Zürich

Gelesene Worte bauen Bilder im Kopf, die zu einem sprechen

Seit 1999 arbeiten die Plakatkünstler Jonas Anderhub und Christof Wolfisberg unter dem Namen Ohne Rolf an einer ganz eigenen Theatersprache, die ausschliesslich über das Lesen funktioniert. Im vierten Programm des Duos steht ein «Seitenwechsel» an, der viel Unerwartetes und Horizont-Erweiterndes verspricht.

Jonas Anderhub (links) und Christof Wolfisberg blättern sich als Ohne Rolf fast wortlos durch Alltagsgeschichten.

Jonas Anderhub (links) und Christof Wolfisberg blättern sich als Ohne Rolf fast wortlos durch Alltagsgeschichten. Bild: Beat Allgaier Anderhub

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Jonas Anderhub & ChristofWolfisberg, Eure Biografie verrät einige Gemeinsamkeiten aufPapier: nicht nur, dass Ihr auf einen Tag genau gleich jung seid, den Lehrerberuf ergriffen und mit Zauberei Theater gespielt habt. Fügung oder Schicksal, wie habt Ihr Euch gefunden?
Jonas Anderhub & Christof Wolfisberg: Wir haben uns als Aushilfen beim Reissen der Eintrittskarten am Eingang des Kleintheaters ­Luzern kennen gelernt. Zufall.

Seit 1999 als Ohne Rolf unterwegs – eine lange Zeit – ist das aktuelle Stück «Seitenwechsel» erst Eure vierte Bühnenproduktion. Lasst Ihr Euch bewusst Zeit, Neues zu entdecken, oder birgt der Alltag nicht gar so viele Geschichten, die es lohnt,beblättert zu werden?
Wir lassen uns Zeit, weil wir die Worte gerne zweimal überdenken, bevor wir sie drucken. Und da wir unsere Stücke nebst in der Schweiz auch in Deutschland,Öster­reich und die übersetzten Versionen in frankophonen und chinesischen Gegenden spielen, dauert es, bis sie abgespielt sind.

Wann ist Euch Rolf eigentlich abhanden gekommen –weshalb nennt Ihr EuchOhne Rolf?
An Fragen erinnert man sich eher als an Antworten. ­Ohne Rolf weckt sofort eine Frage im Kopf – man vermutet eine Geschichte und fragt sich nach dem Warum. Wir heissen Ohne Rolf, weil es zu denken gibt.

Gilt bei Euch das Sprichwort «Papier ist geduldig»?
Ja, aber Papier kann auch mal unge­duldig werden.

Ihr zwingt/zwängt Eure (bisher) stumme Kunst zwischen Wörter und Sätze. Wie habt Ihr Eure Ausdrucksform, Bildsprache gefunden?
Vor bald sechzehn Jahren fragten wir uns, wie wir die Aufmerksamkeit der Passanten auf der Strasse unaufdringlich auf uns lenken könnten. Schliesslich stellten wir uns mit kleinen Plakaten hin, auf denen wir die Menschen schriftlich aufforderten, uns nicht zu beachten, und baten, weiterzu­gehen, denn hier würde nichts passieren. Die Leute ignorierten unser Anliegen und blieben in Scharen stehen – unser erstes Publikum stand uns gegenüber und ermutigte uns weiterzublättern.

Und noch eines: «Bilder sagen mehr als 1000 Worte» oder doch eher 1000 Plakate mehr als gesprochene Worte?
Beides – durch die gelesenen Worte baut sich das Publikum ­Bilder im Kopf, die dann zu ihm sprechen.

Wie schwierig ist es, Geschichten derart punktiert zu erzählen und damit nachhaltig wirken zu lassen?
Die Plakate an sich zwingen uns zur Verdichtung, weil pro Blatt maximal vier Zeilen möglich sind. Diese Schwierigkeit erleichtert sogar manchmal das Weglassen von unnötigen Worten.

Was inspiriert Euch, wie ist die Herangehensweise, wenn Ihr ein neues Programm erarbeitet?
Inspiriert sind wir von Büchern, Filmen, Kunst und unserem Alltag. Wir notieren konsequent ­jede Idee, die uns einfällt. Dann fragen wir uns, was uns inter­essiert, reizt und beschäftigt, wor­auf wir zu schreiben beginnen. Später kommt unser Regis­seur Domi­nique Müller dazu, und wir diskutieren stundenlang über einzelne Plakate, proben das Blättertiming, um auf der Bühne endlich schweigen zu können.

Ihr seid wie ein Buch, welches man mit anderen gemeinsam öffentlich liest. Man malt sich nicht nur eigene Bilder im Kopf und schmunzelt vor sich hin, sondern bekommt oben­drauf noch andere Reaktionen mit – sozusagen ein 3-D-Buch …
Ein analoges 3-D-Buch, genau. Zwar erleichtern wir das Publikum um die Handlung des Blätterns, doch die Hauptarbeit leistet der Zuschauer durchs Lesen.

Euer Bühnenbild ist puristisch, das Outfit auch. Damit das Publikum nicht abgelenkt wird und sich ganz auf das konzentrieren kann, worauf es sich eingelassen hat?
Wir versuchen, das wegzulassen, was wir als überflüssig empfinden. Doch das Wenige, was zu sehen ist, gestaltet sich in der Umsetzung aufwendiger, als man denkt.

In «Seitenwechsel» blättert Ihr ja nicht einfach um. Das Publikum freut sich auf einen gemütlich-amüsanten Abend und dann das: Sie werden zum Mitblättern animiert ...
Uns wird vom Publikum oft rückge­meldet, dass es trotz Mithilfe einen gemütlichen, erfüllten Abend erleben konnte.

Was wollt Ihr bewegen?
Die Gedanken und das Gemüt.

Ihr brecht die für Euch so typisch typografischen Dialoge mit Zwischentönen auf. Hat das Bewährte, ausgezeichnet Erfolgreiche an Reiz verloren?
Es ist eher so, dass das Bewährte durch die reduziert eingesetzten Zwischentöne an Reiz gewinnt, weil dadurch die Qualität der ­Stille unserer Stücke noch mehr zur Geltung kommt.

Preise, Auszeichnungen –und davon habt Ihr einige gesammelt – sind schöne Anerkennungen für Erreichtes, schrauben aber auch dieErwartungen hoch …
Das sehen wir sportlich.

Apropos Erwartungsdruck:Euch schwappt eine Lobeswelle der Kritiker entgegen. Es ist von «grosser Kunst», von «Philosophie» die Rede. Welche Ansprüche stellt Ihr an Euch selber und ans Publikum?
In erster Linie versuchen wir, unseren eigenen Ansprüchen gerecht zu werden, und sind glücklich, wenn wir mit dem Resultat unserem Publikum gerecht werden.

Mit dem Richtungswechsel, dem gewagten Schritt hin zur Interaktivität, also Euer selber kreiertes Genre weiter zuentwickeln, scheint Ihr richtigzu liegen. Das Publikum hat die Seiten nicht gewechselt. Ist das Genugtuung und Erleichterung zugleich?
Dem ist so.

Wie viel entblättert Ihr in «Seitenwechsel» von Eurer Persönlichkeit?
Da wir unsere Geschichten selber schreiben, sind sie gezwungenermassen von uns geprägt. Aber durch die Dramatisierung entstehen Figuren, die letzt­endlich nur noch lose mit uns als Privatpersonen etwas zu tun haben.

Erstellt: 10.03.2017, 15:22 Uhr

TICKETVERLOSUNG

Ohne Rolf – Der «Zürcher Unterländer» verlost 2×2 Tickets für die Premiere vom Mittwoch, 15. März, um 20 Uhr, Theater Hechtplatz. Die Tickets werden an der Kasse hinterlegt, die Gewinner per Mail informiert.

Kennwort: Ohne Rolf

Teilnahme: kostenlos per E-Mail an ticketverlosung@zuonline.ch bis Montag, 13. März, 8 Uhr. Über die Verlosung wird keine Korrespondenz geführt. Die Teilnahme ist nur einmal pro Person möglich; Mitarbeiter von Tamedia sowie deren im selben Haushalt lebende Angehörige sind nicht teilnahmeberechtigt.red

Ohne Rolf – «Seitenwechsel»

15. bis 31. März. Mi–Sa, 20 Uhr. Sonntag, 18 Uhr.
Theater am Hechtplatz, Zürich.
Tickets: Telefon 044 415 15 15.

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