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Kanada-Luft schnuppern in Zigerland

Obersee. Das ist doch der, der hinter Rapperswil beginnt und bei Schmerikon endet. Richtig, aber um den geht es nicht. «Unser» Obersee liegt im Glarnerland, versteckt hinter den Felsen bei Näfels und umringt von Mooren, Wäldern und Bergen.

Eine Kulisse wie aus Bilderbuch: Der Glarner Obersee mit dem Brünnelistock im Hintergrund. Eine abwechslungsreiche Wanderung führt von Näfels zum malerischen See.
Eine Kulisse wie aus Bilderbuch: Der Glarner Obersee mit dem Brünnelistock im Hintergrund. Eine abwechslungsreiche Wanderung führt von Näfels zum malerischen See.
Daniel Fleuti
Da geht es hoch: Näfels mit dem Plattenberg im Hintergrund.
Da geht es hoch: Näfels mit dem Plattenberg im Hintergrund.
Daniel Fleuti
Stattliche Bergahorne zieren die Moorlandschaft am Boggenberg.
Stattliche Bergahorne zieren die Moorlandschaft am Boggenberg.
Daniel Fleuti
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Zigerschlitz, der Kosenamen für den Kanton Glarus ist nicht eben schmeichelhaft. Aber er trifft ins Schwarze. Über den ersten Teil des Wortes, den Ziger, machen wir uns später Gedanken. Im zweiten Teil, dem Schlitz, stecken wir nämlich jetzt. Auf dem Weg von Zürich nach Sargans könnte man ihn glatt übersehen, den Eingang zum engen Glarnerland. Erwischt man bei Niederurnen doch die Kurve, ist dem Schlitz nicht so schnell zu entkommen.

Ein See für alle

Das Glarnerland ist eines der steilsten Alpentäler, auf geringe Distanzen sind die Höhenunterschiede enorm. Der Talboden ist lang gezogen und schmal, links und rechts ragen die Berge in die Höhe. Das Dorf Näfels und den Gipfel des Rautispitz trennen nur gerade 2,5 Kilometer Luftlinie, aber satte 1800 Meter Höhe. Und der Rautispitz gehört beileibe nicht zu den höchsten Glarnern.

Diese Ehre kommt dem Tödi zuteil, mit seinen 3600 Metern ein Koloss von Berg. Ihn zu bezwingen überlassen wir anderen, und auch der Rautispitz ist noch tabu. Zu viel Schnee liegt dort oben, Ende April hat Frau Holle zu tüchtig geschüttelt. Am Fuss des Rautispitz aber, da wartet ein zauberhafter See auf Wanderer. Obersee heisst er, ein smaragdgrünes Juwel inmitten schroffer Bergwelt.

Die meisten Besucher fahren mit dem Auto zum Obersee, wo zahlreiche Wanderrouten starten, ein Berghotel mit 68 Schnitzel-Varianten wirbt, Touristiker Kanada-Feeling versprechen und ein kinderwagentauglicher Seerundweg frischgebackene Familien glücklich macht.

Wer mehr tun will für die Fitness, strampelt per Bike hoch. Nur zu Fuss mag scheinbar niemand herkommen. Keinem einzigen Wanderer werden wir heute begegnen, obwohl die Sonne vom Himmel lacht. Uns soll’s recht sein, die urtümliche Landschaft und das Kanada-Feeling haben wir für uns. Das gibt es nämlich wirklich dort oben.

Dem weissen Kreuz nach

Los geht’s am Bahnhof Näfels-Mollis, ganz unten im Tal und mitten im Schlitz. Die Felswand, die sich als erstes Etappenziel entpuppt, erscheint von dort aus unüberwindbar. Plattenwand heisst sie, und platt ist sie, einfach in der Vertikalen. Ein wuchtiges weisses Kreuz markiert die äusserste Spitze. Das Werk aus Stahl und Beton erinnert seit 1934 an den Tod Jesus Christus und wurde von Jugendlichen und Pfadfindern errichtet. Heute weist es Wanderern den Weg Richtung Obersee.

Kaum haben wir Näfels verlassen, beginnt es zünftig zu steigen. Im strammen Zickzack führt der Pfad den Wald hoch. Der Lohn für die Anstrengung sind die stattlichen Bäume, die in jedem erdenklichen Frühlingsgrün erstrahlen und die Aussicht auf das Häusermeer im Talboden und die Gipfel auf der gegenüberliegenden Talseite: Fronalpstock, Schijenstock, Leiststock und Mürtschenstock. Wer den Zigerschlitz über seine steilen Seitenwände verlässt, bekommt rasch viel geboten.

Ein bisschen Käsegeschichte

Womit wir beim Ziger wären. Das Frühlingsgrün erinnert an die wichtigste Zutat im Glarner Schabziger, den Zigerklee oder Blauen Bocksklee. Er verleiht dem Käse seine grüne Farbe und den würzigen Geschmack. Für das Rezente indes ist die Säure zuständig, die während des Reifeprozesses entsteht.

Glarner Schabziger ist die älteste geschützte Marke der Schweiz, dafür sorgt ein Beschluss der Landsgemeinde von 1463. Die Glarner wollten verhindern, dass der beliebte Käse verfälscht und kopiert wurde. Zur Blütezeit anfangs des 20. Jahrhunderts standen zahlreiche Zigermühlen im Tal, 1200 Tonnen Käse pro Jahr fanden den Weg bis in die USA. Heute wird Schabziger nur noch bei der GESKA in Glarus hergestellt; sie rettete die letzte Produktionsstätte vor dem Untergang.

Auch der steilste Wald hat mal ein Ende. Etwa eine Dreiviertelstunde nach dem malerischen Haslensee, dem leider das Bänkli fehlt für eine Rast, erfolgt der grosse Szenenwechsel. Der Blick endet nicht mehr am nächsten Baumstamm, sondern schweift über das weite Oberseetal und zum schneebedeckten Rautispitz. Auf dem Eggberg gackert es aus allen Rohren; eine riesige Schaar Freilandhühner stiebt über die grosse Wiese.

Mehlprimeln und Enzian

Unser Aufstieg indes geht gemächlich weiter. Er führt über moorige Weiden, auf denen Mehlprimeln und Enziane blühen, und vorbei an Wochenendhäusern zum Boggenmoor. Hier ist der Frühling voll ausgebrochen, Knabenkraut und Sumpfdotterblumen liefern sich ein blühendes Wettrennen, eine Herde Rinder geniesst den ersten Freiluft-Alptag.

Dann, nach einem weiteren hübschen Waldstück und zu bereits fortgeschrittener Zeit, ist es soweit: der Obersee breitet sich vor uns aus. Zusammen mit dem Rautispitz, dem Brünnelistock, den Nadelbäumen und dem roten Motorboot hat die Kulisse schon was vom hohen Norden. Ein Fussbad im eiskalten Wasser darf natürlich nicht fehlen.

Umso leichtfüssiger geht danach der Abstieg vonstatten, über Äschen zurück auf den Aufstiegsweg und einmal mehr im strammen Zickzack nach Näfels. Hier könnten wir uns Zigerhöreli genehmigen, eine dieser Glarner Spezialitäten mit Schabziger. Die Kalorien haben wir heute alleweil verbrannt.

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