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«Wenn untergehen, dann bitte mit Stil und Charme»

«Davon geht die Welt nicht unter!» - Gesellschaftstenor Leo Wundergut erklärt die Weltlage. Christian Jott Jenny erklärt Leo Wundergut.

Leo Wundergut – frech, witzig, intelligent und musikalisch wie sprachlich virtuos: Christian Jott Jennys Kunstfigur macht rundum Spass.
Leo Wundergut – frech, witzig, intelligent und musikalisch wie sprachlich virtuos: Christian Jott Jennys Kunstfigur macht rundum Spass.
zvg

Twittert der neue amerikanische Präsident der Menschheit die Leviten, sagt Leo Wundergut: «Davon geht die Welt nicht unter!» Unter diesem Titel singt und philosophiert ab Anfang März Christian Jott Jennys Alias, gemeinsam mit Belcanto-Tenor Benedetto Rubini und dem Staatsorchester. Eine musikalisch-bissige Revue über die missliche Lage der Welt, liebreizend ummantelt von nostalgischem Liedgut und angereichert durch die charismatische Präsenz des Hauptdarstellers Leo Wundergut.

Wie viel Christian Jott Jenny steckt denn in Leo Wundergut?

Christian Jott Jenny: Tja, äh, was soll ich sagen? – Natürlich steckt immer etwas Christian in Leo. Aber in der Tat: Leo Wundergut hat sich in den letzten Jahren verselbständigt. Er denkt selber und anders und hat den immensen Vorteil, Dinge beim Namen zu nennen, die Christian Jott Jenny vielleicht eher nicht aussprechen sollte… Ich hoffe täglich, dass Donald Trump auch eine Kunstfigur ist und bald mal der Schauspieler dahinter sich outet und sagt, alles sei ein grosser Witz gewesen...

Sie hatten sich ja bereits vor der Leo-Wundergut-Zeit einen Namen als Tenor gemacht. Was hat Sie dazu bewogen, eine Kunstfigur zu kreiieren?

Eine Kunstfigur ist unabhängiger. Darf frecher sein, ehrlicher, direkter. Zudem macht es höllisch Spass, eine solche zu spielen. Ich hatte stets einige Seiten an mir – mit einer Kunstfigur habe ich mir eine Möglichkeit geschaffen, weitere Seiten auszuleben. Das klingt vielleicht schizophren, dem ist aber so. Zudem hat Wundergut eine eigene Kreditkarte. Und auch auf meinem Pass ist ein Foto von ihm und nicht von mir... Das ist nun kein Witz.

Und welche Message verbirgt sich hinter dem Namen Leo Wundergut?

Solche Dinge entstehen eigentlich immer mehr nebenbei oder als Zufall. Mein Freund, der ungarische Regisseur David Marton, und ich waren in Budapest unterwegs und haben an einer absurden Figur herumgedacht – wie die sein soll und dass sie einen positiven Namen haben soll, der das Gute etwas überdreht. So kamen wir auf Wundergut. Natürlich ist der Tenor Fritz Wunderlich da nahe dran, war aber nicht der Grund.

Mit «Davon geht die Welt nicht unter!» haben Sie eine bissig-musikalische Revue zur Lage der Welt inszeniert. Sie mögen wohl Galgenhumor?

Ja, das kann man wohl sagen! Ich habe als Kind viel Zeit in England verbracht. Bei einer Gastfamilie, die jeden Abend bitterböse britische Comedy gesehen hat. Das wurde mein Lebenselixier und ist heute mein Anker, den täglichen Wahnsinn zu überleben. Das Komischste passiert ja zurzeit leider real. Die Realität hat die Fiktion längst überholt. Donald Trump und Konsorten sind die grössten Konkurrenten für Satiriker. Früher war es Pfarrer Blocher; der hatte noch Stil.

Ist Humor immer eine gute Medizin gegen die Blessuren der Zeit?

Ja, gleich zusammen mit Musik. In Kombination sogar Wundermedizin. Deshalb kombiniere ich die beiden Elemente. Meine Erkenntnis ist, dass das Erhabene meist haarscharf neben dem Peinlichen und Lächerlichen liegt.

Reden wir doch mal über die Lage dieser Welt: Ist die herrschende kollektive Depression ein vernachlässigbares Hirngespinst oder gibt es valable Gründe für die grassierende Angst vor dem Untergang?

Die Welt geht so oder so einmal unter, soviel ist klar. Die Frage ist, ob sie davon untergeht… Darin kann man nun die aktuelle Politik sehen, das mediokere TV-Programm oder auch unsere neue Show. Carpe diem! Das Problem ist, dass eine totale Übersättigung von Allem ist. Es gibt zuviel. Wir wissen eigentlich nicht mehr, wie blöd wir tun sollen. Daraus resultiert irgendwann eine gewisse Bedeutungslosigkeit unseres Daseins. Es sind übrigens die Momente, in denen ich über meine Tage bei den eher katholischen Zürcher Sängerknaben und einer reformierten Mittelschule in Unterstrass sehr dankbar bin: Hier wurden mir Werte vermittelt, an denen ich heute gerne «gnage».

Und was sagt denn Leo Wundergut, ihr rosa bebrilltes Alter Ego, dazu?

Warum rosa? Er trägt einen schneeweissen Massanzug! Ich bitte Sie! Zur ganzen Sache meint er aber grundsätzlich: Egal was kommt, aber es tut gut, wenn man darüber teilweise auch herzhaft lachen kann. Wenn untergehen, dann bitte mit Stil und viel Charme. Und einem Glas in der Hand.

Sie pflegen mit altem Liedgut neue Missstände zu zerpflücken. Das ist einerseits skurril, andererseits höchst unterhaltsam. Wollen Sie das Publikum eher zum Hören oder zum Denken anregen?

Zu allererst möchte ich es unterhalten. Das ist, nach meiner Ansicht, die Königsklasse. Intelligente Unterhaltung ist zur Mangelware geworden. Wenn dabei die einen oder anderen Hirnzellen (falls vorhanden) angeregt werden, umso besser. Mir ist eine ganzheitliche Unterhaltung die nächste: Eine, die sich an Herz, Geist und Seele richtet. Sie sehen: eigentlich wollte ich Pfarrer werden...

Sie spiegeln die Gesellschaft mit nostalgischen Liederprogrammen. Damit sprechen Sie jedoch hauptsächlich ein reifes, intellektuelles Publikum an. Bedauern Sie nie, dass Sie nur selten die jungen Erwachsenen erreichen?

Ich gebe zu: Diese Frage beschäftigt mich in der Tat. Umgekehrt kann ich nicht aus meiner Haut. Ich bin in einem einigermassen mittelschichtigen Bildungsbürger-Haushalt gross geworden; das hat Spuren hinterlassen. Und ich verweigere mich vorerst noch der totalen Idiotie und Inhaltslosigkeit. In einer Zeit, in der jeder zweite Kebab-Verkäufer aus Neukölln auch Stand-Up-Comedian werden kann, sind kulturelle, reflektierte Beiträge mit Inhalt umso wichtiger. Zudem wirken sie nachhaltiger.

Die armen Kebab-Verkäufer...

Bitte entschuldigen Sie mich bei allen wundervollen Kebab-Verkäufer, die ihrem Job nachgehen und diesen gut machen. Ich bin mir übrigens sicher, dass es auch in Zukunft ein paar kluge junge Menschen geben wird, die ein Musik-Comedy-Format, wie das unserige, sehr schätzen.

Zurück zu den Liedern: Können diese überhaupt etwas bewirken?

Ja. Wir müssen nur daran glauben. Eine Gesellschaft ohne ihre Lieder ist tot.

Welches Lied hat denn für Sie eine besondere gesellschaftliche Bedeutung?

Ach, hier wäre eine vollständige Liste sehr lang. Aber nehmen wir einfachheitshalber den Titelsong: «Davon geht die Welt nicht unter!» Dieses wurde während des Zweiten Weltkrieges vom schwulen jüdischen Autor Bruno Balz in Gestapo-Haft für Zarah Leander geschrieben; diese wurde dadurch wiederum weltbekannt. Das Lied zeigt im zweiten Refrain einen Haufen jaulender Nazis, die den Refrain mitsingen. Diese Geschichte, dieser Hintergrund zu diesem Lied (welches tatsächlich noch nichts mit dem Cabaret Rotstift zu tun hat!) beschreibt ein schönes, grauenvolles Bild, in welcher gegensätzlicher Welt wir leben. Und dennoch: Das Lied ist schlussendlich positiv behaftet. Das macht Mut.

Und an welchem Lied aus Ihrem neuen Programm haben Sie am meisten Spass?

An unserer Kurzoper «Car-Men» von Schorsch Bissegger aus Zurzach, der entfernte Cousin von Georges Bizet. Es ist die bisher einzige Schweizer Reisebus-Oper in vier Akten. Und verbindet auf magische Art und Weise «Carmen» und helvetische Volksweisen. Diese Oper müssen wir bringen, weil unser Hauptsponsor schliesslich Emil Frey ist. Ha!

«Davon geht die Welt nicht unter!» 4. bis 26. März. Miller’s, Seefeldstrasse 225, Zürich. Tickets: Telefon 044 387 99 79, www.wundergut.ch sowie www.millers-studio.ch.

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