Politik

Ab jetzt gehört ihr Montag dem Kanton

Ein Viertel der Mitglieder des Kantonsrats sind als Neulinge in die Legislatur gestartet. Erstmals auf dem kantonalen Politparkett bewegen sich auch Daniela Rinderknecht (SVP, Wallisellen) und Qëndresa Sadriu (SP, Opfikon).

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Qëndresa Sadriu (Opfikon) ist erst 24 Jahre alt, weiss aber schon, wie in einem Parlament gearbeitet wird. Foto: Paco Carrascosa

Den Parlamentsbetrieb kennt Qëndresa Sadriu schon. Mehr noch: Die noch nicht einmal 25-Jährige hat eine derart steile politische Karriere hingelegt, dass sie in Bezug auf die Abläufe in einem grossen Rat schon zu den routinierten gehört. Seit 2014 politisiert sie als Gemeinderätin in Opfikon, seit letztem Sommer ist sie dort Ratspräsidentin und damit offiziell die höchste Opfikerin.

Trotz all dieser Erfahrung war der gestrige Morgen auch für Sadriu etwas Besonderes. Sie gab ihren Einstand im Kantonsrat. «Nervös bin ich nicht, aber ich habe viel Respekt vor meinem Amt», sagte Sadriu zur Verantwortung, die sie nun trägt.

Ihr Politverständnis setzt Respekt voraus

Respekt ist ein Begriff, den Sadriu häufig verwendet, wenn es um ihr Politverständnis und um ihre Ambitionen und Werte geht. Die Seconda – sie ist als älteste Tochter kosovarischer Eltern in der Schweiz geboren worden und hier aufgewachsen – hat das Diskutieren in die Wiege gelegt bekommen. Vater und Mutter debattierten am Esstisch über Politik. Dabei habe sie gelernt, dass eine gemeinsame Lösung nur gefunden wird, wenn man sein Gegenüber und dessen vielleicht andere Ansichten respektiert und ernst nimmt, führt Sadriu aus. Das sei natürlich auch in einem Parlament wichtig.

Sichtlich irritiert war sie deshalb, als Valentin Landmann (SVP), der wie Sadriu ebenfalls seit gestern neu im Kantonsrat sitzt, in seiner Begrüssungsreden sämtliche Anwesende bewusst nur als «Kollegen, damit meine ich er, sie und es» ansprach. Er machte damit deutlich, wie er zur Gleichberechtigung steht – weniger als eine Woche, nachdem sich am 1. Mai mehr als 16'000 Personen bei einer Kundgebung in Zürich für die Würde und Rechte der Frauen eingesetzt hatten. «Für diesen Teil der Rede habe ich wenig Verständnis. Durch eine solche Aussage fühlt man sich irgendwie abgelehnt. Und das in der ersten Sitzung des neuen Kantonsrats», bedauerte Sadriu.

Abgesehen davon erschien ihr der Umgang im Rat aber als sehr respektvoll. «Ich war letzte Woche als Gast ins Parlament in Gjilan im Kosovo eingeladen. Da ging es ein wenig anders zu und her, es fehlte eigentlich nur noch, dass die Leute handgreiflich wurden.»

Dass Sadriu in den Kosovo eingeladen wurde, hat damit zu tun, dass sie es inzwischen unter Menschen mit albanischen Hintergrund zu beachtlicher Bekanntheit gebracht hat. Die gelernte Dentalassistentin ist die erste Zürcher Kantonsrätin albanischer Herkunft und sie ist sich bewusst, dass sie für viele eine Vorbildfunktion einnimmt. Auch deshalb ist Respekt für sie ein Schlüsselwort. «Es gibt viele Menschen, die sich etwas von meiner Wahl versprechen, von mir wird viel erwartet», weiss sie. «Ich will versuchen, das Vertrauen derjenigen, die mich gewählt haben, zu respektieren, indem ich mich einsetze.»

«Für mich ist eine Mitte, ein Kompromiss, das Ziel in einem Parlamentsbetrieb.»Qëndresa Sadriu, SP-Kantonsrätin Opfikon

Einsetzen, das will sich Sadriu vor allem im Bildungssektor. Sie arbeitet derzeit zu 20 Prozent für die Vereinigung zur Unterstützung krebskranker Kinder Zürich und zu 40 Prozent in einer Zahnarztpraxis. Diese 40 Prozent dürften demnächst allerdings einem Studium an der Pädagogischen Hochschule weichen. «Alles beginnt mit der Bildung. Sie ist für mich entscheidend.»

Daneben will sie sich aber auch bei Migrationsthemen einbringen. «Mir ist wichtig, dass das Thema Integration nicht mehr vor allem von rechten Parteien genutzt wird, um Publizität zu erreichen, sondern dass konkrete Lösungen und Änderungen gemacht werden. Und dass ich – selbst Tochter von Migranten – mit anderen im Parlament eben diese Lösungen erarbeiten und bieten kann.»

Besonders erfreut ist Sadriu deshalb, dass sich das Kräfteverhältnis im Parlament bei den Wahlen ein wenig nach links verschoben hat. «Schlimm wäre gewesen, wenn man nun vier Jahre lang mit wenig Chancen auf Erfolg hätte arbeiten müssen», sagte sie. Auch wenn der Rat nicht links sei, gebe es nun genügend Möglichkeiten, um Allianzen zu schmieden und mehrheitsfähige Vorschläge auszuarbeiten. «Für mich ist eine Mitte, ein Kompromiss, das Ziel in einem Parlamentsbetrieb. Und nicht das sture Verharren auf der eigenen Position.»

Manuel Navarro

Die Wallisellerin Daniela Rinderknecht (SVP) wurde von der Wahl überrascht. Foto: Paco Carrascosa

Gut 40 Neulinge sitzen am Montagmorgen im Zürcher Kantonsparlament. Darunter dürfte es nur wenige geben, die so wenig mit dem Amt gerechnet hatten wie Daniela Rinderknecht. Auf dem 14. Listenplatz der SVP Bezirk Bülach angetreten, katapultierten die Wählerinnen und Wähler die Wallisellerin auf Platz 4.

Sechs Wochen sind der Mutter, Bäuerin und Schulpflegerin anschliessend geblieben, um sich auf ihr Amt als Kantonsrätin vorzubereiten. Das hat erst einmal ein paar logistische Herausforderungen mit sich gebracht: «Bis ich loslegen konnte, brauchte es eine Mischung aus Organisations- und Familienprojekt.» Bestehende Termine mussten verschoben, die Kinderbetreuung wollte organisiert werden. Dank eines Mehrgenerationen-Schichtbetriebs der Familie weiss sie ihre beiden Söhne nun montags bestens betreut.

Noch einmal die Gefühle ordnen

Rinderknecht wirkt jedenfalls völlig entspannt, als sie mit ihren Parteikolleginnen Romaine Rogenmoser (Bülach) und Barbara Grüter (Rorbas) zum traditionellen ökumenischen Eröffnungsgottesdienst im Grossmünster erscheint. Ihr Mobiltelefon wird den ganzen Morgen in der Tasche bleiben. «Wenn ich nichts höre, wird zuhause schon alles klappen», sagt sie.

Eine knappe Stunde dauert der Gottesdienst. Die Worte, das Grossmünster, beides habe sie berührt, wird Rinderknecht später sagen – vielleicht auch, weil sie sonst keine besonders fleissige Kirchgängerin sei. «Ich habe in diesem Moment die Verantwortung gespürt, die ich mit diesem Amt übernehme.»

Zehn Minuten und gute 100 Meter Gehdistanz liegen zwischen Gottesdienst und erster Ratssitzung. Zeit, für die Neo-Kantonsrätin, noch einmal kurz ihre Gefühle zu ordnen: «Es ist eine Mischung aus grosser Vorfreude, gesunder Nervosität, Motivation und natürlich auch Respekt», fasst sie zusammen.

Traktanden studiert, Website durchforstet

Sie habe sich in der kurzen Zeit seit der Wahl intensiv auf ihr neues Amt vorbereitet, erzählt Rinderknecht – etwa die Traktendenliste des Kantonsrats studiert und dessen Website durchforstet. «Das Studium der Unterlagen zur Sitzung gehören ab jetzt zum Pflichtprogramm» Rinderknecht, die bis heute zwar über fünf Jahre in der Schulpflege wirkte, aber über keine Parlamentserfahrung verfügt, ist dankbar für die Unterstützung ihrer Parteikollegen. «Vor allem von den Erfahrenen werde ich viel profitieren können.» Eine gute Gelegenheit erste Kontakte zu knüpfen, sei die Fraktionssitzung zur Verteilung der Kommissionssitze gewesen. Rinderknecht selbst wird an ihrem ersten Tag als Kantonsrätin in die Aufsichtskommission Bildung und Gesundheit gewählt.

Die grossen Themen müssen noch warten

Wahlen und die damit verbundenen Reden: Die erste Sitzung im Kantonsrat bietet noch nicht viel mehr. Für Schulpflegerin Rinderknecht eine neue, etwas gewöhnungsbedürftige Erfahrung, auch wenn sie darauf vorbereitet gewesen ist. Von den Sitzungen der Schulpflege sei sie es gewohnt, jeweils gleich mit der Arbeit loszulegen: «Leere Momente oder Unruhe gibt es dort nicht.» Es brauche nun einfach etwas Zeit, um sich im Kantonsrat einzuleben.

Geht es dann richtig los, möchte die Bäuerin und Schulpflegerin die Schwerpunkte ihres Kantonsratsmandats bei den Themen produzierende Landwirtschaft und der Bildung setzen. «Ich spüre den Wunsch vieler Menschen nach Blumenwiesen und Erholungsgebieten. Das ist ein Stück weit schön, aber es erschwert die Arbeit der produzierenden Landwirtschaft.»

«Ich habe die Verantwortung gespürt, die ich mit diesem Amt übernehme»Daniela Rinderknecht, SVP-Kantonsrätin Wallisellen

Ein weiteres Thema sind für die Wallisellerin die grossen Infrastrukturprojekte im Zürcher Unterland, welche die Landwirtschaft direkt betreffen. Rinderknecht denkt etwa an den Brüttener Tunnel, das Pilotprojekt Veloschnellroute sowie die Pistenerweiterung des Flughafens.

Sieht sie als Neue in einem links-grün dominierten Kantonsrat überhaupt eine Chance, mit ihren Standpunkten Mehrheiten zu finden? «Das wird sicher eine spannende Herausforderung mit hoffentlich zielführenden Diskussionen.»

Daniela Schenker

Erstellt: 06.05.2019, 19:05 Uhr

Zürich

Das sind die Unterländer Kantonsräte

Der Bezirk Bülach hat 18 Sitze im Kantonsrat
SVP (6): Roman Schmid (Opfikon, im Kantonsrat zudem Vizeratspräsident), Matthias Hauser (Hüntwangen), Romaine Rogenmoser (Bülach), Daniela Rinderknecht (Wallisellen), Barbara Grüter-Baumgartner (Rorbas) und Claudio Schmid. SP (3): Ruedi Lais (Wallisellen), Michèle Dünki-Bättig (Glattfelden) und Qëndresa Sadriu (Opfikon). FDP (3): Michael Biber (Bachenbülach), Linda Camenisch (Wallisellen) und Doris Meier (Bassersdorf). GLP (2): Jörg Mäder (Opfikon) und Cristina Wyss-Cortellini (Dietlikon). Grüne (1): David John Galeuchet (Bülach). CVP (1): Kathrin Wydler (Wallisellen). EVP (1): Mark Wisskirchen (Kloten). EDU (1): Thomas Lamprecht (Bassersdorf).

Der Bezirk Dielsdorf hat 11 Sitze im Kantonsrat
SVP (5): Jürg Sulser (Opfikon), Beat Huber (Buchs), Stefan Schmid (Niederglatt), Christian Lucek (Dänikon) und Erika Zahler (Boppelsen). SP (1): Beatrix Stüssi (Niederhasli). FDP (2): Barbara Franzen (Niederweningen) und Christian Müller (Steinmaur). GLP (1): Barbara Schaffner (Otelfingen). Grüne (1): Röbi Brunner (Steinmaur). EDU (1): Hans Egli (Steinmaur).

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