Zürich

«Die mediale Inszenierung ist problematisch»

Die Vorwürfe gegen Jürg Jegge seien ernst zu nehmen und müssten geprüft werden, sagt Jugendpsychologe Allan Guggenbühl. Er kritisiert aber auch die Rolle der Medien.

«Es besteht die Gefahr einer Hexenjagd»: Jugendpsychologe Allan Guggenbühl.

«Es besteht die Gefahr einer Hexenjagd»: Jugendpsychologe Allan Guggenbühl.

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Was haben Sie gedacht, als Sie von den Missbrauchsvorwürfen gegen Jürg Jegge hörten?
Allan Guggenbühl: Ich finde es tragisch für beide Seiten. Die Vorwürfe sind erschreckend. Die Sachlage scheint mir von einem objektiven Standpunkt her aber noch unklar. Es ist problematisch, wenn solche gravierenden Vorwürfe medial verbreitet werden. Es besteht die Gefahr einer Hexenjagd.

Kennen Sie Jürg Jegge?
Ja, ich kenne ihn persönlich. Grundsätzlich schätze ich seine Arbeit und seine kompromisslose Ausrichtung auf die Bedürfnisse der Kinder. Klarstellen will ich: Die in dem Buch geschilderten Sachverhalte stellen Missbräuche dar und sind nicht zu rechtfertigen. Die Anschuldigungen sind ernst zu nehmen und zu prüfen. Jegge selbst hat sich bisher ja nicht dazu geäussert.

Es gibt den Brief von ihm von 2015 an den Betroffenen, in dem er von Tabubrüchen schreibt, die er heute ablehnen würde.
Dieser Brief alleine genügt nicht als Beweis. Bei Missbrauchsvorwürfen muss man sorgfältig vorgehen und die Vorfälle aus verschiedenen Perspektiven zu rekonstruieren versuchen. Es ist zwingend, ausführlich mit beiden Seiten zu sprechen.

«Abklärungen zu Missbrauchsvorwürfen sind sehr schwierig, weil oft beide Seiten glaubhafte Versionen schildern.»

Mussten Sie auch schon solche Abklärungen vornehmen?
Ich musste auch schon Missbrauchsvorwürfe abklären, etwa im Zusammenhang mit einer Familientherapie oder von Gutachten. Solche Abklärungen sind ausserordentlich schwierig, weil oft beide Seiten glaubhafte Versionen schildern. Manchmal ist leider eine abschliessende Klärung nicht möglich. Den Betroffenen muss dann dabei geholfen werden, ihre Erlebnisse auf eine Weise zu verarbeiten, dass ein Weiterleben möglich ist. Trotz der Schwierigkeiten: Es gibt für solche Abklärungen spezifische Verfahren. Man muss mit allen Beteiligten genau aufarbeiten, was wo und wann geschehen ist. Es darf kein Aspekt ausgeblendet werden. Zu beachten ist, dass Erinnerungen auch täuschen können. Da ist Professionalität nötig, eine Aufarbeitung allein auf journalistischem Weg ist unmöglich. Der Schutz der Privatsphäre ist längerfristig für die Opferseite wichtig.

Die geschilderten Missbräuche begannen 1970 – eine ganze ­andere Zeit, die im Zeichen des Aufbruchs von 1968 standen.
In den 1968er-Jahren hat sich die Einstellung gegenüber der Sexualität grundsätzlich verändert. Im Zusammenhang damit kam es mit Sicherheit auch zu Tabubrüchen, die Grenzüberschreitungen zur Folge hatten. Die Sensibilisierung für Themen wie Kindsmissbrauch hat in den letzten 20 Jahren stark zugenommen. Dies ist ein Fortschritt. Gleichzeitig empfinde ich aber einen grossen Widerwillen dabei, wenn es vor der genauen Klärung der Fakten zu einer medialen Verurteilung kommt.

Sie sind Jahrgang 1952. Können Sie den Kontext der 1970er-Jahre etwas genauer ­schildern?
Aus eigener Erfahrung als Therapeut kann ich das nicht, ich praktiziere erst seit Mitte der 1980er- Jahre. Aber es ist bekannt, dass es in den 1970ern nicht nur im Erwachsenenbereich, sondern auch im Rahmen der Pädagogik Bestrebungen gab, körperlichen Kontakt und Zärtlichkeiten zwischen Pädagogen und Kindern zuzulassen. Es war jedoch nicht die vorherrschende Meinung. Auch damals wurde es als Übergriff gewertet, wenn Kinder sexuell angegangen wurden.

«Ich empfinde einen grossen Widerwillen dabei, wenn es vor der genauen Klärung der Fakten zu einer medialen Verurteilung kommt.»

Jegge hatte die Nähe propagiert. Wo liegt heute die Linie?
Nähe ist nötig, aber in der therapeutischen und pädagogischen Beziehung natürlich nicht körperlich. In Ausnahmefällen einen Schüler an der Schulter anfassen – damit hat es sich meiner Meinung nach, wenn man mit Kindern oder Jugendlichen arbeitet. Mit kleinen Kindern können sich beim Herumbalgen heikle Momente einstellen, dann muss der Therapeut ganz klar seine Rolle kennen und Grenzen ziehen. Das Kind oder der Jugendliche darf für den Erwachsenen nie zum Objekt eigener sexueller Bedürfnisse werden. Das ist ein absolutes No-go.

War das nicht immer so?
Ich kann das nur für meine therapeutisch aktive Zeit beurteilen, da war das immer klar. Ob das schon immer so war, weiss ich nicht.

Jegge war eine Zeit lang sehr einflussreich. Wie wirkt er nach?
Er wirkt positiv nach, indem man heute weiss, dass man sogenannt dumme oder schwierige Kinder nicht einfach abstrafen soll, sondern dass man sich um sie kümmern muss. Der Fokus darauf, was in Kindern vorgeht, ist wichtig. Das war ein Paradigmenwechsel, den Jegge eingeleitet hat. Vorher sprach man von guten und schlechten Schülern. Danach fragte man verstärkt, ob es wirklich ein schlechter Schüler ist oder ob man falsch mit ihm umgeht.

Erstellt: 06.04.2017, 09:17 Uhr

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