Endlager

Deutscher Druck nimmt weiter zu

Klipp und klar bezieht der deutsche Nachbar erneut kritisch Stellung zum Schweizer Endlager – dieses läge nahe an der Staatsgrenze.

In einer Halle an der Erdoberfläche an der Aare: So wird der Schweizer Atommüll bis heute gelagert.

In einer Halle an der Erdoberfläche an der Aare: So wird der Schweizer Atommüll bis heute gelagert. Bild: Keystone

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«Das Zeug bleibt verdammt lange gefährlich», sagte Martin Kistler, Landrat des deutschen Landkreises Waldshut, an der Informationsveranstaltung vom Dienstagabend in Hohentengen. «Und das macht uns natürlich Angst.» Die deutsche Gemeinde liegt direkt gegenüber des Zürcher Unterlandes, wo das Endlager gebaut werden könnte. Die zwei anderen möglichen Standortregionen sind das Zürcher Weinland und der Aargauer Bözberg.Die vorgestrige Veranstaltung des Schweizer Bundesamtes für Energie (BFE) besuchten gut 200 Personen. Alle Voten waren kritisch, teils auch wütend und gehässig. Es wurde viel applaudiert, manchmal reingerufen und höhnisch gelacht. Die Vertreter des BFE und der Atomaufsichtsbehörde Ensi gerieten aufgrund der sehr vielen Fragen teils massiv in Bedrängnis. «Skepsis und Ablehnung beherrschen die Tonlage», sagte auch Kistler. Dies einige die Menschen in der Region.

Forderung nach Fairness

Vor einigen Jahren habe man noch gehofft, dass die Schweiz Endlagerstandorte wähle, «die sich in erträglicher Distanz zu uns befinden», sagte Kistler in einer längeren Stellungnahme. Wenn der Schweizer Atomausstieg und die Endlagerung aber gelingen würden, «dann werden wir in der Region in der Summe entlastet». Denn dann würden die Atomkraftwerke an Rhein und Aare abgestellt und das Zwischenlager für Atommüll in Würenlingen aufgehoben – dieses Lager liegt an der Aare, nur etwa acht Kilometer vom deutschen Waldshut entfernt.

«Wir haben die Erwartung, fair und auf Augenhöhe beteiligt zu werden.»Martin Kistler, Landrat deutscher Landkreis Waldshut

Die deutschen Gemeinden und Landkreise kritisieren, dass das «Tor zum Endlager» im Unterland und Weinland nur wenige hundert Meter neben dem Rhein und der Landesgrenze gebaut würde. Die Mehrheit der Schweizer Anwohner wolle die Anlage nicht bei sich, «dann wird der Standort eben in die Nähe der Minderheit geschoben», sagte Kistler. In der «heissen Zelle» im «Tor zum Endlager» wird mit hochradioaktiven Abfällen hantiert. Die deutschen Gemeinden würden die gleichen Lasten tragen wie die Schweizer Gemeinden, so Kistler weiter. Daher habe man auch die «Erwartung, fair und auf Augenhöhe beteiligt zu werden». Schon seit Längerem fordert etwa Jestetten mehr Mitsprache bei der Standortsuche. Und seit vorgestern kommt eine deutsche Forderung hinzu: «Wir erwarten von der Schweiz, dass alle Standortvorschläge für die Oberflächenanlage in den drei Regionen einer gründlichen Revision unterzogen werden», sagte Kistler im Namen aller betroffenen Landkreise und Gemeinden, von Waldshut bis Konstanz. Denn alternative Standorte, die weiter von der Staatsgrenze und vom Rhein entfernt liegen, seien ohne zwingende Gründe verworfen oder gar nicht erst geprüft worden. Durch die Grenznähe sei die Betroffenheit der deutschen Seite «massiv gestiegen». Und der Umfang der Beteiligung werde diesem Fakt «bei Weitem nicht mehr gerecht».

Viel Misstrauen vorhanden

Simone Brander vom BFE versuchte an der Veranstaltung, Gegensteuer zu geben. Die deutsche Seite sei «sehr aktiv im Verfahren involviert», der gleichberechtigte Einbezug sei dem BFE «sehr wichtig». Aber durch die Landesgrenze gebe es nun einmal eine Grenze bei der Mitsprache, so zum Beispiel bei Volksabstimmungen. «Ich verstehe aber absolut Ihre Bedenken», sagte Brander. Es wäre für die Schweiz auch viel einfacher, wenn die geeigneten geologischen Gebiete weiter weg wären von der Landesgrenze. Diese Aussage wurde mit höhnischen Zwischenrufen quittiert.

«Ihnen gelingt dieses Verfahren nicht, wenn Sie weiter die Haltung haben, ein partizipativer Prozess ende an der Grenze», sagte Martin Benz an die Adresse von Brander respektive vom BFE. Benz ist Bürgermeister von Hohentengen und Mitglied der Regionalkonferenz Nördlich Lägern (Zürcher Unterland). So gebe es keine Akzeptanz. «Ich bitte Sie wirklich dringend: Gehen Sie nochmals über die Bücher.»

Und ein deutscher Bürger sagte erbost: «Wir sind in einem von Ihnen gewünschten partizipativen Prozess, und der geht über die Landesgrenze hinaus. Und wenn der von Ihnen ernst gemeint und keine Alibiübung ist, dann setzten Sie unsere Betroffenheit endlich gleich mit jener in der Schweiz!» (Landbote)

Erstellt: 10.01.2018, 16:37 Uhr

Markus Brupbacher, Redaktor Region

Kommentar

Die Stopfgans-Kommunikation

Der Ablauf ist immer gleich: Das Bundesamt für Energie (BFE), die Nagra oder die Atomaufsichtsbehörde Ensi laden die Bevölkerung zu einer Informationsveranstaltung ein. Dann folgt ein Referat nach dem anderen, Folie auf Folie, Fachausdrücke, Abkürzungen, Grafiken, Kurven und so weiter. Ja und dann, vollgestopft mit Informationen, dürfen die Menschen ganz am Schluss noch ihre Fragen loswerden. Doch wer mag dann noch?

Die Strategie dahinter gleicht dem Stopfen von Gänsen: Nur genug Sachinformationen reinwürgen, dann kommen das Vertrauen und die Akzeptanz der Menschen als «Delikatesse» heraus. Vollstopfen bis zum Schweigen? Dem Vertreter des Ensi gelang es auch an der Veranstaltung vom Dienstag in Hohentengen nicht, den Leuten die Materie verständlich zu erklären. Immer wieder verwies er hilflos auf erklärende Poster, die hinten in der Mehrzweckhalle an Stellwänden hingen.

Wenn die Experten dann doch auf die Ängste der Menschen einzugehen versuchen, fallen so unbeholfene und verharmlosende Äusserungen wie in Hohentengen geschehen: «Jede Tankstelle ist gefährlicher als ein Tiefenlager» oder «Ein Tiefenlager verursacht weniger Lärm als eine Kiesgrube.»

Noch immer glauben die von Naturwissenschaftern dominierten Institutionen: Je komplizierter die Sprache, desto vertrauenswürdiger wirken wir. Und je mehr Informationen, desto besser. Was für ein Irrtum!

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