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«Man kennt mich, ich bin ein Star»

Sie ist ein Star: die Echse. Im Miller's parliert Michael Hatzius Puppe über Gott und die Welt und auch ein bisschen über die Schweizer.

Der Star und sein Macher – Michael Hatzius mit seiner populärphilosophischen Echse.
Der Star und sein Macher – Michael Hatzius mit seiner populärphilosophischen Echse.
Christine Fiedler

Mit dicker Zigarre, schickemLedersakko und weltmännischer Nonchalance: Der Echse haftet ein Hauch Dekadenz an. Wie viel Hatzius steckt denn in der Echse?Michael Hatzius:Rein physisch steckt Hatzius bis zur Hälfte seines Unterarms in der Echse. Inwieweit die Echse und ich charakterliche Gemeinsamkeiten haben, das müssen die Leute aus meinem Umfeld beurteilen, die uns beide getrennt voneinander kennen. Grundsätzlich gestalte ich als Puppenspieler ja diverse mir fremde Charaktere und versuche, mich in deren Welt hineinzuversetzen. Dafür stehen den Puppen aber meine Fantasie, Gedankenwelt, Atmung und Stimme zur Verfügung. Ich glaube daher, dass alle meine Puppen auch ein bisschen was von mir haben.

Darf die Echse Dinge beim Namen nennen, die Sie persönlich nicht dürfen? Ich glaube schon, dass die Leute der Echse mehr verzeihen, da die Spielvereinbarung offensichtlicher ist. Die Echse ist ja eine Rolle, eine Metapher, etwas Drittes, das entindividualisiert ist. Puppen verkörpern das «Prinzip Mensch» – das ist etwas anderes, als wenn ein konkreter Mensch etwas zu einem anderen konkreten Menschen sagt. Mit Spielgeld die Miete zahlen bei Monopoly tut ja auch weniger weh als vom echten Konto. Das Prinzip ist aber das selbe.

Zum Beispiel? Ein Spruch der Echse lautet: «Schweizerdeutsch klingt, als wenn man versucht zu pfeifen, während man an Toblerone erstickt.» Das ist ja mal eine gepfefferte Theorie, der die Schweizer aber gerne folgen – sie stammt ja von einer Echse. Und Echsen sprechen im allgemeinen sonst ja gar nicht.

Was reizt Sie besonders daran, sich hinter einer Puppe zu verstecken und ihr die Protagonistenrolle zu überlassen? Ich bin Puppenspieler, da ich glaube, dass Puppen menschliches Verhalten sehr komprimiert und pointiert aufzeigen können. Jede Bewegung wird bedeutsam, da eine Puppe, wenn man sie unbelebt liesse, ja gar keine Bewegung machen würde. Alles bekommt dadurch eine poetische Kraft und einen Erzählwert. Das finde ich im theatralen Sinne sehr reizvoll. Der Verfremdungsgrad und die Spielmöglichkeiten sind ungleich vielfältiger, als wenn ein Mensch auf der Bühne steht. Ich würde übrigens nicht sagen, dass ein Maler sich hinter seiner Leinwand versteckt, sondern er drückt sich über sie aus, weil es sein bevorzugtes Medium ist. Das ist etwas völlig anderes.

Eine Echse ist ja nicht grad ein Kuscheltier, das auf Anhieb Sympathien weckt. Warum fiel Ihre Wahl auf dieses Urviech? Die Echse entstand für ein Theaterfestival. Ziel war, eine an abgegessene Theaterintendanten angelehnte Figur zu schaffen, welche die tagsüber gezeigten Inszenierungen am Abend von oben herab kommentieren sollte. Ein altes, rauchendes Urvieh, das viel gesehen und erlebt hat. So fiel die Wahl auf eine Echse.

In «Echstasy» steht neu auch eine Zecke auf der Bühne – wieder ein Tier, das auf der Niedlichkeitsskala eher schlecht abschneidet... Packt Sie da eine morbide Lust bei der Wahl Ihrer Puppen? Wenn ich als Theatermacher eine neue Figur entwickle, dann ist meine erste Frage keineswegs wie «süss und kuschlig» sie wohl sein wird. Mein Ziel ist die Erschaffung glaubhafter und vielschichtiger Charaktere. Shakespeare hatte grossen Erfolg mit «Richard III.», obwohl der gar nicht kuschelig war. Kein Mensch mag Zecken, und sie sehen ja auch wirklich mies aus. Aber wie fühlt sich so eine Zecke? Was würde sie sagen, wenn sie sprechen könnte? Das interessiert mich.

Noch spielt die Zecke nur im Vorprogramm. Kann sie für die Echse zu einer gefährlichen Konkurrenz werden? Ich glaube, die Echse ist und bleibt der Star in meinem Ensemble. Aber ich beobachte durchaus, dass viele Zuschauer, nachdem sie in der Show waren, sich einen ganz neuen Favoriten raussuchen. Das mag die cholerische Zecke sein, das verklemmte Huhn oder die Karotte vom Sicherheitsdienst. Wer die Show besucht, hat die freie Auswahl.

Michael Hatzius – «Echstasy» Sonntag, 4. Februar, 17 Uhr. Miller’s, Seefeldstrasse 225, Zürich. Tickets: www.millers.ch.

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