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Stimmungsvoller Zauber aus Gips

Fast alle Menschen geniessen die Atmosphäre, die von Räumen mit Stuckdekorationen ausgeht. Nur wenige wagen, damit das eigene Heim zu gestalten. Man sollte es öfter versuchen, rät Stuckateurmeister Patrick Messerli.

Zur Herstellung der Profile für Stuckaturen braucht es viel Geduld. Wieder und wieder wird der Gips gezogen und werden Löcher aufgefüllt.
Zur Herstellung der Profile für Stuckaturen braucht es viel Geduld. Wieder und wieder wird der Gips gezogen und werden Löcher aufgefüllt.
Heinz Diener

Die schöne Wirkung von Stuck kennen fast alle, aus Schlössern, alten Wohnhäusern, repräsentativen Gebäuden oder atmosphärischen Kaffeehäusern. Rosetten über einer Deckenleuchte, dekorative Säulenfüsse und selbst schlichte Profile verwandeln einen Raum in einen Platz, an dem sich Menschen wohlfühlen.

Naturmaterial mit Geschichte

Es zählt zu den ältesten Baumaterialien überhaupt: Ausgrabungen belegen den Gipseinsatz im Hausbau bereits in der Jungsteinzeit. Die Aufgaben des Materials waren im Lauf der Jahrhunderte vielfältig, vom reinen Schutz der Aussenwände vor Wind und Wetter über den feuerfesten Schutz von Holzdecken oberhalb von Kronleuchtern bis hin zum rein dekorativen Einsatz. Der Grundstoff ist damals wie heute derselbe, Gips bzw. Calciumsulfat.

Solche Stuckaturen sind über all die Jahre reine Handarbeit geblieben. Patrick Messerli, der die Stuckmanufaktur in Brüttisellen betreibt, erzählt: «Wir verwenden einen sehr reinen Gips. Unser Grundstoff ist vergleichbar mit Modellgips, weil er wegen der Abbildungsgenauigkeit der Strukturen sehr fein vermahlen sein muss.»

Er und seine Mitarbeiter sind gelernte Gipser; Stuckarbeiten sind nur ein Teilbereich der Ausbildung und das wesentliche Knowhow bildet sich bei der regelmässigen Arbeit mit dem Material.

Kein Profil ohne Geduld

Was ein Stuckateur vor allem braucht, ist Geduld. Messerli zeigt in der Werkstatt, was er meint. Zwei Mitarbeiter ziehen gerade Profile für eine Stuckreparatur in Pontresina. Sieben verschiedene Schablonen formte er von den alten Profilen ab, um sie damit Stück für Stück reproduzieren zu können.

Zur Herstellung der Profile für die Stuckaturen braucht es Geduld.
Zur Herstellung der Profile für die Stuckaturen braucht es Geduld.
Heinz Diener
Aus diesem Haufen Gips entsteht mit viel Handarbeit das Profil für eine Restaurierung.
Aus diesem Haufen Gips entsteht mit viel Handarbeit das Profil für eine Restaurierung.
Heinz Diener
Für Patrick Messerli ist das Handwerk zu einer Lebensaufgabe geworden.
Für Patrick Messerli ist das Handwerk zu einer Lebensaufgabe geworden.
Heinz Diener
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Eine der Schablonen ziehen die Mitarbeiter gerade über einen weichen Gipsbrei auf dem langen Tisch, der ihnen minutenlang eher davonläuft statt in Form zu bleiben. Wieder und wieder wird gezogen, werden Lücken aufgefüllt und es beginnt von vorne. «Ganz wichtig ist das Materialverständnis und das zeigt sich hier», sagt Messerli. «Man muss das Abbindeverhalten von Gips kennen, es spüren und der Oberflächenveränderung ansehen können. Der Gips bestimmt das Tempo unserer Arbeit.»

Der Brei wird langsam fester und mit jedem Zug wird die Oberfläche glatter und reisst nicht mehr ab. «Würde man nicht ständig ziehen, erreichte man einen Punkt, wo sich das Rohprofil einfach nicht mehr vernünftig formen liesse.» Rund zwanzig Mal laufen die Stuckateure mit ihren Profilschablonen hin und her, bis alles stimmt.

Für alle Strukturen, die nicht gezogen werden, benutzt Messerli Silikonformen, in die der Gips gegossen wird. So entstehen beispielsweise Rosetten, Wandbilder oder Kaminverkleidungen. Bei den Restaurierungen oder Reparaturen entstehen die nötigen Silikonformen manchmal direkt vor Ort, damit brüchige Dekore erhalten bleiben, bis der Ersatz da ist.

Breit gefächertes Sortiment

Patrick Messerli baut sein Sortiment auf zwei Säulen auf, denn neben der Manufaktur gibt es bei Stuck auch Standards aus dem Katalog. In Zusammenarbeit mit der Firma Swiss Stuck bietet er zahlreiche vorgefertigte Dekorstücke an. In seinem Showroom lässt sich bereits erahnen, welche Wirkung einzelne Elemente auf einen Raum haben werden und wie Elemente stilistisch aufeinander abgestimmt sind.

Vor Ort ist die Montage, das so genannte «Versetzen», in vielen Fällen keine allzu aufwändige Arbeit mehr. «Als Modulbausteine bringen wir sie fertig mit», sagt Messerli. «Stuck ist durchaus bezahlbar. Und die Wirkung von echtem Gips gegenüber Kunststoffprofilen zahlt sich hinterher um ein Vielfaches aus.» Davon ist Messerli überzeugt.

Messerlis Knowhow ist mittlerweile stark bei Restaurierungen gefragt. Hier geht es nicht nur um Reparaturen, sondern auch um Rekonstruktionen. Da ist viel Wissen über zeitgenössische Motive nötig. Dabei sind aufwändigere Verfahren vor Ort im Spiel, um alte Strukturen abzunehmen und zu ergänzen oder gar alte Abbildungen in Stuckaturen zu übersetzen, um fehlende Elemente zu rekonstruieren.

Wer denkt, Stuckateure würden heute aber nur restaurieren oder sich auf repräsentative Bauten konzentrieren, irrt allerdings, meint Messerli: «Im Brandschutzbereich liefern wir einfach die attraktiveren Feuerschutzverkleidungen aus. Auch Lüftungsgitter oder schallwirksame Wandverkleidungen kommen von uns, wenn es wohnlich wirken soll.» Ein anderer Bereich, der sehr gefragt ist, sind indirekte Beleuchtungen. Messerli kümmert sich um die Profile oder Schalen, hinter denen die Leuchtmittel versteckt werden können. Mehr als die Hälfte aller Anfragen bei ihm sind Sonderanfertigungen. Die grafischen Entwürfe für Sonderanfertigungen aller Art realisiert er mit einer Partnerfirma.

Für Patrick Messerli ist Stuck zur Lebensaufgabe geworden. «Das Handwerk zeugt von Beständigkeit und auch mein Geschäft will ich mit diesem Anspruch führen», sagt er. «Stuck hat Zukunft und mit einem guten Fundament lässt sie sich gestalten.» Für den Aufbau der Firma nahm er sich entsprechend Zeit, um eben jenes Fundament aufzubauen: «Wie gesagt, Arbeiten mit Gips braucht Geduld.»

Im Heute angekommen

Während sich bei so manchem Handwerk die Formensprachen über die Jahre verändert haben und beispielsweise sehr schlichte Formen gefragt sind, hielt sich beim Stuck der Wunsch nach üppigen Strukturen. Eine Ausnahme bilden 1970er Jahre, in denen einfache Profile Mode wurden. Deren Fertigung verlagerte sich schnell in die Kunststoffindustrie und sind typische Baumarktware geworden. «Wer nach Brüttisellen kommt, sucht neben den Formen auch nach einer gewissen Qualität», ist sich der Stuckateur sicher.

«Die Modernität beim Stuck äussert sich weniger in der Form, sondern vielmehr in der unbefangenen Kombination von Stilrichtungen», findet Messerli. Derzeit stattet er beispielsweise einen Villenneubau am Zürisee aus. Von aussen erinnert der architektonische Entwurf stark an die 1970er und könnte aus einem älteren James Bond-Film stammen. «Einige Räume werden später mit in sich stimmigen Stuckaturen eine ganz andere Atmosphäre erzeugen», erzählt der Messerli.

Immer mehr Menschen besinnen sich auf natürliche Baumaterialien, was Messerli bei den Anfragen spürt: «Echter Gips wirkt in einem Raum feuchteregulierend, Kunststoff kann das nicht», sagt er. «Ausserdem hat Gips wärmedämmende Eigenschaften und all das ohne die Ausdünstung flüchtiger Stoffe.»

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