erst kneifen, ob es wirklich wahr ist. Ich bin dann ­einige Male von Winterthur zu Bandproben ins Tessin gefahren und man hat schon gemunkelt, ich hätte dort wohl eine neue Freundin. Als wir kommuniziert hatten, dass ich neues Gotthard-Mitglied bin, konnte ich an jenem Abend, ohne bezahlen zu müssen, von Beiz zu Beiz feiern.

Man fühlt sich schon geschmeichelt, in die «Oberliga des Rock» aufgenommen zu werden, oder?Auf jeden Fall ist es eine Anerkennung für das, was man bisher gemacht hat.

Gotthard erlebte einen Umbruch. Musiker verliessen die Band, Produzent, Management und Plattenfirma wechselten. Kein leichter Einstieg?Eigentlich war es interessant. Ich wurde in alle Prozesse miteinbezogen. Diese Umstrukturierung hat der Band einen zweiten Frühling beschert. Aus diesem Groove heraus entstand das Album «Lipservice (2005). Die Wende wieder hin zum Rock begann zwar schon vorher, aber diese Platte war der Stempel darauf. Der Weg weg vom verkommerzialisierten Genre hat uns Märkte in Spanien oder Südamerika geöffnet.

Chartplatzierungen sind wohl kaum das, wofür Rockmusiker leben. Die Bilanz mit 17 Schweizer Nummer-1-Alben ist aber doch beeindruckend . . .Eine unglaubliche Geschichte. Auch unser 25-Jahr-Jubiläum-Album «Silver» ist direkt auf Platz eins gelandet – in Österreich und Deutschland schafften wir es auf den 7. Rang.

Liegt Rockmusik also im Trend?Sie scheint Leute wieder vermehrt anzuziehen. Sie wollendas Konzerterlebnis. Unsere Deutschlandtournee ist gut verkauft. Sicher trägt auch das Jubiläum seinen Teil dazu bei. Die Konzerte in der Schweiz sind bald ausverkauft. So ein «Paket» wurde noch nie geschnürt, entsprechend gross ist die Nachfrage.

Kein Konkurrenzdenken?Sicher hat jede Band den Ehrgeiz, gut abzuliefern. Wir gaben eben eine gemeinsame Pressekonferenz und da haben wir gescherzt, also nichts von «Ellbögeln». Wir sind ja keine Teenager mehr. Es sind andere Dinge wichtig, beispielsweise, dass wir eine gute ­gemeinsame Zeit erleben.

Mit Ü-50ern, die sich gerne an die guten alten Zeiten erinnern?Das sicher, aber auch ein junges Publikum will diese, unsere Musik entdecken. Ich war ja auch nicht die Led-Zeppelin-Generation und wollte herausfinden, wie diese Band sich damals fühlte. Genauso geht es heute jungem Publikum. Wenn wir mit Sänger Nic Maeder ännet em Röschtigrabein der Welschschweiz spielen, ist das ganz eine andere Kultur, auf die wir treffen. Das macht es spannend und zur Herausforderung.

25 Jahre Bandgeschichte, 13 davon haben Sie mitgeprägt. Ihr emotionalstes Erlebnis?Mit Steve Lees Motorradunfall einen Freund zu verlieren. Ein Ereignis, das mich, die Band stark betroffen gemacht hat. Wir haben uns Zeit gelassen, uns zu sammeln, zu entscheiden ob und wie wir weitermachen. Wir waren schliesslich der Ansicht, dass das Buch noch nicht fertig geschrieben ist und wir ein neues Kapitel aufschlagen. Es braucht die Auseinandersetzung mit dem Negativen, um sich weiterzuentwickeln. Nicht jedes Bandmitglied empfindet Erlebtes auf gleiche Art. Beispielsweise die Vorstellung, im ausverkauften Hallenstadion zu spielen, ist toll, meine Aufregung war aber so gross, dass ich es gar nicht geniessen konnte. Oder man spielt in Südamerika und wird unerwartet stark gefeiert. Witzig ist auch das Erlebnis mit Leos Hund Poppi. Das Tier fand während eines Konzerts den Weg aus der Garderobe auf die Bühne. Wir mussten unter Publikums­gelächter unterbrechen. Trauriges wie Lustiges liegt nahe beisammen – das Leben eben. Gotthard ist ein Teil meines Lebens, den ich auf keinen Fall missen möchte.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch