Endlager

Zu dritt gegen «diktatorischen Plan»

Eine Nagra-freundliche und drei Endlager-kritische Organisationen stellten sich in Marthalen vor und diskutierten mit der Bevölkerung über das mögliche Tiefenlager für Atommüll im Zürcher Weinland.

Der Hinkelstein im Gemeindedreieck Marthalen-Benken-Rheinau dient als Mahnmal gegen das drohende Endlager.

Der Hinkelstein im Gemeindedreieck Marthalen-Benken-Rheinau dient als Mahnmal gegen das drohende Endlager. Bild: Madeleine Schoder

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Wenn eine Widerstandsgruppe zu einem Anlass einlädt, dann kommen meist nur wenige Leute. Anders am Donnerstagabend, als das Bürgerforum Marthalen gleich drei kritische Gruppierungen einlud, um über die Frage «Endlager in Marthalen?» zu diskutieren. Rund 50 Personen kamen an die Veranstaltung. Vertreter der Kernfrauen, von Like Weinland und Klar Schweiz stellten ihre Organisationen vor.

Eingeladen war auch das Forum Vera, das dem Endlager gegenüber wohlwollend eingestellt ist und von der Nationalen Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) «substanziell» finanziell unterstützt wird, wie Mitglied Matthias Knill unumwunden einräumte. Er ist Gemeinderat von Laufen-Uhwiesen und arbeitete auch schon für die Nagra. Als Knill sagte, dass die Nagra zwar fürs Forum Vera zahle, aber keinen Einfluss nehme, erntete er einige hämische Lacher aus dem Publikum. Auch sonst war die Stimmung im Marthaler Stubensaal mehrheitlich gegen ihn.

«Ob sie will oder nicht»

Zuerst sprach Matthias Stutz, SVP-Gemeindepräsident von Marthalen, über die Rolle seiner Gemeinde bei der Standortsuche für ein Endlager. Ob dieses Lager, eine Gasleitung oder Mobilfunkantennen: Jede Gemeinde müsse sich auf ihrem Gebiet Aufgaben stellen, «ob sie will oder nicht».

«Es ist es wert, zu kämpfen, und ich werde das tun»Eine von mehreren kämpferischen Voten am Infoanlass

Abklärungen treffen, Stellungnahmen verfassen und Bewilligungen erteilen: Stutz blieb in seinen Ausführungen sehr beschreibend, einen Aufruf zum Widerstand oder wenigstens zur kritischen Beteiligung machte er nicht. Bei der Platzierung der oberirdischen Bauten des Tiefenlagers könne die Region «ein bisschen mitreden», sagte er. Wie Knill wurde auch Stutz in der Frage- und Diskussionsrunde mehrmals kritisiert.

Ein Marthaler sprach vom Atommüll als «menschenfeindlichen Stoff» und davon, dass die Nagra die Landschaft «verschandelt», falls das Endlager im Weinland gebaut wird. «Es ist es wert, zu kämpfen, und ich werde das tun», sagte der Mann. Er plädierte dafür, sich mehr Zeit für bessere Lösungen und Technologien zu nehmen. Den Abfall «zu verlochen, ist der völlig falsche Weg». Vom gewählten Gemeindepräsidenten Stutz verlangte er Unterstützung, «damit die Verschandelung von Marthalen nicht stattfindet». Generell forderte er, «dass die Politiker Füdli zeigen und hinstehen».

Sie setze sich sehr wohl ein, etwa in der Endlager-Regionalkonferenz, wehrte sich Marthalens Gemeinderätin Susanne Friedrich, die im Publikum sass. Aber teils vermisse sie Inputs aus Marthalen. «Ich stehe in den Gremien manchmal alleine da.»

«Etwas mitplaudern»

Jürg Rasi, Landwirt und Präsident von Like Weinland, kritisierte das Suchverfahren – den sogenannten Sachplan geologisches Tiefenlager – scharf. Statt eines wirklich ergebnisoffenen Suchprozesses gebe es einen fixen Fahrplan, an dessen Ende ein Standort gefunden werden müsse. «Das hat nichts mit Wissenschaft zu tun.» Es brauche nicht den möglichst sicheren, sondern den sicheren Standort. Den Sachplan bezeichnete Rasi als «diktatorischen Plan, um die Rechte der Bürger, Gemeinden, Kantone und Grundeigentümer auszuhebeln».

«Er ist ein Mahnfinger an all jene Politiker, die sich drücken, sich für unsere Region einzusetzen»Jürg Rasi, Präsident von Like Weinland über den Hinkelstein

Er sei lange Jahre Mitglied der SVP gewesen und noch heute ein Verfechter der direkten Demokratie. Doch bei der Standortsuche könne man bloss noch «etwas mitplaudern». Die Nagra könne einfach eine Atomfabrik mitten auf die grüne Wiese setzen, während er für einen Zaun eine Bewilligung benötige, in der sogar die Farbe vorgeschrieben sei.

Ein Atomendlager würde der Region zudem einen Imageschaden bringen, glaubt Rasi. Die Landwirtschaft bewege sich immer stärker weg von den Grossverteilern in Richtung Selbstvermarktung, Tourismus sowie Gastronomie und benötige ein gutes Image. «Und wenn die Nagra für ihre Propaganda Millionen von Franken ausgibt, dann kann etwas nicht stimmen.» Like Weinland fordert einen Stopp des Sachplans. Der Like-Hinkelstein sei ein Mahnmal, «ein Mahnfinger an all jene Politiker, die sich drücken, sich für unsere Region einzusetzen», sagte Rasi.

«Nicht so hoch gewichten»

«Vielleicht stört der Hinkelstein unser Gewissen, aber das haben wir bitter nötig», sagte Lorenz Nägeli von Klar. Die Organisation fordert die Wiedereinführung des Vetorechts gegen ein Endlager. Am Schluss müsse eine Region das Lager übernehmen, fand hingegen Knill. «Da können wir die Eigeninteressen nicht so hoch gewichten.» Brigitte Nägeli von den Kernfrauen fragte: «Was ist mit unseren Ängsten, unseren Bedenken?» Das unangenehme Thema dürfe nicht verdrängt werden.

Erstellt: 14.06.2019, 14:21 Uhr

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