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Mit vereinten Kräften Suizide bekämpfen

Obwohl die Fälle zurückgehen, sind die Suizidzahlen weiterhin besorgniserregend. Im Kanton Zürich versucht man nun, Präventionslücken zu stopfen.

Wenn jemand das Thema Suizid anschneidet, unbedingt nachhaken und zuhören. Angst davor, das Thema anzusprechen ist nicht angebracht.
Wenn jemand das Thema Suizid anschneidet, unbedingt nachhaken und zuhören. Angst davor, das Thema anzusprechen ist nicht angebracht.
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Jedes Jahr nehmen sich in der Schweiz rund 1000 Menschen das Leben. Das sind dreimal so viele, wie im Strassenverkehr getötet werden. Zwar ist die Anzahl vollzogener Suizide seit den 90er-Jahren kontinuierlich zurückgegangen, wenn man die von Sterbehilfeorganisationen unterstützten Fälle nicht einrechnet.

Dennoch bereiten gewisse Bevölkerungsgruppen Anlass zur Sorge: Männer greifen mehr als doppelt so häufig zu diesem tragischen Mittel wie Frauen; besonders nach dem 70. Altersjahr steigt die Kurve der Suizidraten bei ihnen nochmals dramatisch an. Auch allein lebende, geschiedene und verwitwete Personen haben ein höheres Risiko.

Besonders bedenklich ist, dass der Grossteil dieser Menschen eigentlich gar nicht sterben will, sondern einfach keinen Ausweg aus der Krise mehr sieht. Die meisten, die bei einem Suizidversuch gerettet werden, sind im Nachhinein froh, dass sie noch am Leben sind.

Für Angehörige schwierig zu verkraften

Vor einem Jahr hat der Kanton Zürich ein breit gefächertes Programm zur Suizidprävention lanciert. «Suizide sind nicht nur ein trauriger Ausdruck menschlicher Verzweiflung», stellt Programmkoordinatorin Marie-Eve Cousin klar. «Sie sind auch für Angehörige und Bekannte schwierig zu verkraften.»

Extrem belastend sind sie für Personen, die aufgrund ihres Berufes damit konfrontiert sind: Für Lokführer, Polizisten und Reinigungspersonal können Suizide traumatische Folgen haben. Keinesfalls wolle das Schwerpunktprogramm organisierte Sterbehilfe oder das Recht auf Selbstbestimmung beschneiden, betont Cousin. Vielmehr gehe es um die Verhinderung von Suiziden, die sich in akuten Krisensituationen oder unter grossen Belastungen ereignen. «Sie können das Urteilsvermögen beeinträchtigen.»

«Es ist erwiesen, dass die Verfügbarkeit von gefährlichen Dingen wie Waffen oder Medikamente die Gefahr erhöht, sie in einer Verzweiflungssituation zu benutzen.»

Marie-Eve Cousin, Programmkoordinatorin Suizidprävention Kanton Zürich

Die Kommission, die sich aus Vertretern der Sicherheits-, Gesundheits- und Bildungsdirektion zusammensetzt, hat die bereits vorhandenen Hilfsangebote unter die Lupe genommen und nach Lücken und Verbesserungspotenzial gesucht. Dabei hat sie diverse Ansatzpunkte gefunden und entsprechende Massnahmen aufgegleist. Eine Aktion, die bereits im September durchgeführt wurde, ist die Medikamentenrückgabe.

Mit Flyern und Inseraten wurde die Bevölkerung aufgefordert, nicht mehr gebrauchte Arzneimittel in die Apotheke zurückzubringen. «Es ist erwiesen, dass die Verfügbarkeit von gefährlichen Dingen wie Waffen oder Medikamente die Gefahr erhöht, sie in einer Verzweiflungssituation zu benutzen», erklärt Cousin.

Nach dem Tod von Angehörigen steigt das Risiko

Wenn jemand eine grosse Menge Arzneimittel wild durcheinander schluckt, führe dies zwar meist nicht zum Tod, habe aber nicht selten bleibende gesundheitliche Schäden zur Folge. Häufig betroffen sind Leber oder Nieren. Ein erhöhtes Risiko besteht auch nach Todesfällen. In ihrem Schmerz sind Angehörige manchmal versucht, übrig gebliebene Medikamente des Verstorbenen zu schlucken.

Um dies zu verhindern, will man nun die Hausärzte vermehrt sensibilisieren sowie die Bezirksärzte einbinden, welche den Tod feststellen. Sie sollten gleich vor Ort anbieten, die Medikamente mitzunehmen und zu entsorgen, erklärt Cousin. «Es braucht viel Fingerspitzengefühl, Hinterbliebene in so einer schwierigen Situation darauf anzusprechen», ist sie sich bewusst.

Verschiedene Brücken und Geleise sichern

Ein weiterer Ansatzpunkt sind sogenannte Hotspots. Es ist bekannt, dass markante Bauten mit grosser Fallhöhe Suizidwillige anlocken. Traurige Berühmtheit haben in diesem Kontext etwa die Golden Gate Bridge in San Francisco oder die Münsterplattform in Bern erlangt.

Auch im Kanton Zürich haben die Zuständigen ein paar wenige entsprechende Lokalitäten ausgemacht, an denen sich verzweifelte Menschen das Leben nehmen. Um welche es sich handelt, will Marie-Eve Cousin nicht bekannt geben. «Das wäre für gefährdete Personen wie ein Wegweiser», befürchtet die Psychologin. In Zusammenarbeit mit der Baudirektion und anderen Partnern will man die exponierten Bauten und Bahnabschnitte nun sicherer gestalten – zum Beispiel mit Netzen, höheren Geländern oder Tafeln mit Telefonnummern, die Hilfe anbieten.

Weiter wurde eine Informations- und Notfallkarte für suizidgefährdete Personen entwickelt. Sie finden darauf eine übersichtliche Zusammenstellung der wichtigsten Hilfsangebote und Telefonnummern wie etwa der Dargebotenen Hand oder des psychiatrischen Notfalldiensts am Universitätsspital Zürich – im Kleinformat sogar fürs Portemonnaie.

Der Flyer soll von Hausärzten abgegeben und Patienten von Psychiatrischen Kliniken beim Austritt ausgehändigt werden. Auch an Stellen wie zum Beispiel Arbeitsämtern könnte er aufliegen. Denn es ist bekannt, dass die Suizidrate unter Erwerbslosen erhöht ist.

Zahlreiche Berufsgruppen einbinden

Verbessern will man zudem die Nachsorge nach Suizidversuchen anschliessend an einen Aufenthalt im Spital oder der Psychiatrie. Eine weitergehende Betreuung anzubieten, soll in solchen Fällen zur Routine werden. Das ist zwar in vielen Institutionen bereits Standard, doch manchmal gehe es im Strudel der Arbeit halt trotzdem vergessen, weiss Cousin.

Gemeinsam mit den Kliniken will man nun nach Möglichkeiten suchen, um die Abläufe zu verbessern. Eine gefährdete Klientel haben die Fachpersonen zudem bei Personen gefunden, die bei Sterbehilfeorganisationen abgelehnt wurden. Auch hier soll die weitere Betreuung besser gewährleistet werden.

Bei einzelnen Massnahmen konnten die Erfahrungen anderer Kantone genutzt werden oder man konnte laufende Angebote ausbauen und kantonsweit verbreiten. So treffen sich unterdessen zum Beispiel in den meisten Kantonsteilen Vertreter verschiedener Berufsgruppen zu einem sogenannten Suizidrapport, um einen fachlichen Austausch zu pflegen und die Zusammenarbeit voranzutreiben.

Daran können sich Ärzte, Pflegende, Spitex-Mitarbeitende, Personen, die mit alten Menschen arbeiten, Psychologen und Sozialarbeitende beteiligen, aber auch Vertreter von der Polizei, Feuerwehr und Ambulanz, Schulen und Apotheken.

Das Bewusstsein fördern, in Heimen und Medien

Präventionskonzepte sollen zudem für Alters- und Pflegeheime, Behinderteneinrichtungen und die Schule ausgearbeitet werden. Und nicht zuletzt hat die Suizidprävention Kanton Zürich kürzlich eine Weiterbildung für Medienschaffende durchgeführt sowie Leitlinien zur Verfügung gestellt. Denn Journalisten haben eine grosse Verantwortung, wie Marie-Eve Cousin betont: «Gut gemacht kann ein Bericht dazu beitragen, weitere Suizide zu verhindern. Schlecht gemacht kann er einen Nachahmungssuizid auslösen.»

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