Affoltern am Albis

Mann tötet Familie – seine Firma arbeitete für Polizei und Justiz

In Affoltern am Albis ist eine vierköpfige Familie tot aufgefunden worden. Ein 53-Jähriger hat Frau und Kinder und dann sich selbst umgebracht.

In Affoltern am Albis hat die Polizei eine vierköpfige Familie tot aufgefunden. Video: Tamedia/Keystone-SDA

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Am Morgen danach zeugt nur noch ein Siegel an der Wohnungstür von der schrecklichen Tragödie. Am Donnerstagabend fand die Kantonspolizei Zürich in einer Wohnung eines Zweifamilienhauses in Affoltern am Albis vier Tote: Einen 53-jährigen Mann, dessen 51-jährige Frau und zwei Söhne im Alter von sieben und neun Jahren. Die Polizei geht davon aus, dass der Schweizer zunächst seine Familie und dann sich selber getötet hat.

Noch ist vieles unklar. Etwa der Tatzeitpunkt: Eine besorgte Frau meldete sich am Donnerstag um 21 Uhr bei der Kantonspolizei, weil ihre Mitarbeiterin nicht zur Arbeit erschienen war. Die Polizei rückte aus, die Nachbarn berichten von Sirenen und Blaulicht bis in die Nacht. Mehrere Polizeiwagen säumten über Stunden die Quartierstrasse. Doch Schüsse oder Schreie hat niemand vernommen. Auch über die Tatwaffe ist bislang nichts bekannt. Da der Tathergang noch nicht geklärt ist, gibt die Polizei dazu keine Auskunft. Auch ob der Mann polizeilich bekannt war, etwa wegen häuslicher Gewalt, sagt die Polizei nicht.

Nur noch das polizeiliche Siegel zeugt von der Tragödie. Bild: Paulo Foschini

Marktlücke gefunden

Gemäss TA-Recherchen dürfte der Mann den Strafverfolgungsbehörden aber bekannt sein. Als Kunden sind auf der Website seiner Firma etliche Schweizer Kantonspolizeien, Staatsanwaltschaften und Justizvollzugsämter bis hin zum FBI aufgeführt. Die Firma hat sich auf die Sicherung digitaler Beweise spezialisiert, erstellt etwa Gutachten über strafrechtlich relevante Videos oder analysiert auf Auftrag Handydaten oder Festplatten. Der Mann soll bei der Polizei Schulungen gegeben und Vorträge zum Thema gehalten haben.

Die Firma war auch in den Medien immer mal wieder präsent. 2008 zweifelte ein Verteidiger an ihrer Unabhängigkeit, da auch ehemalige Polizisten da arbeiten sollen. Die Firma arbeitet aber auch für private Anwaltskanzleien. Sie schloss offenbar ab den Nullerjahren erfolgreich eine Marktlücke: Unterstützung der Strafverfolgungsbehörden bei Cyberkriminalität oder Industriespionage. Wertvolles Können, das die Behörden erst nach und nach aufbauen mussten. Die Kantonspolizei Zürich will auf Anfrage dazu keine Angaben machen. Auch ein Mitinhaber der Firma gibt keine weitere Auskunft.

«Ich kann es nicht fassen»

Die schreckliche Nachricht verbreitete sich gestern wie ein Lauffeuer in Affoltern. Im Quartier wohnen viele Familien, Mehrfamilienhäuser grenzen an Einfamilienhäuser. Man kennt sich vom Sehen, trifft sich auf Schulveranstaltungen oder grüsst sich auf Spaziergängen – die mittlere Anonymität einer Kleinstadt in der Schweiz. «Mir ist heute die Lust an allem vergangen», sagt Nachbarin Maria Murati und schaudert. Sie kennt die Familie vom Sehen. Gebildete Leute mit guten Jobs, habe sie den Eindruck gehabt. Die Familie hatte einen Hund, die Kinder sah man zufrieden draussen spielen.

«Ich kann es nicht fassen, dass es hier zu so einem Fall gekommen ist», sagt auch Lydia Bütler. Die 49-Jährige wohnt in unmittelbarer Nähe – und vis-à-vis dem Kindergarten. «Die Frau brachte den kleinen Jungen jeden Tag in den Kindergarten. Sie war sympathisch, sportlich, die Kinder immer fröhlich. Zu Halloween kamen sie bei uns Süssigkeiten sammeln.»

Der grössere Junge ging mit ihrem Sohn in die gleiche Schule. «Ich weiss kaum, wie ich ihm das beibringen soll», sagt Bütler. «Es ist traurig. Man sieht immer nur das Äusserliche, nie was innen vor sich geht», sagt Bütler. Der Vater sei ein netter Typ gewesen. Kürzlich habe ihr Mann einen Vortrag über Cyberkriminalität von ihm gehört. «Wie verzweifelt muss man sein, um so etwas zu tun?», fragt sie.

13 Fälle pro Tag

Fälle von erweiterten Suiziden oder Tötungen im häuslichen Bereich kommen immer wieder vor. Im Jahr 2018 wurden in der Schweiz 27 Tötungen im häuslichen Bereich verübt, insgesamt kam es in der Schweiz zu 50 Tötungsdelikten. Mehr als die Hälfte der Opfer kommen also in den eigenen vier Wänden um. Das waren zwischen 2009 und 2017 durchschnittlich 25 Menschen pro Jahr. Meistens sind die Opfer weiblich. Gemäss der Kriminalstatistik starb 2017 alle drei Wochen eine Frau wegen häuslicher Gewalt. Im Kanton Zürich muss die Polizei pro Tag im Schnitt 13 Mal ausrücken, um gewaltsame Auseinandersetzungen innerhalb von Familien zu beenden. Fünf von sieben Tötungen, die 2018 im Kanton verübt wurden, fanden im häuslichen Bereich statt.

Politiker alarmiert

Die beiden SP-Regierungsräte Jacqueline Fehr und Mario Fehr haben das Thema in ihrem vergangenen Wahlkampf auf die Agenda gesetzt. Um die Schutzmassnahmen für die Opfer zu verbessern, forderten sie mehr Geld für die Beratungsstellen. Sie beantragten dem Regierungsrat, den Beitrag von 6 auf 7,5 Millionen zu erhöhen. Die Beratungsstellen seien heute oft überlastet. Mit dem Geld könnten neue Stellen geschaffen werden.

In Fällen wie diesem in Affoltern am Albis sprechen Experten von erweitertem Suizid. Was das Motiv des Täters gewesen sein könnte, ist bisher unbekannt.

Erstellt: 19.07.2019, 10:17 Uhr

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