Kaiman im Hallwilersee? «Bloss nicht mit dem Paddel schlagen»

Ein Fischer sichtet im Aargau ein kleines Krokodil. In den Strandbädern haben alle davon gehört – und stellen sich zwei grosse Fragen.

Mysterium Nummer 1: Wie gelangt ein im Amazonasbecken heimisches Tier ins aargauische Seetal? Foto: Keystone

Mysterium Nummer 1: Wie gelangt ein im Amazonasbecken heimisches Tier ins aargauische Seetal? Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Gar Unheimliches trat am Sonntagabend am Hallwilersee zutage. Ein Fischer fischt, es ist gegen halb zehn, die Sonne geht gerade unter, als plötzlich vor ihm ein Tier auftaucht, rund eineinhalb Meter lang. Er beschreibt es später der Polizei als Reptil, das nach einer kleinen Ente schnappt. Danach soll das Raubtier mit dem Entlein im Maul abgetaucht sein. Fachleute sind sich einig: Das muss ein Kaiman sein, ein kleines Krokodil, das besonders gern abends jagen geht. Eine Sommergeschichte erwacht. Der Kaiman vom Hallwilersee.

Tatsächlich, das Reptil provoziert grundsätzliche Fragen. Wie kommt ein solcher Kaiman in den See? Muss man nun Angst haben? Darf man hier noch baden? Und: Kann man Fischern bei Grössenangaben trauen?

Die ermittelnde Kantonspolizei Aargau findet Ja. Schliesslich handle es sich um einen «erfahrenen Fischer». Am Dienstag um 14.48 Uhr verschickt sie ihre Medienmitteilung: «Hallwilersee: Mutmasslichen Kaiman gesichtet.» Und etwa zehn Minuten später geht der ­Wirbel los. Die grösste Zeitung des Landes hievt den Kaiman auf ihre Titelseite. Der «Blick» berichtet aus der Gefahrenzone («Am Hallwilersee herrscht derzeit Angst») und redet mit – nun ja – Überlebenden: «Wenn wir das gewusst hätten, wären wir sicher nicht schwimmen gegangen», sagt Sebastian (29) aus Niederrohrdorf.

Andere wittern ein Geschäft, wie die «Aargauer Zeitung» berichtet. Der Wirt der Seerose in Meisterschwanden, gut 500 Meter Luftlinie vom Sichtungsort, hat bei seinem Fleischhändler zwei Kilogramm Krokodilfleisch bestellt und bietet seit gestern eine neue Spezialität an: Krokodilburger mit Pommes.

Der Kaiman beschäftigt nicht nur die Menschen vom Hallwilersee. Sondern das ganze Land oder zumindest die Leute in den sozialen Medien. Dramatische Deutungen machen die Runde: Ist das der Beginn der Rückeroberung, wie sie Franz Hohler beschrieben hat? Offenbart sich hier bereits die Post-Klimawandel-Schweiz? Tigermücken in Wollishofen, Fleisch fressende Bestien im Voralpentümpel. Eines jedenfalls scheint gewiss: Die Wildnis kommt zu uns. Ein Gruseln erfasst das Land.

Die Sache mit dem Panther

Mit dem Kaiman kommen Erinnerungen an den Sommer 2012 auf. Damals hat ein Wildhüter in Solothurn offenbar eine schwarze Raubkatze gesichtet. Er war sich zu 99 Prozent sicher, dass es sich um einen Schwarzen Panther handelt. Ein Panther in der Schweiz – es war das Thema des Sommers, Spaziergänger wurden gewarnt, die Kinder unter Hausarrest gestellt, der Boulevard bastelte Schlagzeilen, der «Tages-Anzeiger» schrieb: «Der Yeti von Europa».

Kennen sich mit Reptilien angeblich gut aus: Kinder im Strandbad Beinwil. Foto: Philippe Stalder

Im Strandbad Beinwil haben alle vom Kaiman gehört, die Menschen sind ausgerüstet mit allerlei Halbwissen. Er kommt nur in Südamerika vor und hat bis zu 80 Zähne. Er wird 100 Jahre alt und 2,50 Meter lang. Er ist gewöhnlich ungefährlich, kann aber böse Wunden verursachen. Sascha Vogt weiss das, der Bub bereitet mit dem Bruder das Stand-up-Paddle vor. Nicht vor dem Kaiman hätten sie Angst, sondern davor, dass das Bad den Strand absperre. Auf eine mögliche Begegnung haben sie sich eingestellt. «Bloss nicht mit dem Paddel auf die Nase schlagen», sagt der kleine Bruder Iwan, «sonst würde er noch ­aggressiv werden.»

Glaubt nicht, dass es den Kaiman gibt: Adolf Motz mit seiner Frau Elisabeth. Foto: Philippe Stalder

Stammgast Adolf Motz aus Baden glaubt nicht an den Kaiman: «Das muss ein harmloser Fisch gewesen sein, ein Hecht oder ein Wels.» Seine Frau Elisabeth hingegen badet mit Vorsicht: «Im Wasser schaue ich jetzt immer, ob sich unter mir etwas bewegt.» Andere wiederum schicken ihren Hund voraus, bevor sie ins Wasser gehen. Am Stammtisch des Restaurants «Marias Esszimmer» sitzen zwei ältere Damen, die anonym bleiben wollen. Dame 1: «Ich selber habe Schiss vor dem Kaiman, obwohl er den Tumult offenbar ja meidet.» Dame 2: «Ach was, dieser Fischer hat doch bloss eine Fata Morgana gesehen.» Dame 1: «Nein, nein. Ein Typ hat den Kaiman ausgesetzt, nachdem er ihn in seiner Badewanne gehalten hat.» Dame 2: «In der Ferienzeit setzen sie Hunde aus, aber ­doch sicher keine Kaimane.»

Die zweite grosse Frage

Der Kaiman macht eine Person besonders stutzig. Patrick Fischer vom Fischerverein Hallwilersee, seit über 40 Jahren fischt er – sein Name sei im Ort übrigens ein gängiges Geschlecht. Jedenfalls verwundere ihn die Sache. «Man kennt sich hier. Wenn jemand einen grossen Fisch fängt, dann weiss man das nach 30 Minuten», sagt er. So auch vor zwei Wochen, als Fischer einen 85 Zentimeter langen Zander rausgezogen hat. Der Fang landete sofort auf Whatsapp und Facebook. Fischerehre. Doch nun beim Kaiman: Funkstille.

Und so ist das wahre Rätsel für viele hier nicht der Kaiman, sondern sein Sichter. Niemand kennt ihn. Fischer sagt von sich, er sei wahrscheinlich derjenige, der hier am meisten fische, doch auch er kenne ihn nicht. Er hat in seinem Umfeld nachgefragt. Auch dort: keine Ahnung. «Die Polizei soll doch den Namen rausrücken», sagt er, dann herrsche Klarheit. Solange das nicht geschehe, halte er die Sache für einen Scherz. Oder den Kaiman für einen Hecht. Wenn nämlich ein Hecht auftauche, könne das mit seinem grossen Maul sehr wohl etwas Kaiman-artiges haben. Der Fisch lebe ebenso mit dem Hang, nach Enten zu schnappen. Bleibt ein Haken: Hechte werden gemäss Fischer im Hallwilersee nur 1,35 Meter gross. Nun, beim Schätzen könne man auch mal danebenliegen. Fischerstolz. Es bleibt ein Mysterium.

Die Polizei hat den See mit Booten abgesucht und bald gemerkt, dass das unsinnig ist: zu viel Wasser, zu wenig Kaiman.

Dazu gehört auch die Frage, wie ein im Amazonasbecken heimisches Tier ins aargauische Seetal gelangt? Die Ermittlungen der Polizei zeigen: Bei den registrierten Kaiman-Haltern fehlt kein Tier. Sie geht darum davon aus, dass der Kaiman wahrscheinlich aus illegaler Tierhaltung stammt und ausgesetzt wurde. Derweil hat die Polizei den See mit Booten abgesucht und bald gemerkt, dass das unsinnig ist: zu viel Wasser, zu wenig Kaiman. Sie über­legte sich, Futterfallen aufzustellen, doch auch hier: zu viel anderes Futter, zu wenig Kaiman. Darum hat sie den Fischern aufgetragen, sie sollen sich melden, falls der Kaiman auftauche.

Bisher sahen die Gäste im Strandbad Beinwil das gesuchte Reptil nur in Form von Gummi. Foto: Reto Oeschger

In den Strandbädern und an den Stammtischen diskutieren sie indes weiter. So lange, bis das Rätsel gelöst ist. Der Panther von Solothurn war übrigens eine Ente. Er entpuppte sich als Büsi. Im Fall Kaiman enttarnte der «Blick» spät am Abend den Fischer. Ein Deutscher, der anonym bleiben will. Er sagt nur: «Es war sicher kein Hecht.»

Erstellt: 17.07.2019, 22:04 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zuonline.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 854 82 14. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare