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Auf den Spuren der Industrialisierung im Tösstal

Ein ehemals bedeutendes Industriegebiet, eine geschichtsträchtige Ruine und eine Kirche von nationaler Bedeutung ­­— die Wanderung von Kollbrunn nach Rämismühle-Zell hat einiges an Geschichte zu bieten.

Auf dem Paul-Burkhard-Weg sind Stöcke hilfreich.
Auf dem Paul-Burkhard-Weg sind Stöcke hilfreich.
Rolf Flückiger
So könnte die Ruine Liebensberg ausgesehen haben.
So könnte die Ruine Liebensberg ausgesehen haben.
Ernst Zehnder
Auf dem Dorfplatz von Zell.
Auf dem Dorfplatz von Zell.
Rolf Flückiger
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Wir beginnen die Wanderung auf dem unscheinbaren Bahnhofplatz Kollbrunn, dem ein Brunnen und Blumenschmuck etwas Leben und Farbe verleihen. Kollbrunn ist der grösste Ortsteil der politischen Gemeinde Zell. Das Dorf liegt an der Töss, zwischen Hügeln und Wäldern. In letzter Zeit wird hier rege gebaut, nicht zuletzt wegen der guten Verkehrsanbindung mit den S-Bahnen an die Städte Winterthur und Zürich.

Einst ein wichtiges Industriegebiet

Ab 1800 entwickelte sich das Tösstal durch die Textilindustrie zu einem gut industrialisierten Gebiet. Die Textilindustrie fand hier günstige Bedingungen: Wasserkraft und eine – durch die textilen Heimarbeit – geschulte Bevölkerung. Im ganzen Tal entstanden Spinnereien. Leider sind heute alle Textilbetriebe verschwunden. Die Gebäude wurden umgenutzt.

Der Wegweiser «Liebenberg - Langenhard» weist uns zur Bahnhofstrasse und an der katholischen Kirche St. Antonius vorbei. Die Textilindustrie brauchte Arbeitskräfte. Sie kamen aus katholischen Gebieten: aus Italien, Vorarlberg, Süddeutschland und der Innerschweiz.

Zuerst hielten die Gläubigen die Gottesdienste im Saal eines Restaurants ab, bis im Mai 1898 das kleine, vorerst noch schmucklose Gotteshaus eingeweiht werden konnte. Sehenswert sind die bunten Fenster, die die Schöpfung darstellen, ein eindrückliches Mosaik im Chor sowie ein prächtiger Wandteppich im Foyer, hergestellt von Frauen aus dem Dorf.

Wer sportlich veranlagt ist, wählt den Aufstieg zum Bolsternbuck, den «Bückliweg». Oben folgt man dem Waldrand und steigt dann hinunter zur Nussbergstrasse, wo man auf den offiziell ausgeschilderten Wanderweg trifft. Der Weg führt auf dem «Himmelswegli» der Bahnlinie entlang. Wir werfen einen Blick in einen sehr gepflegten Gemüsegarten, lassen uns an einer Tafel über Alpaccas informieren und beginnen beim obersten Haus den ruppigen Aufstieg im Wald.

Ein Hauch längst vergangener Geschichte

Es lohnt sich, der Ruine Liebenberg einen Besuch abzustatten. Zwar sind nur noch spärliche Mauerreste vorhanden, doch der grosszügig angelegte Rastplatz mit Feuerstelle ist ein idealer Zwischenhalt. Gratis gibt’s einen Hauch Geschichte dazu. Der Winterthurer Lehrer Ernst Zehnder hat in zahllosen Freizeitstunden die Burgstelle vermessen und aus den Ergebnissen ein mögliches Bild der einstigen Anlage erstellt (siehe unten).

Die Burg wurde zum Steinbruch und verfiel

Besitzer waren die Edlen von Liebenberg, Schenken der Grafen von Kyburg – ein vertrauensvoller Posten, denn sie sorgten für das köstliche Nass im gräflichen Schloss. Der Wein kam von den Weingärten am Lind- und Wolfensberg sowie vom Seemer Stocken.

Als Gegenleistung erhielten die Schenken den respektablen Sitz von 19 Metern Länge und neun bis 16 Metern Breite als Lehen. Ihr Wappen, das heute noch gelegentlich als Ortswappen von Kollbrunn gebraucht wird, zeigt sinngemäss einen Becher. 1180 erscheint Schenk Berthold I. in einer Chronik, 1370 erlischt mit der Witwe Anna das Geschlecht. Noch 1548 war die Burg bewohnt. Dann erhielt der Besitzer Jakob Hoppler vom Hohen Rat in Zürich die Erlaubnis zum Nutzen des Baumaterials. Die Burg wurde zum Steinbruch und zerfiel immer mehr.

Nach der Querung von Unterlangenhard folgen wir dem Weg, der dem Rand der Langenharder Ebene entlangführt. Mit etwas Wehmut blicken wir nach Oberlangenhard, wo sich das beliebte Restaurant «Linde» befindet. Steil geht’s in engen Kehren abwärts auf dem Paul-Burkhard-Weg. Der jäh abfallende, rutschgefährdete Hang erforderte die optimale Anpassung des Weges an die Topographie. Ein Meisterwerk.

Stolz erhebt sich der einstige Wohnsitz des Komponisten über dem Dorfe Zell. Musikalisch hat sich Paul Burkhard mit seinen für die Zeller Jugend komponierten und von dieser zuerst aufgeführten religiösen Spielen international einen Namen gemacht. Wer kennt sie nicht, die bewegenden Melodien aus der «Zäller Wienacht» oder dem «Zeller Josef». Die Melodie aus dem Schwarzen Hecht, «O mein Papa», war ein Welterfolg.

Kirche Zell - ein Gotteshaus von nationaler Bedeutung

Die Kirche ist ein spätgotischer Bau von 1512. Der Turmchor enthält Wandmalereien aus jener Zeit. Eindrücklich sind die modernen Glasfenster von Hans Affeltranger im Chor. Sie lassen die ehemaligen Kirchenpatrone Johannes der Täufer und Johannes Evangelist aufleben.

Die Fenster im Kirchenschiff verkünden dem Betrachter symbolhaft Gericht und Gnade, während die Rundfenster Taufe und Abendmahl allegorisch darstellen. An die lange Geschichte erinnern römische und frühmittelalterliche Mauerreste unter der Kirche: vom römischen Gutshof zur Zelle eines Mönchs (cella - Zelle) bis zur Vorgängerkirche, die vor dem Jahre 800 erbaut worden ist.

Auf dem schönen Zeller Dorfplatz haben wir die Wahl: Folgen wir dem Zellerbach oder dem markierten Weg durch den Wald des «Hinter Buech»? So oder so erreichen wir die Bahnstation Rämismühle-Zell. Im Dorf-Lädeli können wir uns von den Eindrücken und Anstrengungen des Tages erfrischen.

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