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Gin vom Zürisee

Urs Streuli hat einst Landwirt gelernt, doch eine Allergie zwang ihn schon früh zum Umsatteln. Über einen alten Brennhafen hat der den Weg zurück zum elterlichen Hof in Horgen gefunden – und ist heute ein Spitzen-Brenner.

Urs Streuli kontrolliert den laufenden Gin-Brand am hochmodernen Kolonnen-Brenngerät – der alte Brennhafen daneben ist nach einer umfassenden Renovation aber auch noch funktionstüchtig und liefert ebenfalls beste Qualität.
Urs Streuli kontrolliert den laufenden Gin-Brand am hochmodernen Kolonnen-Brenngerät – der alte Brennhafen daneben ist nach einer umfassenden Renovation aber auch noch funktionstüchtig und liefert ebenfalls beste Qualität.
Moritz Hager
Vater Ernst und Sohn Urs Streuli in ihrem gemütlichen Brennerei-Wöschhüsli.
Vater Ernst und Sohn Urs Streuli in ihrem gemütlichen Brennerei-Wöschhüsli.
Moritz Hager
Dem alten Wöschhüsli (links) sieht man es nicht an, welche Kostbarkeiten darin gebrannt werden. Auf dem sichtbaren Brettergestell wurden früher übrigens die zu «Zigerstöckli» gepressten Tresterrückstände getrocknet; sie dienten danach als «Briketts» zum Heizen.
Dem alten Wöschhüsli (links) sieht man es nicht an, welche Kostbarkeiten darin gebrannt werden. Auf dem sichtbaren Brettergestell wurden früher übrigens die zu «Zigerstöckli» gepressten Tresterrückstände getrocknet; sie dienten danach als «Briketts» zum Heizen.
Moritz Hager
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Gebrannt wird bei Streulis im alten Wöschhüsli. Und obwohl der Raum kaum isoliert und recht rudimentär eingerichtet ist, strahlt er doch Gemütlichkeit aus: An den Wänden hängen ein paar Geweihe, ein grob gezimmerter Tisch sowie einfache Holzbänke bilden die rustikale Möblierung und ein leichter Rauchgeruch liegt in der Luft – denn der moderne Kolonnenbrenner ist gerade in Betrieb und sorgt auch für Wärme.

An der hölzernen Wöschhüsli-Tür hängen ganz unscheinbar ein paar Plaketten. Es sind Auszeichnungen, die Urs Streuli für seine edlen Brände erhalten hat: An der Distisuisse 2015/16 wurden Baslerzwetschge, Berner Rosen, Gelbmöstler, Mirabellenbrand, Schwarze Johannisbeere und der Cassis Likör mit Gold ausgezeichnet; für Gravensteiner, Kirsch, Knollbirne, Lauerzer Chriesi, Rosoli sowie für den Zurich Dry Gin gab es Silber – und zudem wurde er zum Brenner des Jahres 2015 gewählt.

Einer der ältesten Brennhäfen der Schweiz

Begonnen hat alles, als Ur-Urgrossvater Heinrich Streuli 1869 den Hof in der äusseren Rietwies ob Horgen kaufte. Nachdem das Waschhaus 1894 teilweise abgebrannt war, baute er es wieder auf und installierte bei dieser Gelegenheit einen alten Brennhafen, den er als Occasion für 420 Franken erwerben konnte.

Als einer der ältesten Brennhäfen der Schweiz ist er noch heute in Betrieb – eigentlich war er sogar der Auslöser dafür, dass Ur-Urenkel Urs Streuli aufs Brennen kam. «Nachdem ich den Hof 2003 übernommen hatte, mauerte ich den alten Brennhafen 2004 neu auf und unterzog ihn einer sorgfältigen Renovation», erzählt er.

In der Lehre beim Schnaps-Papst

Dabei habe es sich als Glücksfall erwiesen, dass die Forschungsanstalt Wädenswil praktisch nebenan liegt: «Ich konnte den damaligen Dozenten Peter Dürr dafür gewinnen, sich die alte Anlage einmal anzuschauen», erzählt er. «Er beriet mich bei der Renovation und hat mich danach etwa drei Jahre lang begleitet, denn natürlich wollte ich auch wissen, was beim Brennen herauskommt.»

Weil sein Mentor als grosser Kenner der Materie – quasi als Schweizer Schnaps-Papst – galt, habe er ihm viel Wissen bezüglich der Qualität von Bränden vermittelt. Erste Erfolge liessen denn auch nicht lange auf sich warten: Als Streuli 2005 erstmals an einer Prämiierung teilnahm, wurde sein Kirsch gleich als bester ausgezeichnet...

Tagsüber ernten, nachts brennen

Neben ihm kümmert sich auch Vater Ernst ums Brennen. «Wir sind ein Familienunternehmen», sagt Urs Streuli. «Auch die Mutter hilft mit.» Dies ist nötig, weil er und seine Frau Patricia den Hof im Nebenerwerb betreiben.

Zwar hatte Urs Streuli einst Landwirt gelernt, doch eine Allergie zwang ihn schon früh zum Umsatteln in den kaufmännischen Bereich. Heute ist er in einem 80-Prozent-Pensum für eine Versicherung unterwegs, seine Frau arbeitet etwa gleichviel in der Baukeramik-Branche. «Aber meine Eltern gehen gegen 80», ist sich Streuli bewusst. «Wenn sie einmal nicht mehr mithelfen können, wird es kritisch ...»

Denn mit dem Brennen allein ist es nicht getan: Der Hof umfasst elf Hektaren Land, auf dem 230 eigene Hochstamm und gut 250 Halb- und Niederstamm-Obstbäume wachsen, die im Winter geschnitten werden müssen. Hinzu kommen 260 Schwarze Johannisbeer-Sträucher, die ebenfalls gepflegt sein wollen. Und im Sommer steht die Ernte an. «Das ist jeweils schon eine heftige Zeit, denn parallel dazu wird laufend gebrannt», sagt Streuli. «Um eine optimale Qualität zu erreichen, maische ich die Früchte nur kurz ein und brenne sie danach möglichst bald.»

Gin als kreative Herausforderung

Der alte Brennhafen braucht den Vergleich mit dem modernen High-Tech-Kolonnenbrenner übrigens nicht zu scheuen: «Er liefert eine spezielle Qualität, auch wenn die Arbeit damit viel aufwändiger ist, weil man den Schnaps zweimal destillieren muss», sagt er. Bei Steinobst werde das Resultat mit dem alten Hafen mindestens so gut wie mit dem Neuen, die Ecken und Kanten dieser Brände würden von Kennern geschätzt, sagt Streuli. «Kernobst-Brände hingegen gelingen mit den neuen besser.» Aber das sei halt immer auch Geschmackssache.

Der eigentliche Renner ist jedoch ein für die Gegend atypisches Produkt: Der Gin, den Streuli in zwei Sorten herstellt, als Zurich Dry Gin und - im Auftrag für einen Kunden – als Noble White Gin. Ihm sind neben den herkömmlichen Gin-Kräutern auch alpine wie zum Beispiel das Edelweiss beigemischt.

Irgendwann sei ihm die Idee gekommen, es einmal mit einem Gin zu versuchen, erzählt Streuli. «Bei den Obstbränden kann man nicht experimentieren, diese sollen ja möglichst authentisch sein», sagt er. «Beim Gin hingegen kann ich durch die beigegebenen Kräuter selber etwas kreieren. Das finde ich spannend.»

Ein Marktlücke entdeckt

Bis er seinen Zurich Dry Gin zur Marktreife entwickelt hat, hat es viele Testbrände gebraucht, dies in Zusammenarbeit mit der Eidgenössischen Forschungsanstalt Agroscope. Heute machen die Gins einen Drittel seiner Produktion aus. Nicht nur damit haben Patricia und Urs Streuli übrigens eine Marktlücke entdeckt: Seit einigen Jahren kann man die äusserst geschmackvoll renovierten und eingerichteten Räume der Rietwies – man merkt, dass Patricia Streuli gelernte Dekorationsgestalterin ist –für private Veranstaltungen mieten.

«Streulis Private Kitchen» heisst das Angebot, bei dem renommierte und teilweise hoch dekorierte Gastköchinnen und -köche für das leibliche Wohl der Gäste sorgen. Es kann mit einer Brennereibesichtigung beziehungsweise der Degustation der Edelbrände verbunden werden. Zum Glück gibt’s für die (beschwingte) Heimkehr danach auch in Horgen Taxis ...

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