Zürich

«Ein kreativer Mensch ist wie eine Schale, in welche dauernd neue Dinge reinfallen»

Der Musiker Seven – Jan Dettwyler – reitet auf einer Erfolgswelle. Das Tor, welches sich mit der TV-Sendung «Sing mein Song – das Tauschkonzert» auftat, war riesig. Seven ist mehr als bereit, dieses Abenteuer zu leben.

Seven versteht das Musikmachen als Gesamtkunstwerk, dann ist es ein ganz spezielles Sinnesvergnügen.

Seven versteht das Musikmachen als Gesamtkunstwerk, dann ist es ein ganz spezielles Sinnesvergnügen. Bild: zvg / Sven Germann

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Seven, weshalb kommen alle guten Musiker aus dem aargauischen Wohlen?
Seven (39): Meinen Sie Egon Egemann?

Nein, zum Beispiel Peach Weber . . .
(lacht) . . . und andere Bekannte wie Kickboxer Andi Hug. OderDJ Bobo hat im Don Paco seine Karriere gestartet. Es hat vielleicht damit zu tun, dass inOrten, Regionen, in denen weniger läuft, mehr Eigeninitiative gefragt ist. Bei einem Über­angebot an Unterhaltung wiein ­Zürich ist die Ablenkunggrösser. Wir haben nächtelangim Proberaum verbracht und unsere Konzerte organisiert. Das ­­Mit-sich-selber-Beschäftigen hat kreative Ausbrüche fast not­gedrungen mit sich bringen ­müssen.

In Ihren Genen wallt als Sohn einer Pianistin und eines Tenors Musikerblut . . .
Ich glaube schon, dass man Kindern eine Begabung, ein Talent, oder das Bewusstsein als Erbgut mitgibt. Es ist sicher auch so, dass, wenn du in einem Haus aufwächst, in welchem alles mit Musik bezahlt ist, Musikerin oder Musiker zu sein, der normalste Beruf ist. Ich war immer von Musik und Musikinstrumenten umgeben.

Dann sind Sie sehr «klassisch» aufgewachsen . . .
Ich war froh um meinen sechs Jahre älteren Bruder, der Platten von Michael Jackson, Stevie Wonder oder Herbie Hancock spielte. Ich habe heute noch eine grosse Vorliebe für Orchester und Streicher, aber so das Gespür, «schwarze» Musik zu fühlen, ­dafür war mein Bruder der ­«Dealer».

Eine «Revolution» im Musikhaushalt, weil man als Teenager gerne Konträres tut?
Nein, es war, als ich Michael Jacksons Platte «Of the Wall» hörte, wie eine Offenbarung. Mich interessierte nicht nur die Person, die da singt, auch was das für ein Menü, für ein musikalischer Leckerbissen ist, der da serviert wird. Klar hat man per Radio so ein wenig Pop mitbekommen, aber dieses Hörerlebnis hat sozusagen die «Büchse der Pandora» aufgemacht. Wenn man sich vor den Plattenspieler hockt und diese Musik auf sich wirken lässt, tun sich Räume auf: James Brown, George Clinton oder Sly & the Family Stone. Ich bin in der Musikgeschichte nicht nach vorn, sondern zurückgegangen und landete irgendwann auch beim Gospel und Blues. Seither ist mein Musikerherz schwarz.

Dann hat Sie Ihr Bruder sozusagen verführt?
Mit diesem Schlüsselerlebnis, ja. Er spielte in einer Instrumentalband. Er meinte, ich solle zu den Songs seiner Bandkollegen, die zehn bis fünfzehn Jahre älter als ich waren, singen und Texte schreiben. Also kaufte ich mir einen Langenscheidt und wurde als Zehnjähriger Leadsänger.

Als Teenager hatten Sie bereits mit der Formation Natural Acapella einen TV-Auftritt (1995) . . .
Rückblickend kann man es vielleicht als wichtig in seiner Musikerlaufbahn einordnen – damals hat man es einfach erlebt. Nach dem Auftritt als spontan formiertes Ad-hoc-Quartett in Jürg Rand­eggers (Cabaret Rotstift) «Samschtig-Jass» liefen die Telefone heiss. Wir wurden zur Band, die noch gar keine war und kein Repertoire hatte. Wir waren danach fast zwölf Jahre zusammen unterwegs und haben an jeder Steckdose gehangen. Mit Stimmen ohne doppelten Boden ist man sozusagen nackt auf der Bühne. Wer da besteht, ist für jede noch so schwierige Konzert­situation geeicht. Mit zwanzig hatte ich zehn Jahre Live-Erfahrung. Bevor ich als Seven Platten veröffentlichte, wusste ich, dass auf der Bühne viel Feingefühl gefragt ist.

Schliesslich hat sich diese Formation aufgelöst und Sie haben Ihre Solokarriere gestartet?
Als ich 24 Jahre alt war, starb ein Sänger an Krebs. Nur des Erfolges wegen die Gruppe aufrechtzuerhalten, wäre nicht richtig ­gewesen. Es war ein fliessender Prozess zum Solokünstler. Wenn ich nochmals zurückblicke, organisierte ich als 16-jähriger Hip-Hop-Fan Konzerte. Heute grosse Namen wie Samy Deluxe oder Sido holte ich in die Bleichi Wohlen. Ich führte durch das Programm und nahm eigene Tracks auf, die plötzlich am Radio gespielt wurden. Eines ergab das andere.

Jetzt treffen Sie die No-Names von früher auf grossen Bühnen wieder . . .
Wir haben uns nicht aus den ­Augen verloren. Da ist Samy Deluxe. Nachdem ich ihn vor fast20 Jahren gebucht hatte, trafman sich beim TV-Format «Sing mein Song – das Tauschkonzert» (3. Staffel, 2016) in Südafrika. Er sass auf einer Couch, sah mich, grinste und sagte: «Ich habs gegoogelt . . .» Als er damals bekifft neben meinem Bett auf dem Fussboden schlief, bangte ich darum, dass meine Eltern im Zimmer nebenan nicht seine Jacke rochen.

In besagtem TV-Format haben Sie Nenas «99 Luftballons» interpretiert und die haben Sie im deutschsprachigen Raum ganz schön abheben lassen . . .
Es war ein riesiges Tor, das sich auftat. Dass man eine solche Chance bekommt, das ist an sich schon ein Glück, weil die Exportwege für Schweizer Musik sehr «gstrüppige» Wanderwege sind. Das löste zum ersten Mal in meinem Musikerleben einen «Über-Nacht-Moment» aus. Ich nahm bisher alles Schritt für Schritt. Baute ein Backoffice, ein Label, ein Team auf. Das ist organisch gewachsen. Dann dies. Eine Erfolgswelle ist zwar toll, aber wenn sie dich überrollt, bedeutet es ­deinen Untergang. Wir waren mit den Fantastischen Vier auf Tour, hatten eine wirklich tolle Band beisammen, die Alben waren bereit, das Vertriebsteam meine eigene Firma, es liegt alles in meinen Händen. Dann kam die Anfrage zum perfekten Zeitpunkt.

Und dann kam die erste Sendung . . .
Ich sah sie mir an, danach ging es nur noch ab. Vor mir der Fernseher, das Telefon und der Laptop. Ein Konzert der besonderen Töne begann und in iTunes kletterte mein Best-of-Album in der Schweiz, Deutschland und Österreich auf Platz 1. Es war absurd. Innerhalb kürzester Zeit wurden unsere Videos 1,5 Millionen Mal geklickt.

Hat Sie das erschreckt und ­nachdenklich gestimmt?
Nein, ich durfte es nicht erwarten, aber ich war bereit dazu und genoss. Als ich die Anfrage bekam, stellte ich klar: Ich möchte die Songs selber auswählen, arrangieren und ich werde auch nicht ansatzweise irgendwelche Kompromisse eingehen. Wegen dem, was ich tue und wie ich bin, kam ich zur Sendung. Oft verändern sich Menschen, wenn es darauf ankommt. Sie denken, mit dieser Plattform müssen sie herausfinden, was dem Publikum gefällt, und machen das, statt Inhalte zu kreieren, und diese suchen sich ein Publikum. Ich wusste, ich ziehe mein Ding durch. Es war nicht selbstverständlich, dass die Verantwortlichen den Underdog die eigenen Noten an die Band verteilen liessen.

Seither sind Sie fast pausenlos unterwegs . . .
Schon im Vorfeld der Sendung habe ich spontan eine Deutschland-Tour gebucht. In Zusammenarbeit mit dem Management der Fanta 4. Dieses hat Erfahrung darin, Anfragen abzuschmettern, auf die ich verzichten kann, nämlich in einer Kochsendung oder Gameshow aufzutreten. Wenn so etwas wie das mit den «Ballonen» passiert, ist der Faktor Zeit entscheidend. Während meine Sendung lief, haben wir über Nacht unzählige Tickets verkauft. Hätte ich nicht schon eine Tour gebucht gehabt, den Trailer dazu während der Sendung platziert – wenn der Laden öffnet, muss alles bereit und angeschrieben sein.

Sie scheinen ein Perfektionist zu sein . . .
Halbherzige Sachen haben mich nie interessiert. Das ist auch bei anderen Dingen so. Besuche ich ein Restaurant, die Raumakustik, die Atmosphäre ist schlecht und die Bedienung unfreundlich, komme ich nicht wieder, auch wenn das Essen schmeckt. Vom Zeitpunkt an, ab welchem du jemandem zeigen möchtest, was du kannst, muss alles stimmen. Weshalb also richtest du das nicht ein? Ich kriege Pickel, wenn auf einer Homepage «Under Construction» steht. Mich interessiert das Gesamtkunstwerk, was passiert vor, während und nach dem Konzert, wie ist es verpackt. Es ist einfach ein ganz anderes Sinnesvergnügen, wenn fertig, dann wertig.

Ein Konzert wie bei einer Rahmenveranstaltung des Zurich Film Festival – das sind Gäste, welche vielleicht mehr am Galadinner selber interessiert sind . . .
Ich bin bei der Auswahl solcher Anlässe sehr wählerisch. Man ist das Besteck und hat im kurzen Zeitfenster das Publikum zu unterhalten. Wer es nur des Geldes wegen tut, hat ein Problem. Andererseits schärft es auch die Sinne, wenn man bislang verwöhnt wurde und Fans zu allen Songs abgehen. Für Liebe muss man kämpfen. Es liegt in deiner Hand, ob du das Abenteuer erfolgreich gestalten kannst oder nicht. Die Formation muss stimmen. Wenn du stehend mit einem Gitarristen vor 800 Leuten performst, geht es schief, auch wenn alle sitzen, und du überfährst sie mit voller Wucht.

Wenn sie kommt, will man die Chance packen, die sich einem bietet. Andererseits – die Kehrseite des Erfolges – das lange Getrenntsein von den Liebsten. Wie handhaben Sie das?
Ich nehme die Familie, so oft es geht, mit. Vor allem der ältere, siebenjährige meiner beiden Söhne. Natürlich ist meine Berufung nicht so strukturiert wie ein «normaler» Job: Ich bin eine Woche weg, dafür zwei zu Hause. Du hast dadurch eine qualitativ intensivere Familienzeit und die möchte ich ausleben.

Nächste Woche ist Urlaub angesagt. Das sind dann wohl wichtige «Inseln», den Kopf zu lüften, oder fahren Sie in die Berge – sinnbildlich gesprochen?
Ich kann sehr schlecht den Kopf lüften. Das funktioniert vielleicht zwei Stunden, dann habe ich eine Idee und er ist bereits wieder voll. Wenn Ferien, dann Aktivferien, und wenn Zeit ist, Sport.

Wird Ihnen in Momenten der Ruhe bewusst, welches Privileg Sie eigentlich leben dürfen?
Ja, jeden Tag. Ich darf neben einer gesunden Familie selber munter durchs Leben springen. Die Menschen, mit denen ich tagtäglich zusammenarbeite, selber auswählen.

Gibt es diese Momente, die Zeit – ausgenommen Sie schlafen –,
wo Ihr Kopf, das Herz, der Magen nicht «soult»?
Sicher. Es ist schön, mit einer tollen Truppe auf Klassenfahrt zu gehen und danach zu Hause anzukommen, die Türe zu schliessen und auf dem Boden hockend mit den Kindern Legotürme zu bauen.

Übrigens, welche konträre Musik hören Sie, wenn niemand zuhört?
Im Auto höre ich gerne Electro­nica, z. B. Pablo Nouvelle. Ich bin ein sehr optisch orientierter Mensch. Alles, was sphärisch ist, Musik, die Bilder malt, und Rhythmik ziehen mich an.

Kann man an Musik auch leiden und muss man sich manchmal zum Komponieren zwingen?
Es ist oft eine Zangengeburt. Ich sage nie zu mir: So, jetzt sollte ich mal ein Lied schreiben. Eher mit einer bestimmten Person würde ich gerne ein Projekt realisieren. Dann treffen wir uns mit der Absicht im Studio, etwas zu schreiben. Aber die Herangehensweise ist sehr kindlicher Art. Musik ist spielen, eben ein Spielplatz. Mit kindlich naivem Denken.

Wie muss man sich Ihr Gestalten mit Tönen und Worten vorstellen?
Die wichtigste Form als kreativer Mensch ist: Du musst eine Schale sein, in welche dauernd neue Dinge reinfallen. Merke, sortiere und speichere. Mit der Erfahrung weist du, wie man aus dem Samen einen Baum zieht. Manchmal stehe ich morgens auf, nehme ein leeres Blatt Papier und ein Lied fällt drauf. Oder ich erinnere mich beim Klavierspielen an eine selber verfasste Kurzgeschichte. Vielleicht aber suche ich mir ein «Spielzeug» – Musikstil – aus und treffe mich mit jemandem, von dem ich weiss, er würde auch gerne mit diesem spielen. Lieder müssen schnellstmöglich aufgenommen werden. Man muss den jungfräulichen Moment erwischen.

Ihre Lieder sind autobiografisch und kommen wohl deshalb, live gesungen, so authentisch bei den Zuhörenden an. Schaffen Sie immer diesen (Seelen-)Seven-Striptease?
Das liegt in der Natur des Genres Soul. Es heisst nicht umsonst Seelenmusik. Du schreibst, was dich beschäftigt, bewegt, und wenn du das emotional auf der Bühne lebst, so als würdest du dein eigenes Tagebuch vorlesen, dann ist es authentisch. Deshalb war es bei «Sing mein Song» ganz speziell, nicht ein eigenes Lied zu performen. Wenn ein Lied wirklich gut ist, kann man sich darin verlieben. Man muss sich Musik eigen machen, dann ist sie glaubhaft.

Im Sommer haben Sie Ihr 10. Album, «4Colours», veröffentlicht. Wann haben Sie überhaupt Zeit und Muse gefunden, ein solches einzuspielen?
Ich hatte das Songwriting, das ­Albumkonzept, schon bevor ich nach Südafrika geflogen bin, beinahe abgeschlossen.

Der Albumtitel suggeriert ein Konzeptalbum, solche scheinen heuer in Mode zu sein . . .
Ich habe immer nur Konzeptalben gemacht. Ein Album aufzunehmen, ist immer eine Entscheidung, nämlich: Was möchte ich für ein Album von mir. Wenn ich es kaufen würde, ist gut. Wenn ich ein Konzert besuchen würde, ist gut. Da bin ich selbstkritisch.

Erzählen Sie doch kurz, was es sinnbildlich mit den Farben auf sich hat. Verbindet die Lieder ein roter oder andersfarbiger Faden?
Ich wollte wieder einmal vieles gleichzeitig tun ­– das Problem hab ich generell. Lust auf kalt, ­depressiv. Auf Soul, warm und positiv. Menschlichkeit, Gemeinschaft, abgehangen, auf R&B und Soul. Old School, beatig, eine Prince-Hommage machen. Vier Haufen an Ideen, aber wohin damit? Vier Farben – das Problem war die Lösung. Das machte viel Arbeit. Sozusagen vier losgelöste EPs, also Kapitel oder «Theaterakte», zu kombinieren. Die funktionieren unabhängig voneinander, das öffnet dir vielschichtige Möglichkeiten, unter anderem in der Produktion.

Nenas 40-Jahr-Bühnen-Jubiläums-Show flimmert am Tag, nachdem wir dieses Interview geführt haben, in die TV-Wohnzimmer. Träumen Sie von Ähnlichem?
Nein, da hab ich andere Träume. Ich bin auch nicht Teil der Sendung, wollte nicht nochmals 99 Ballone steigen lassen. Ich finde, es gibt nichts Künstlerisch-Töteligeres als Repetition. Auf der Bühne ist es eine Herausforderung, Neues zu entdecken, es anders und besser zu machen. Aber klar, hocke ich aufs Sofa und gucke die Show.

Auch ab und an in den Himmel, in die Zukunft?
Ich träume viel – ich träume wild. Aber Sterne sind nicht nur zur Beleuchtung da. Streck dich, vielleicht erwischst du einen und wenn nicht, hast du doch gelebt. (zuonline.ch)

Erstellt: 20.10.2017, 14:18 Uhr

Infobox

Seven – «4Colours» Donnerstag, 26. Oktober, 20 Uhr. Volkshaus ­Zürich. Samstag, 24. März 2018, 20 Uhr. Kaufleuten Zürich. Tickets: www.allblues.ch.

TICKETVERLOSUNG

Seven – Der «Zürcher Unter­länder» verlost für das Konzert vom Donnerstag, 26. Oktober, um 20 Uhr 2×2 Tickets. Die Tickets können an der Abendkasse abgeholt werden.
Kennwort: Seven
Teilnahme: Bitte eine Mail an ticketverlosung@zuonline.ch bis Montag, 23. Oktober, 8 Uhr (mit Name, Adresse und Handy-Nr.). Über die Verlosung wird keine Korrespondenz geführt. Die Teilnahme ist nur einmal pro Person möglich; Mitarbeiter von Tamedia sowie deren im selben Haushalt lebende Angehörige sind nicht teilnahmeberechtigt.

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