Glosse

Ein «Loblied» auf die Fremdbetreuung

ZU-Redaktor Alexander Lanner wundert sich über die 18 Angestellten, die Beyoncé und Jay-Z für ihre Zwillinge brauchen. Er hat (und braucht) das nicht.

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Was habe ich am Freitag gestaunt. Grund für meine Verwunderung war eine Meldung der Nachrichtenagentur sda. Der Titel: «18 neue Angestellte für Beyoncés Zwillinge». «Was», dachte ich mir, «nur 18?» Weiter hiess es darin: «Neugeborene Zwillinge geben zu tun.» Ich so zu mir: «Ah wirklich, das hätte ich jetzt nicht treffender schreiben können. Diese Erkenntnis ist so bahnbrechend neu, die muss gedruckt werden.»

Aber weiter im Text: «Um den Arbeitsaufwand zu bewältigen, haben Beyoncé und Jay-Z 18 zusätzliche Arbeitskräfte angestellt, darunter sechs Kindermädchen, zwei Dienstmädchen, Sicherheitsleute und ein 24-Stunden-Team von Säuglingsschwestern.»

Nun war ich doch ein wenig irritiert. Im Titel wurden mir 18 Angestellte versprochen. Sechs Kindermädchen und zwei Dienstmädchen machen acht Angestellte. Sollten tatsächlich je fünf neue Säuglingsschwestern und Sicherheitsleute auf der Gehaltsliste stehen? Wäre das im Verhältnis zu Kinder- und Dienstmädchen nicht doch etwas übertrieben? Die Antwort folgte gleich im nächsten Satz: «Die neuen Erdenbürger Rumi und Sir haben sogar einen eigenen Finanzberater, der unter anderem Investmentgesellschaften für sie einrichtet.»

Ich war beruhigt: Das Verhältnis zwischen den Angestellten fing an, sich auszugleichen. Und es kam noch besser: «Auch ein Social-Media-Experte wurde angeheuert, der für die Babys Adressen und Tags einrichtet.» Nun war meine Welt wieder vollends im Lot. Sechs Kindermädchen, zwei Dienstmädchen, je vier Säuglingsschwestern und Sicherheitsleute, sowie je ein Finanz- und ein Social-Media-Berater für zwei Säuglinge waren nur fair.

Letzterer in heutiger Zeit sogar unabdingbar: Denn ein professioneller Auftritt auf Facebook, Instagram, Twitter & Co. ist für zwei Monate alte Säuglinge fast so existenziell wie Muttermilch. Und wer kümmert sich überhaupt um das Outfit der Kleinen? Da haben sich Herr und Frau US-Superstar solche Mühe beim Baby-Staff-Casting gegeben und am Ende vergessen sie doch tatsächlich den Style-Berater. Oder besser: je einen Style-Berater, extra ausgebildet für die «special needs» von Baby-Boys und Baby-Girls.Beyoncé und Jay-Z haben sehr viel mit meiner Frau und mir gemeinsam – abgesehen natürlich vom Kontostand und der Anzahl Angestellter für ihre Kinder.

Die Anzahl Kinder stimmt hingegen überein: Denn am 23. März kamen unsere Zwillinge zur Welt – ein Mädchen und ein Junge. Die Zwillinge von Beyoncé und Jay-Z sind ebenfalls Mädchen und Junge, allerdings etwa zwei Monate jünger als unsere. Für uns wie für die Sängerin und den Rapper waren die beiden Nummer 2 und 3. Unser Grosser hat Jahrgang 2014. Blue Ivy hingegen, die Erstgeborene des amerikanischen Musiker-Paares, wurde 2012 geboren. Ein leichter, allerdings vernachlässigbarer Unterschied.

Trotz all dieser Gemeinsamkeiten: In der Mütter- und Väterberatung, im Baby-Schwimmen oder in der Krabbelgruppe habe ich bisher weder Beyoncé noch Jay-Z gesehen. Das mag unter Umständen einerseits daran liegen, dass unsere Wohnorte doch ein wenig zu weit auseinander liegen. Andererseits war der Gedanke auch geradezu abwegig. «Blöd von mir. Die beiden gehen ja gar nicht zur Mütter- und Väterberatung, ins Baby-Schwimmen oder zur Krabbelgruppe», fiel mir ein.

Schon eher würden dorthin jeweils Kindermädchen «Four of Six» zusammen mit dem halben Team der 24-Stunden-Säuglingsschwestern geschickt, sofern Promis oder deren Angestellte überhaupt eine Mütter- und Väterberatung, Baby-Schwimmen oder Krabbelgruppen nötig hätten, was wohl niemand zugeben würde.

Meine Frau und ich haben keine 18 Angestellten, die uns die Zwillinge abnehmen, wenn es streng und stressig wird. Wir wollen auch keine 18 Angestellten. Oder präzises ausgedrückt: Wir wollen uns keine 18 Angestellten leisten. Wir wollen uns selber um die Kinder kümmern.

Wir sind zum Schluss gelangt, dass wir so viel verpassen würden, kümmerten sich 18 Angestellte an unserer Stelle um die Kinder. Denn Kinder im Generellen und Zwillinge im Speziellen halten jung. Nicht nur am Tag, auf einmal sind auch die Nächte voller Leben.

Meine Frau hat kürzlich Protokoll geführt, das die Weisheit «Neugeborene Zwillinge geben zu tun» mitunter bestätigt:

  • 23:30 Uhr: Die Tochter schläft als letztes Kind in den Armen der Mutter ein.
  • 23:35 Uhr: Der Grosse will etwas zu trinken (ja, das Fräulein ist noch in den Armen der Mutter) und bekommt die Krise, weil das Nachttischlämpchen nicht an ist.
  • 23:50 Uhr: Der Grosse hat noch mehr Durst.
  • 2:00 Uhr: Der Kleine ist – gemessen am Schreien – fast am Verhungern. Ein Schoppen schafft Abhilfe.
  • 2:30 Uhr: Nun hat auch die Kleine Hunger. Der Kleine, inzwischen eingeschlafen, wird rasch wieder ins Bett gelegt. Die Kleine bekommt den Schoppen.
  • 3:30 Uhr: Alle sind wieder im Bett.
  • 5:30 Uhr: Der Grosse mag nicht mehr liegen. Die Windel ist voll.
  • 6:10 Uhr: Die neue Windel ist nun auch voll.
  • 8:00 Uhr: Der und die Kleine haben wieder Hunger.

Fazit: Als Eltern von Zwillingen kann man sich nicht über zu wenig Beschäftigung beklagen, egal zu welcher Uhrzeit. Ob derzeit auch Beyoncé und Jay-Z diese Erfahrung machen, weiss ich nicht. Und fragen kann ich sie auch nicht. Sie kommen ja weder zur Mütter- und Väterberatung, zum Baby-Schwimmen oder in die Krabbelgruppe.

Erstellt: 21.07.2017, 16:56 Uhr

ZU-Redaktor Alexander Lanner.

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