Zürich

Der Widerstand gegen Fusionen schwindet

Vor knapp drei Jahren hat der Kirchenrat das Projekt Kirchgemeinde Plus lanciert und die Gemeinden aufgefordert, sich zusammenzuschliessen. Anfangs war der Widerstand gross; heute siehts besser aus.

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Nach drei Jahren Kirchgemeinde Plus (KG Plus) ist Andreas Jakob, der das Projekt als Berater begleitet, zuversichtlich: «Wir sind voll auf Kurs.» 2014 hätten die meisten Zürcher Kirchgemeinden Gespräche mit ihren Nachbarn aufgenommen. Jakob bezieht sich für diese Zwischenbilanz auf eine Tagung im letzten Jahr, an der gut 40 Kirchgemeindepräsidenten erzählten, sie führten Gespräche mit anderen Kirchgemeinden – oft mit mehreren.

Laut dem Projektplan sei ausserdem auch das laufende Jahr noch für Fusionsgespräche bestimmt. 2016 sollen dann behördliche Schritte eingeleitet werden, damit die Kirchgemeindemitglieder über die Fusion abstimmen können. Im letzten Jahr sei ein Ruck durch die Reihen der Verantwortlichen gegangen, sagt Jakob. Natürlich sei es für einige auch spürbar schwieriger geworden, mit den knappen personellen und finanziellen Ressourcen den unterschiedlichen gesellschaftlichen Anliegen gerecht zu werden.

Die Kirche neu verankern

Im Moment sehe es sogar danach aus, als würden aus den 179 reformierten Kirchgemeinden im Kanton weniger als die angepeilten 60 Fusionsgemeinden entstehen, sagt Jakob. Der Entscheid der Stadtzürcher im September 2014, die 34 Kirchgemeinden zu einer zusammenzuschliessen, sei diesbezüglich bahn­brechend gewesen. Er denke, dass sich die offensive Kommunikation des Kirchenrats als richtig erwiesen habe, sagt Jakob. Aber er ist sich auch bewusst, dass ihm nicht alle beipflichten würden. «Wenn ich jetzt sagen würde, es läuft gut, dann würden mir bestimmt noch ein paar an den Hals springen.»

Die Akzeptanz des Fusionsprojektes sei auch davon abhängig, welche Substanz Kirchen noch behalten sollten in der Bevölkerung. «Wir haben jetzt eine Chance, die Kirche neu in der Gesellschaft zu verankern, die Wahrnehmung zu verändern – vorausgesetzt, die Fusionen gelingen», sagt Jakob. Er sieht in den Fusionen ein Zeichen unserer Zeit, eine Folge der zunehmenden Professionalisierung, Pluralisierung und Individualisierung.

Wenn die reformierte Kirche in diesem Umfeld ihr Profil schärfen wolle, müsse sie die vielen Verdoppelungen angehen. «In verstückelter Form ist unsere Chance kleiner, in der Gesellschaft präsent zu sein», sagt Jakob. Und: «Es hilft niemandem, wenn in jeder Gemeinde jede Funktion noch von einer Person erfüllt wird, diese aber mit einem 20-Prozent-Pensum praktisch nie da ist.»

Die Modellgemeinden

Eine Fusion bereits vollzogen haben Altikon-Thalheim und Ellikon im Mai 2014 und Bauma und Sternenberg im Januar dieses Jahres. Im Tösstal fusionierten gleichzeitig die politischen Gemeinden. Mit neu 1409 (Altikon-Thalheim-Ellikon) respektive 2314 (Bauma-Sternenberg) Mitgliedern erreichen die zusammengeschlossenen Kirchgemeinden die vom Kirchenrat angestrebten 5000 nicht. Seine Gemeinde entwickle sich aber weiter in diese Richtung, sagt Christian Bachmann, Präsident der Kirchenpflege Altikon-Thalheim-Ellikon. «Wenn Pfarrstellen reduziert werden, vergrössern wir die Gemeinden automatisch.»

Den Reformationssonntag im November feiern Thalheim, Altikon und Ellikon schon über zehn Jahre gemeinsam mit Rickenbach, Dinhard und Dägerlen, in diesem Jahr kommst erstmals ein gemeinsamer Pfingstgottesdienst dazu. Gemeinsame Anlässe gab es also bereits vor der Fusionsoffensive des Kirchenrats.

Bachmann sagt, viel Arbeit in der neu fusionierten Gemeinde bestehe darin, Budgets zusammenzufassen, die Öffentlichkeitsarbeit neu aufzugleisen und die Mitgliederverwaltung zu vereinheitlichen. «Heute könnten wir ohne Sekretärin nicht mehr funktionieren.» Mit der Fusion wurde eine Sekretärin zu 25 Prozent angestellt.

Gemeindefusion bedeutet Beziehungsarbeit

In Thalheim-Altikon-Ellikon teilen sich die Pfarrer Philipp von Orelli und Christoph Waldmeier 150 Stellenprozente. Die zwei Pfarrer vergleichen das Resultat der Fusion mit einer Patchworkfamilie. «Dort ist es auch unrealistisch, zu glauben, dass sich die eine Familie von heute auf morgen in der anderen Familie daheim fühlt.» Eine Gemeindefusion bedeute sorgfältige und anhaltende seelsorgerische Beziehungsarbeit.

Nur so könnten unterschiedliche Gepflogenheiten in eine neue Kultur und Gemeinschaft überführt werden. Die erwarteten Resultate müssten nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ beurteilt werden. «Bei zusammengelegten Feiern zeigt sich etwa, dass ein einziger Gottesdienst die Kirche zwar mehr füllen kann, aber in absoluten Zahlen weniger Menschen den Gottesdienst besuchen.»

An seinem Ziel, die Fusionen 2018 abzuschliessen, halte der Kirchenrat nach wie vor fest, sagt Projektberater Jakob. «Es gibt bis jetzt keine Verzögerungen im Zeitplan.» Allerdings könne der Kirchenrat nur bedingt auf Gemeinden Rücksicht nehmen, die sich weigerten, am Prozess teil­zunehmen. Mit dem Finanzausgleich ab 2019 und der neuen Legislatur werde die Si­tua­tion unweigerlich schwieriger für Gemeinden, die sich gegen die verstärkte Zusammenarbeit wehrten.»

Erstellt: 15.04.2015, 19:06 Uhr

KG Plus – Ein Produkt sinkender Mitgliederzahlen

Der reformierte Kirchenrat hat im Juli 2012 beschlossen, die 176 Zürcher Kirchgemeinden zu 60 Grossgemeinden (sogenannten Seelsorgeräumen) zusammenzuschliessen mit dem Ziel, das Projekt 2018 abzuschliessen.

Der Kirchenrat beschloss diese Massnahme vor allem, weil die Landeskirche im Kanton Zürich stetig Mitglieder verliert. Das ist jedoch nicht in allen Kantonen so. Im Thurgau zum Beispiel stagnierten die Mitgliederzahlen, auch aufgrund von Zuzügen und einer geringen Abwanderung. In den Sechzigerjahren waren gut 70 Prozent der Zürcher Bevölkerung reformiert, bei Inkraftsetzung der heutigen Kirchenordnung (2010) war es noch gut ein Drittel.

In zehn Jahren wird voraussichtlich noch ein Viertel der kantonalen Bevölkerung reformiert sein. Heute ist Andelfingen der einzige noch mehrheitlich reformierte Bezirk im Kanton. Besonders prekär ist der Mitgliederschwund für die Finanzen der Kirche. Der Zürcher Kirchenrat argumentierte 2012, dass eine Gemeinde 5000 bis 7000 Mitglieder haben müsse, um sich im «kirchenmusikalischen und diakonischen Bereich qualifizierte Stellen» noch leisten zu können.

Die Katholiken reagieren auf den Priestermangel

Auch die katholische Kirche strebt eine stärkere Vernetzung der einzelnen Pfarreien an. Ihr Plan sieht 36 überpfarreiliche Seelsorgeräume vor. Diese Zusammenarbeit im Bereich der Seelsorge sei vor allem auf den Priestermangel zurückzuführen und weniger auf den Sparzwang, sagt Arnold Landtwing, Sprecher des Generalvikariats Zürich-Glarus. «Wir wollen es schaffen, die Seelsorge mit weniger Priestern weiterzuentwickeln.» Kleine Pfarreien stossen zunehmend an ihre Grenzen, wenn sie alle Handlungsfelder – Seelsorge, Gottesdienste, Hochzeiten usw. – abdecken sollten.

Neben diesen strukturellen gibt es auch gesellschaftliche Gründe für die Pro­bleme: Im Vordergrund steht die Frage, ob die Dienste der Kirche den jeweiligen Erwartungen entsprechen. Es gilt, je kleiner die Pfarrei ist, desto weniger flexibel ist sie bezüglich verschiedener sozialer Milieus. Für Landtwing ist dar­um im Reformprozess zentral, dass die Veränderung «von unten nach oben» stattfindet, dass sie also den einzelnen Kirchgemeinden nicht verordnet wird. «Nur so kann die Reform funktionieren.»

Dabei sei er nicht besorgt, dass so ein zu geringer Ansporn für Veränderung bestehe. Denn wenn die Pfarreien keine Seelsorger und Priester mehr fänden, würden sie von selbst die Zusammenarbeit suchen. Das Generalvikariat stützt sich bei seinem Vorgehen auf Leitplanken, die von den Pastoralamtsleitern der Deutschschweiz definiert wurden. «Zuvorderst steht dabei klar eine qualitativ gute Seelsorge», sagt Landtwing. «Und die Kernaufgabe, den Glauben zu leben und weiterzugeben.» Ob Seelsorgeräume funktionierten, hänge zudem stark von den Persönlichkeiten vor Ort ab.

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