Bildung

Zwei Wochen vor Schulbeginn fehlen noch viele Lehrpersonen

In den vergangenen zehn Jahren nahm die Zahl der Schülerinnen und Schüler im Kanton Zürich um über einen Viertel zu. Das bringt Gemeinden bei der Suche nach genügend Lehrpersonal in die Bredouille.

Die Suche nach Lehrpersonal stellt viele Gemeinden vor Herausforderungen.

Die Suche nach Lehrpersonal stellt viele Gemeinden vor Herausforderungen. Bild: Keystone

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Die Bevölkerung wächst ständig, speziell aber im Zürcher Unterland. Zahlreiche Gemeinden, darunter kleinere wie Hüttikon und Weiach, aber auch Städte wie Opfikon oder Kloten haben in den vergangenen zehn Jahren kräftig zugelegt. Das starke Wachstum birgt Herausforderungen, die in gewissen Bereichen fast schon vorprogrammiert sind. Besonders gut bemerkbar ist das etwa im Bildungssektor.

Der Personalnotstand an den Schulen hat inzwischen geradezu System. Neben den natürlichen Abgängen fordern wachsende Schülerzahlen, kleinere Klassen und immer wieder neue Anforderungen im sich verändernden Lehrplan die Schulverwaltungen heraus. Verschärft wird die Situation dadurch, dass die Suche nach Personal vermehrt in Konkurrenz zu anderen Gemeinden geführt werden muss.

26 Stellen sind noch ausgeschrieben

Das neue Schuljahr beginnt am 19. August, in weniger als drei Wochen also. Doch in den Bezirken Bülach und Dielsdorf sind zum jetzigen Zeitpunkt gemäss der Stellenbörse des Volksschulamtes des Kantons Zürich (VSA) noch immer zahlreiche Stellen nicht besetzt: 26 Stellen sind auf das Antrittsdatum 19. August derzeit ausgeschrieben. In Weiach etwa müssen noch zwei Vollzeitstellen auf der Primarstufe besetzt werden. In Opfikon sind noch über 300 Stellenprozente zu besetzen, darunter auch zwei Stellen in Kindergärten für einmal 24 und einmal 22 Wochenlektionen.

Und auch in Regensdorf wird auf der Stellenbörse des Volksschulamtes noch Personal für sieben Stellen gesucht, auch hier drückt der Schuh vor allem wieder auf der Kindergartenstufe: Über 300 Stellenprozente sind noch nicht besetzt, das entspricht über 70 Wochenlektionen.

Kindergarten ist vom Lohn her unattraktiv

Besser sieht die Situation in Kloten aus. Auch dort mussten nämlich gemäss Stellenbörse bis vor kurze noch neun Stellen mit über 475 Stellenprozenten besetzt werden. «Die offenen Stellen auf Primar- und Sekundarstufe konnten alle noch vor den Sommerferien besetzt werden», erklärt Schulpräsident Kurt Hottinger. Und er bestätigt, dass auch in Kloten vor allem auf der Kindergartenstufe der Schuh drückt: Fünf Stellen, die meisten davon mit jeweils über 70 Stellenprozenten, sind noch zu vergeben. «Die Ausbildung für die Lehrpersonen Primarstufe und Kindergartenstufe ist praktisch identisch», führt der Stadtrat aus. «Aber die Gehaltsstufen sind noch nicht angepasst. Dies lässt viele Lehrpersonen eher eine Stelle auf der Primarstufe annehmen als auf der Kindergartenstufe.»

Dieses Problem stelle sich für alle Gemeinden im Kanton. Deshalb seien bereits Vernehmlassungen in Arbeit, um «hoffentlich zeitnah Abhilfe zu schaffen», so Hottinger.

«Junge Menschen suchen nicht mehr eine ‹Lebensstelle›, sondern orientieren sich anders und verlassen dazu auch eine Stelle früher.»Kurt Hottinger, Stadtrat Ressort Bildung, Kloten

Doch was würde überhaupt passieren, wenn vor dem Beginn des neuen Schuljahres noch nicht alle Stellen besetzt wären? Auch bei dieser Frage ist Kloten ein gutes Beispiel. «Die Schule Kloten nimmt am Projekt ‹Fokus Starke Lernbeziehung› teil», sagt Hottinger. «Hier sind in der Kindergarten- und Primarstufe immer zwei Klassen-Lehrpersonen für eine Klasse zuständig. Sollte es nicht gelingen, alle Stellen auf der Kindergartenstufe so zu besetzen, werden teilweise die Klassen mit einer Lehrperson geführt.» Die Gefahr, dass es Klassen geben könnte, die über keine Lehrerin oder keinen Lehrer verfügen, besteht dadurch nicht. «Auf jeden Fall werden sämtliche Kindergärten mindestens über eine Lehrperson verfügen», versichert der Stadtrat.

Nächstes Jahr wird es noch schwieriger

Tatsächlich ist die aktuelle Lage in Kloten keine Seltenheit, auch wenn dieses Jahr bei einigen Schuleinheiten die Fluktuation höher war als sonst. «Gesamthaft kann man einen Trend aus der Privatwirtschaft erkennen. Junge Menschen suchen nicht mehr eine ‹Lebensstelle›, sondern orientieren sich anders und verlassen dazu auch eine Stelle früher.» Man habe auch festgestellt, dass die Anfahrtswege, aber auch die Reisetätigkeit immer auch Beweggründe für Kündigungen sein können. «Insgesamt ist uns bewusst, dass uns der Mangel an Lehrpersonen in den kommenden Jahren begleiten wird. Das Besetzen von Stellen wird nicht einfacher.»

Hottinger dürfte mit seiner Prognose ins Schwarze treffen. Denn der Wettkampf um Lehrkräfte wird sich ab dem Schuljahr 2020/2021 nochmals merklich verschärfen. Hintergrund davon ist eine neue Regelung. Im April hat der Regierungsrat die Ferienregelung des kantonalen Personals – dazu gehören auch die Lehrer – angepasst. Sie haben neu fünf statt wie bisher vier Wochen Ferien. Das heisst umgekehrt, dass das Vollpensum einer Lehrkraft reduziert wird. Für diese Stunden müssen also andere Lehrkräfte gefunden werden. Insgesamt steigt dadurch die Nachfrage nach Lehrpersonen noch einmal an, zusätzlich zu den übrigen Faktoren.

Erstellt: 02.08.2019, 12:43 Uhr

Marion Völger, Amtschefin Zürcher Volksschulamt.

Nachgefragt

«Lehrpersonen können temporär als Heilpädagogen zugelassen werden»

Marion Völger, viele Gemeinden im Kanton haben aktuell Schwierigkeiten, genügend Lehrpersonen zu finden. Woran liegt das?
Marion Völger: Innerhalb der letzten zehn Jahre sind die Schülerzahlen um 28 Prozent gestiegen. Im kommenden Schuljahr werden auf Kindergartenstufe 51 und auf Primarstufe 105 zusätzliche Klassen geführt. Ein weiterer Grund für die ansteigenden Schülerzahlen nebst dem Bevölkerungswachstum ist der schrittweise nach hinten verschobene Stichtag für den Eintritt in den Kindergarten. Es liegt also auf der Hand, dass mehr Lehrpersonen nötig sind.

Ein besonderer Mangel herrscht im Kanton offenbar bei den Schulischen Heilpädagoginnen und Heilpädagogen. Weshalb?
Der Anteil an Schülern mit Status Sonderschulung ist in den letzten Jahren gestiegen und hat nun auf einem hohen Niveau stagniert. Gleichzeitig konnten nicht so viele Fachleute ausgebildet werden, wie es nötig gewesen wäre, weil nicht genügend Ausbildungsplätze zur Verfügung standen.

Welche Möglichkeiten haben Schulgemeinden, um diese Vakanzen zu überbrücken?
Sie können Lehrpersonen mit normalem Regelklassendiplom temporär für die Tätigkeit als Heilpädagogen zulassen. Meist sind das Personen, die parallel dazu die Ausbildung zur Heilpädagogin an der Fachhochschule absolvieren oder sie demnächst antreten.

Welche Faktoren sind dafür entscheidend, ob eine Lehrerstelle besetzt werden kann oder nicht?
Es lässt sich nicht verallgemeinern, welche Rahmenbedingungen welchen Einfluss haben. Nebst Standortfaktoren kann die pädagogische Ausprägung einer Schule eine Rolle spielen. Manchmal ist es auch einfach die Höhe des ausgeschriebenen Pensums, die Interessenten zusagt oder nicht.

Spielt auch die Höhe des Lohns eine Rolle?
Nein. Die Einstufung nimmt der Kanton vor und nicht die einzelne Gemeinde.

Sind es immer in etwa die gleichen Gemeinden, die Mühe haben, ihre freien Stellen zu besetzen?
Nein, das wechselt von Jahr zu Jahr.

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