Zürich

«Was unter der Zeltkuppel zählt, sind gemeinsame magische Momente»

Salto Natale, der Circus der anderen Art, erzählt mit seinem Programm «Luna» die Geschichte von der Suche nach einer verschollenen Liebe. Artist Paul Chen hat seine «grosse Liebe», das ­Einrad­fahren, schon gefunden.

Einrad-Doppelweltmeister Paul (Matthess) Chen sucht nach dem Sport die artistische Herausforderung.

Einrad-Doppelweltmeister Paul (Matthess) Chen sucht nach dem Sport die artistische Herausforderung. Bild: Martin Allemann

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Paul Matthess, Ihr Künstler-name ist Paul Chen, wurden Sie in der Kindheit so gerufen?
Paul Chen: Es ist in der Tat von Paulchen abgeleitet, hat alsoweder mit einem Kampfsportler noch mit dem Japaner zu tun, der in seiner Heimat eine Samuraischwert-Manifaktur betreibt. Ich komme aus einem Dorf, einer sehr ländlichen Gegend in Südhessen. Mein Vater ist ­Beamter, meine Mutter arbeitet in einer Apotheke, und mein Bruder lebt in Kanada. In mir fliesst also keinerlei artistisches Ahnenblut.

Sie haben erst den sportlichen Weg eingeschlagen ...
Genau. Fahrrad fuhr ich immer gerne. Mit zwölf Jahren habe ich das Einrad in einem Geschäft entdeckt. Das wollte ich unbedingt und habe es mir dann von meinem Taschengeld gekauft.

Also eine Art Liebe auf den ersten Blick?
Ja, aber es war erst echt frustrierend. 300 Mark auszugeben, um ernüchtert festzustellen, es ist ­unmöglich, es geht gar nicht. Das kitzelte meinen Ehrgeiz. Nach einer Woche konnte ich damit herum­kurven. Ich trainierte fünf bis sechs Stunden am Tag, obwohl ich bis dahin ziemlich unsportlich war.

Weshalb Einrad und nicht mit zwei Rädern?
Kunstfahren auf zwei Rädern hat mich nie wirklich inter­essiert. Mit 14 Jahren habe ich eine eigene Einrad-Hockeymannschaft zusammengestellt. Später wurde ich in Renn- und Kürdisziplinen aktiv. Es gibt eine sehr breit gefächerte, internationale Szene mit erfolgreichen Schweizer Teams. Nach eineinhalb Jahren gewann ich meine erste Deutsche Meisterschaft. In den Folgejahren wurde ich auch Europameister und 2002 Doppelweltmeister.

Weit- und Hochsprungmit dem Einrad sieht für den Laien eher eigenartig aus, oder?
Beeindruckend. Das kommt aus dem Trialbereich. Dabei springt und fährt man über mögliche und unmögliche Hindernisse. Hauptsächlich in der Stadt oder im Wald. Früher habe ich das auch sehr intensiv betrieben.

Worin liegt beim Einradfahren die Herausforderung?
Vieles scheint auf den ersten Blick unmöglich: das Fahren, die Tricks, die man versucht. Es bedeu­tet viel Fleissarbeit. Man muss ehrgeizig sein und dran bleiben.

Ein Balancegefühl zu haben ist wohl eine Grundvoraussetzung, oder ist ein solches erlernbar?
Es ist wie bei manchem anderem, entweder man hat es oder eben nicht. Ich habe es mir hauptsächlich erarbeitet, deshalb fällt es mir leichter, andere Balance-Disziplinen zu erlernen.

Sind Sie als Privatperson auch ausgeglichen, und bei welcher Gelegenheit geht Ihnen dieBalance abhanden?
Ich kenne sehr unterschiedliche Charaktere von Einradfahrern. Ich sehe mich als ausgeglichener Mensch. Mein Tag setzt sich zur Hälfte aus Büroarbeit, zur anderen Hälfte aus Training und Show zusammen. Ich hätte wohl Mühe mit einem 08/15-Job. Ich mache Fernlehrgänge, um mich für die Zeit nach der Showkarriere beruflich abzusichern. Ein anderer Ausgleich ist das Jonglieren. Das mache ich täglich ­etwa eine Stunde lang, weil ich beim Einradfahren hauptsächlich mit den Beinen arbeite.

Kam Ihnen die der Artisten­karriere vorangegangenesportliche beim Besuch derArtistenschule entgegen?
Ich habe mit 23 Jahren lediglich einen Quereinstieg gemacht, weil ich durch die Weltmeister­titel vermehrt Showanfragen ­bekam. Zudem besuchte ich ­damals das Lehramt, studierte Sport und Geschichte für das Gymnasium. Ich musste mich für oder gegen das professionelle Einradfahren, die Selbstständigkeit entscheiden.

Haben Ihre Eltern daraufEinfluss genommen?
Ich wollte schon mit 16 Jahren auf die Artistenschule, aber sie haben darauf bestanden, erst das Abitur (Matura) zu machen. Ich habe fortan wieder vermehrt auf den Sport gesetzt. Letztendlich haben meine Eltern mich aber unterstützt, weil sie gesehen haben, dass ich mein Leben schon «artistisch» finanzieren konnte.

Mit Sponsoring?
Weniger. Ein Kollege wird zwar von einem Ausrüster gesponsert, wenn er in Nepal den Berg hinun­ter fährt, aber ich kann mir solche Action nicht mehr erlauben. Die Verletzungsgefahr ist einfach zu hoch. Ich habe bei meinen Engage­ments Verträge zu erfüllen. Deshalb gehe ich in meiner Freizeit nicht einmal Ski fahren.

Im Zelt treffen erste Gäste ein; im Lichterglanz erklingt «Stille Nacht, heilige Nacht … Alles schläft, einsam wacht». Apropos einsam, führen Sie nicht einunstetes Nomadenleben?
Während eines zwei bis drei ­Monate dauernden Engagements wohnt man im Appartement oder Hotel. Dreimal war ich schon ein halbes Jahr auf einem Kreuzfahrtschiff unterwegs und eine Zirkussaison lang in Norwegen mit dem Wohnwagen. Das waren 165 Orte in 185 Tagen bei zwei freien. Danach war ich fit. Ich bin verheiratet. Meine Frau lebt in Berlin. Seit dies so ist, macht es die Sache schon schwieriger. Oft reist sie mir hinterher. Hier in Kloten ist das praktisch. In eineinhalb Stunden ist sie hier. Künftig möchte ich wieder vermehrt im Gala-Geschäft arbeiten. Dann bin ich hauptsächlich an den Wochenenden unterwegs. Meine Frau besitzt ein Steuer­beratungsbüro, deshalb bilde ich mich auch in Buchhaltung und Bilanzierung weiter.

Hat man als Artist immer die Angst vor einer schwerwiegenden Verletzung im Hinterkopf?
Immer nicht, aber das Gefähr-liche mit meinem Gerät ist, es braucht ständig die absolute ­Balance, egal, ob man sich, je nach Tagesform, auch mal schlecht fühlt. Ich habe gefühlte tausend Edelstahlkanten, auf die ich treffen kann. Wenn ich ­falle, habe ich wenig Zeit zu rea­gieren. Wenn ich mit dem hohen Einrad abrutsche, habe ich länger Zeit, den Sturz aufzufangen.

Man spricht oft von Artisten-familie. Ergibt sich übereine längere Spielzeit so ein ­«Groove», oder sind die Mentalitäten doch schon sehr verschieden?
Sehr unterschiedlich, es kommt halt auch darauf an, wie man auf der Bühne zusammenwirkt. Sei es die Opening-, die finale Choreografie oder andere Interaktionen. Die Probenarbeit schweisst schon zusammen. Es kommt auch sehr auf die ein­zelnen Personen an. Vielleicht kennt man jemanden bereits von einer anderen Produktion her. Aber tagsüber führt man meist sein eigenes Leben, der ganz normale Alltag eben.

Braucht es auch dieseAbgrenzung zur Show-Welt?
Schon, aber auch wenn ich hierherkomme, verfolge ich einen ­genauen Ablauf. Ich habe da ziemlich viel Struktur drin. ­Trainiere eineinhalb Stunden auf der Bühne. Punkt Sieben Uhr Make-up, Paradekostüm, Parade und dann Überkostüm für das Opening. Nach dem Opening das Überkostüm wegreissen und Auftritt. Dazwischen bleiben nur wenige Minuten für das Aufwärmen. Eine Stunde Fitnesstraining und wieder Umziehen für das Finale.

Wie fühlen Sie sich währenddes Auftritts?
Wenn ich ins Scheinwerferlicht trete, vergesse ich möglichen Alltagsärger und will mit dem Publikum Spass haben. Diese Lockerheit, neben der Konzentration auf das Darzubietende, mit dem Publikum in einen Dialog zu treten, das musste ich mir erarbeiten. Die ersten zwei Jahre waren meine Nummern eher düster ­angelegt, um mir die Konzentration zu gewährleisten. Heute ­suche ich den kurzen ironischen Moment, oder ein Blickkontakt und geniesse den Applaus.

Dieser ist ja das «Brot desKünstlers» ...
Das klappt hier in der Schweiz leider nicht mit dem Preisniveau ...

Sind es Preise, Auszeichnungen,beispielsweise an Festivals?
Die sind zwar gut fürs eigene Marketing, aber was unter der Zeltkuppel zählt, sind die gemeinsam erlebten, magisch-schönen Momente.


Salto Natale – «Luna»Bis 2. Januar 2017.
Parkplatz Holberg, Zürich-Kloten.
Infos: www.saltonatale.chTickets: Telefon 0900 66 77 88 (Fr. 1.15/Min.). (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 16.12.2016, 15:18 Uhr

TICKETVERLOSUNG

Salto Natale – Der «Zürcher Unterländer» verlost 2×2 Tickets für die Aufführung von Dienstag, 27. Dezember, um 15 Uhr. Die Gewinner werden per Mail informiert.
Kennwort: Natale
Teilnahme: kostenlos per E-Mail an ticketverlosung@zuonline.ch bis Montag, 19. Dezember, 8 Uhr. Über die Verlosung wird keine Korrespondenz geführt. Die Teilnahme ist nur einmal pro Person möglich; Mitarbeiter von Tamedia sowie deren im selben Haushalt lebende Angehörige sind nicht teilnahmeberechtigt.

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