Musik

«Ich springe in meinem ‹kreativen Baum› immer von Stil zu Stil»

Marie Frederiksson konnte ihre Karriere als Sängerin nicht fortsetzen. Nun ist Per Gessle mit neuer Band bereit, den Songs von Roxette eine Blutauffrischung zu geben. Am Freitag, 19. Oktober, spielt er in der Halle 622 in Zürich-Oerlikon ein Konzert.

Per Gessle hat neben «Roxette» schon immer eigene Projekte verfolgt.

Per Gessle hat neben «Roxette» schon immer eigene Projekte verfolgt. Bild: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Per Gessle, haben Sie schon als Junge von einer Musikerkarriere geträumt?
Per Gessle (59): Das Einzige, was mich als Junge interessiert hat, war Popmusik. Ich liebte die Frisuren, die elektrischen Gitarren, die Attitüde, die Lautstärke, die Albumcovers und den hedonistischen Lifestyle. Und natürlich die Lieder. Als ich 13 oder 14 Jahre alt war, habe ich angefangen, selber Songtexte zu schreiben und in meinem Kopf Melodien dazu zu erschaffen. Ich konnte zu dem Zeitpunkt noch kein Instrument spielen. Ich habe Leonard Cohens «Seems So Long Ago, Nancy», David Bowies «Cygnet Committee», JohnCales «Helen of Troy», Patti Smiths «Ask the Angels» und viele weitere auf Schwedisch übersetzt. Ich glaube, so habe ich die Kunst des Liederschreibens gelernt. Ich habe nie mit einem solchen Erfolg gerechnet und alles mit mir selbst ausgemacht. Ich war als Kind sehr schüchtern.

Als junger Musiker verbringt man Nächte im Übungskeller mit dem Ziel, entdeckt zu werden. Dann kommt das mit Roxette plötzlich so. Wie seid ihr damit umgegangen?
Marie (Frederiksson) und ich waren schon vor der Zeit von Roxette in Schweden erfolgreich. Marie war 30 und ich 29 Jahre alt, als «The Look» in den Vereinigten Staaten ein Nummer-1-Hit wurde. Wir wussten also bereits ein wenig, wie die Musikindustrie funktionierte, wie Radio, Promotion, das Leben auf Tournee usw. funktionierten. Aber natürlich ist weltweiter Erfolg etwas anderes. Wir waren überrascht über den plötzlichen Aufstieg, konnten aber beide kreativ und fokussiert bleiben. Ich denke, es hat einen Unterschied gemacht, dass wir in Schweden geblieben sind und uns mit unserem lokalen Kreativ-Team aus Stockholm herausgearbeitet haben. Niemand in den USA oder in Grossbritannien hat sich an uns gestört.

Der Erwartungsdruck der Fans, von Plattenfirmen und Medien ist riesig . . .
Ist er das wirklich? Ich habe das nie so wahrgenommen, also von niemandem irgendwie Druck gespürt ausser von mir selber. Natürlich hatten wir Gespräche mit Managern und Plattenlabels bezüglich der Produktion, aber am Ende des Tages haben wir immer unser eigenes Ding durchgezogen.

Mit dem Erfolg tauchen Fans auf. Hat sich die eine oder andere tiefe Freundschaft zu solchen ergeben?
Nein, nicht wirklich. Ich weiss, dass die Fans als Allererste für unseren Erfolg verantwortlich sind. Das werde ich nie vergessen. Gleichzeitig sind sie aber Fremde. Ich bin für die Facebook- und Twitter-Seiten von Roxette und mir selber verantwortlich, weil ich wissen möchte, was in dieser Welt abgeht. Ich glaube, es bedeutet den Fans mehr, wenn ich selber einen Kommentar oder ein Bild hochlade, als wenn dies ein Promo-Typ machen würde.

Machte die Entscheidung von Marie Frederiksson, aus Krankheitsgründen nicht zu Roxette zurückzukehren, es notwendig, sich musikalisch neu zu orientieren?
Nein, nicht wirklich. Roxette war immer mein Hauptprojekt, aber ich hatte daneben immer viele andere. Es ist traurig, dass Marie nicht mehr mit mir zusammenarbeiten kann. Ich muss es akzeptieren und weitermachen.

Schweden, generell Nordländer, scheinen ein gutes Händchen fürs Songwriting zu haben. Liegt das in euren Genen?
Vielleicht. Wie es aussieht, sind Nordländer gut darin, Melodien zu schreiben. Vielleicht liegt das an unserer Folkloretradition.

Es ist wohl erstrebenswert, zeitlose Songs zu schreiben. Welches Lied tragen Sie zeitlos im Herzen und weshalb?
Ich glaube, «Crash! Boom! Bang!» und «Queen of Rain» sind die besten Balladen von Roxette. Und es gibt eine Vielzahl von Liedern auf Schwedisch, auf die ich wirklich stolz bin. Lieder gehen im Schreibprozess durch so viele Filter, bevor sie aufgenommen werden, dass fast jedes eine bestimmte Qualität für mich erreicht hat.

«Natürlich hatten wir Gespräche mit Managern, aber am Ende des Tages haben wir immer unser eigenes Ding durchgezogen.»

Per Gessle

Als Komponist lässt man sich in die Seele schauen. Fühlt man sich da irgendwie nackt?
Manchmal, aber das bringt der Job mit sich. Ich habe meine Grenzen geschaffen, um nicht zu sehr ins Persönliche zu gehen. Beim Liederschreiben geht es um Ausdruck und Kommunikation, das liegt mir.

Gibt es Songs, die zum festen Repertoire eines Konzertes gehören, die man aber vielleicht gar nicht mehr mag, weil man sich selber verändert hat oder die Zeit eine andere ist?
Nein, ich liebe es, diese alten Hits zu spielen. Es sind gute Lieder, und es macht Freude, zu sehen und zu hören, wie die Leute auf sie reagieren. Wo wäre ich ohne all diese Hits?

Ihr neues, aktuelles Album «Small Town Talk» klingt eher ruhig, verspielt, strotzt aber vor innerer Kraft. Erzählen Sie mehr davon.
Als Roxette Anfang 2016 auseinanderging, habe ich entschieden, dass mein nächstes Projekt ein ganz anderes sein soll, und bin nach Nashville gefahren. Ich wollte mit den lokalen Musikern und Musikerinnen spielen, einige der weltweit besten sind dort zu finden. Und sie waren wirklich bemerkenswert. Ich hatte nur einige akustische Demos und meine Lieder dabei, weil ich wollte, dass sie Teil der Arrangements werden und den Stil mitgestalten. Dann haben wir nach und nach aufgenommen. Jede neue Spur lenkte die Richtung für eine nächste, das war fantastisch.

Das CD-Cover im Country-Style verrät, was drin ist – oder doch nicht? Steht der Totenkopf auf Ihrem T-Shirt sinnbildlich für: Ja, es ist eine Art Country-Album, ein «schwedisches», oder was ist es eigentlich?
Ich sehe es nicht wirklich als Country-Album. Es ist ein Hybrid zwischen meinem nordischen Songwriting-Stil und einem Gefühl von Tennessee. Schon vorher habe ich mit einer Pedal-Steel-Gitarre, Dobro und Violine gearbeitet. Aber die, die ich in Nashville kennen gelernt habe, sind nicht von dieser Welt. Hätte ich in Stockholm oder London aufgenommen, wären es nicht dieselben Lieder geworden.

Und weshalb dann der Totenkopf?
Anton Corbijn hat mich angerufen, während er in New Orleans mit Arcade Fire zusammengearbeitet hat. Er meinte: «Hey Per, wie ich höre, bist du in Nashville. Kann ich auf meinem Heimweg nach Holland vorbeikommen und ein paar Bilder schiessen?» Natürlich konnte er das, aber ich war weder auf eine ernsthafte Fotosession vorbereitet, noch hatte ich wirklich Zeit dafür. Deshalb habe ich nur ein paar Stunden freigenommen und bin mit ihm durch die Nachbarschaft gezogen, während er Bilder machte. Per Zufall hatte ich mein Alexander-McQueen-T-Shirt just an diesem Tag an. Anton ist ein hervorragender Fotograf, ein wunderbarer Mensch und ein lieber Freund.

Ursprünglich hatten Sie die Texte zum Album in Schwedisch geschrieben . . .
Ich springe in meinem «kreativen Baum» immer von Stil zu Stil. Nach Roxette habe ich begonnen, persönliche Songtexte in Schwedisch und mit akustischer Gitarre aufzunehmen. Diese Wechsel geschehen bei mir ständig: Sobald ich etwas auf Schwedisch geschrieben habe, wechsle ich zu einem anderen Projekt auf Englisch oder umgekehrt. Ich glaube, ich bin da ruhelos. Und ich versuche, mich nicht zu oft zu wiederholen, was wohl leichter gesagt als getan ist.

Wieso betiteln Sie Ihre aktuelle Tour mit «Per Gessle’s Roxette»?
Die Tour stellt eine Anerkennung von Roxettes Songkatalog dar. Marie hatte vorgeschlagen, dass ich alleine mit Roxette weitermachen sollte, aber dafür war ich nicht bereit. Jetzt, zwei Jahre später, habe ich eine neue, wundervolle Band zusammen, die der Herausforderung gewachsen ist, den Songs neues Blut zu geben. Ich hoffe, dass das noch viele Jahre so weitergehen kann.

Was bekommt das Publikum, neben Roxette-Klassikern, zu hören und widerspiegelt das neue Album so etwas wie Ihren Lieblingsstil?
Nein, es hat einfach zu meiner Stimmung im Jahr 2016 gepasst und tut das immer noch. Ich liebe klassischen Country wie solchen von George Jones, Guy Clark, Townes van Zandt und Kris Kristoffersson. Ich liebe den Mix zwischen Country und Rock wie von The Byrds, Linda Ronstadt, CSNY, Tom Petty, Creedence oder «Dead Flowers» von den Stones. Aber ich mag auch Love-Power-Pop wie von den Ramones, Divinyls und The Buzzcocks. Ich höre gerne Kraftwerk, Chainsmokers oder Kygo. Das Einzige, was mir nicht liegt, ist Metal.

Die Halle 622 in Zürich ist kleiner, kein Hallenstadion. Also sind sich Künstler und Publikum irgendwie näher. Eine andere, intimere Art des Dialoges?
Ich mag sowohl grosse als auch kleinere Events. Wenn du in Arenen oder Stadien spielst, brauchst du eine grosse Produktion, damit es funktioniert. Was wir auf dieser Tour machen, ist viel kleiner. Wir können diese Grösse zu unseren Gunsten nutzen und mehr akustisch spielen. Die Lieder funktionieren aber auf allen Bühnen.

Auf Tour ist man doch letzt-endlich, wenn die Gitarre vom Verstärker gestöpselt ist, im Hotelzimmer sehr einsam.Empfinden Sie das so?
Ich habe immer noch einen Romantiker in mir, der das Tourleben liebt. Aber natürlich fordert es mit der Zeit seinen Tribut. Immer die Hotels zu wechseln und endlose Stunden an Flughäfen zu warten, ist anstrengend. Ich liebe es aber, zu touren, weshalb die zweite Option – es nicht zu tun – für mich keine Alternative darstellt.

Wenn Sie nicht auf Weltbühnen stehen würden, in welcher Berufung hätten Sie sich verwirklicht?
Das weiss ich nicht. Als ich 15 war, wollte ich aus irgendwelchen Gründen Architekt werden. Aber dann brachte David Bowie das Album «Diamond Dogs» raus. Das war unwiderstehlich.

Neben der Musik fasziniert Sie die Gastronomie. Was haben Gaumenschmaus und sinnliches für die Ohren gemeinsam?
Viel zu viel: Grossunternehmen, unglaublich viele Leute, die für den Weihnachtsbonus daran arbeiten. Popmusik hat immer die Ära reflektiert, in der sie gemacht wurde. Der heutige Pop wird natürlich meistens auf Computern geschrieben und folgt in den meisten Fällen einer bestimmten Formel. Ich sage nicht, dass das schlecht ist. Es ist etwas langweilig, aber es ist wie fast alles andere in der heutigen Gesellschaft. Ich glaube nicht, dass Pop heute so wichtig ist, wie er es in den 60ern, 70ern und80ern war. Es gibt heute so viele andere Optionen, weil die Welt digital und damit kleiner geworden ist. Ich habe vor kurzem mit einem Plattenfirmavertreter gesprochen, der meinte, dass sie niemanden unterstützen, der oder die echte Instrumente spielt. Es würde zu lange dauern, bis sie irgendwie gut würden. Das ist eine Schande. Vielleicht ist es Zeit für eine neue Bewegung.

Was verbindet Sie mit der Schweiz?
Die Schweiz ist für uns Schweden lustig, weil alle Amerikaner aus irgendwelchen Gründen die Schweiz mit Schweden verwechseln. Wir haben über die Jahre so viele tolle Shows in eurem Land gegeben und haben so viele grossartige Leute kennen gelernt. Es ist immer eine Freude, bei euch zu sein.

Erstellt: 05.10.2018, 16:59 Uhr

Ticketverlosung

Per Gessle’s Roxette

Der «Zürcher Unter­län­der» verlost für dieses Konzert zweimal zwei Tickets.

Kennwort: Roxette

Teilnahme: Bitte eine Mail an ticketverlosung@zuonline.ch bis Montag, 8. Oktober, 8 Uhr. Über die Verlosung wird keine Korrespondenz geführt, die Tickets können an der Abendkasse abgeholt werden. Mitarbeiter von Tamedia sowie Angehörige sind nicht teilnahmeberechtigt

Infobox

Per Gessle’s RoxetteFreitag, 19. Oktober, 20 Uhr.
Halle 622, Zürich-Oerlikon.
Tickets:

www.ticketcorner.ch,Telefon 0900 800 800 (1.19 Fr./Min.).

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zuonline.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 854 82 14. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zuonline.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 854 82 14. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles