Weinsteins Lebkuchenhaus

Im Prozess gegen den Filmmogul zeichnet Staatsanwältin Meghan Hast das Bild eines Manipulators, der sich systematisch an jungen Frauen verging.

Es wird ernst für Harvey Weinstein – am Tag der Eröffnungsplädoyers betritt er an der Seite seines Publizisten Juda Engelmayer das New Yorker Gericht. Foto: Brendan McDermid, Reuters

Es wird ernst für Harvey Weinstein – am Tag der Eröffnungsplädoyers betritt er an der Seite seines Publizisten Juda Engelmayer das New Yorker Gericht. Foto: Brendan McDermid, Reuters

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Um kurz nach neun betritt Harvey Weinstein den Gerichtssaal mit der Nummer 99. Es ist der bislang wichtigste Tag im Vergewaltigungs­pro­zess gegen den Filmpro­du­zenten. Staatsan­waltschaft und Verteidigung präsentieren ihre Eröffnungs­plä­doy­ers – und auch Harvey Weinstein hat sich offenkun­dig auf seinen Auftritt vorbe­reitet: Der 67-Jährige läuft schwerfällig, aber ohne Rollator an den hölzernen Bank­reihen vorbei, am Ell­bo­gen dirigiert von seinem Publizisten Juda Engelmayer. Der PR-Fach­mann ist eine der weni­gen Konstanten in Weinsteins Umfeld, er war schon an dessen Seite, als der einstige «König Hollywoods» Ende Mai 2018 zum ersten Mal in das schmucklose Gebäude der Strafkammer des New York State Supreme Courts geführt wurde. Damals in Hand­schel­len.

Mehr als anderthalb Jahre später geht der Prozess gegen je­nen Mann, dessen Fall eine weltweite Frauenrechtsbewegung auslöste, nun mit den soge­nan­nten Ope­ning Statements richtig los. Hinter dem Gericht liegen bereits zwei Wochen mühseliger Be­fra­gungen. Die Auswahl von zwölf unbefangenen Juroren gestaltete sich schwierig, kurz nachdem am vergangenen Freitag das Gre­mium stand, berichtete das Boulevardportal Page Six, dass eine der Ju­ro­rinnen jüngst einen Roman fertigstellt habe. Motiv: drei junge Frauen und ihre Beziehungen zu älteren Män­nern mit triebhaften Tendenzen. Weil die Jurorin ihre schriftstellerische Tätigkeit vor Richter James Burke nicht verschwiegen hatte, durfte sie dennoch bleiben.

Weinsteins Blick scheint am Mittwochmorgen immer wieder am grossen Monitor zur Lin­ken des Richterstuhls hängenzubleiben. Dort leuchten während der Ausführungen der Staatsanwaltschaft die Gesich­ter von sechs seiner mutmasslichen Opfer auf. Mal sind es professionelle Porträtaufnahmen, mal Schnappschüsse. Dazwischen: die Front einer weiss getünchten Appartementanlage, der Eingang zu einem Hotel, ein Badezimmer mit moderner Glasdusche – Bilder der mutmassli­chen Tatorte.

Unfreiwillig in der Öffentlichkeit

Vor Gericht in Manhattan geht es um Vergewaltigung und erzwungenen Oralverkehr. Zwei Frauen stehen im Fokus: Miriam «Mimi» Haleyi, eine ehemalige Produktionsassistentin in Wein­steins inzwischen bankrotter Firma, hatte ihre Anschuldigungen gegen den Ex-Filmmogul selbst öffentlich gemacht. Eine zweite Frau, die bislang anonym war, wird nun unfreiwillig zur öffentlichen Person.

Harvey Weinstein, so stellt es die Staatsanwaltschaft dar, hatte ein Radar für Naivität, Ver­letz­lichkeit und Schutzlosigkeit. Jessica Mann, das bislang unbekannte Opfer, sei auf einem Milchhof in einer evangelikalen Gemeinde in Washington State auf­ge­wachsen, erzählt Staatsanwältin Meghan Hast. Eine «harte» Kindheit, geprägt von Misshandlungen. Mit 16 flieht Mann regelrecht von Zuhause, findet sich in L.A. wieder, als eines von vielen hoffnungsvollen Talenten. Sie wohnt mit einer anderen Jungschauspielerin in einer WG, geht zu Dutzenden Vorsprechen, ergattert erste Jobs in Werbespots. Und sie trifft auf einer Filmparty Harvey Weinstein, damals bereits Anfang 60, ein «Tycoon» der Traumfabrik, wie es die Staatsanwältin formuliert.

In den darauffolgenden Wochen und Monaten forciert Weinstein den Kontakt. Er nimmt die Schauspielerin mit in eine auf Filmliteratur spezialisierte Buchhandlung. Er lädt sie in eine Hotelbar ein, um mit ihr über ihre Schauspielkarriere zu sprechen. Und er unterzieht sie, so drückt es Hast aus, ersten «Tests». Eines Abends bietet Weinstein Jessica Mann eine Massage an – die lehnt ab, erklärt sich aber bereit, ihn zu massieren. «Sie wollte verhindern, dass er sie berührt.»

In Fällen von Kindesmissbrauch sprechen Experten von Grooming, wenn sich Täter suk­zessive das Vertrauen ihrer späteren Opfer er­schleichen. Glaubt man der Staatsanwaltschaft, lockte Weinstein seine mutmasslichen Opfer nicht mit Geschenken, sondern mit seinen Branchen-Kontakten und der Aussicht auf Jobs. Welche Macht Weinstein in Hollywood genoss, bestätigt am Nachmittag der erste Zeuge im Prozess: ein ehemaliges Vorstandsmitglied der Weinstein Company. Staatsanwältin Meghan Hast sagt in ihrem Plädoyer in Anspielung auf Grimms Märchen von «Hänsel und Gretel»: «Er war die alte Frau im Lebkuchenhaus.»

Die Taten selbst schildert die Staatsanwältin als brutale Angriffe. Weinstein, 1,80 gross und bis vor Kurzem knapp 140 Kilo schwer, setzte seinen Körper als Waffe gegenüber seinen kräftemässig unterlegenen Opfern ein. An Jessica Mann soll sich Weinstein bei einer Gelegenheit gleich mehrmals vergangen haben. Um seine Erektion zu halten, spritzte er sich offenbar ein Medikament in den Genitalbereich.

«Das hört sofort auf!»

Fast zwei Stunden redet Hast – dann wendet sich die Verteidigung an die Jury. Harvey Weinstein sei in diesem Gerichtssaal als «Raubtier», «Vergewaltiger» und «Manipulator» bezeichnet worden. «Das hört sofort auf!», poltert Verteidiger Damon Cheronis. (Einen Antrag der Verteidigung, den Prozess wegen eben solcher Formulierungen vorzeitig für gescheitert zu erklären, lehnt Richter Burke kurz darauf ab.)

Der Anwalt aus Chicago, der mit seiner Kanzleipartnerin Donna Rotunna Weinsteins mittlerweile drittes Verteidigerteam anführt, gilt als begabter Rhetoriker. Während die Staatsanwaltschaft das Bild eines Mannes zeichnet, dessen systematische Übergriffe sich über mehr als zwei Jahrzehnte erstrecken, attackiert Cheronis vor allem die Frauen, die seinen Mandanten beschuldigen. Der Verteidiger zitiert aus einer E-Mail, die Miriam Haleyi an Weinstein geschrieben hat. Sie endet mit den Worten: «Ich hoffe, es geht dir sehr gut. Liebe und Frieden, Miriam».

Jessica Mann habe Weinstein ihrer Mutter vorstellen wollen, erklärt Cheronis, und sie habe ihm ganz freiwillig ihre neue Handynummer zukom­men lassen – nach der mutmasslichen Vergewaltigung. «Sie werden beurteilen, was Fakt ist und was Fiktion», schickt der Verteidiger in Richtung der zwölf Laienrichter.

Erstellt: 23.01.2020, 09:49 Uhr

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