Bassersdorf

Ethik muss gelebt werden

Das Frauenapéro der Reformierten Kirchgemeinde Bassersdorf-Nürensdorf lockte am Freitagabend zum Vortrag von Grünpolitikerin Monika Stocker über einen lebendigen Ethikbegriff.

Monika Stocker gilt als eine Pionierin der Sozialpolitik. Seit ihrem Rücktritt aus dem Stadtrat ist sie selbstständig tätig.

Monika Stocker gilt als eine Pionierin der Sozialpolitik. Seit ihrem Rücktritt aus dem Stadtrat ist sie selbstständig tätig. Bild: Paco Carrascosa

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Was ist Rolle des Menschen inmitten des kapitalistischen Zeitgeistes? Wie gehen wir mit den Älteren unserer Gesellschaft um? Die Sozialpolitik war in ihrer Zeit als Nationalrätin und Zürcher Stadträtin Monika Stockers Schwerpunkt. Im Kirchgemeindehaus Bassersdorf sprach die studierte Etikerin zum Thema: «Es kommt halt doch drauf an. Ethisches Handeln im Alltag». In ihrem Referat lieferte Stocker Denkanstösse zur Eigenverantwortung und ermutigte zur Zivilcourage.

Ethik sei nicht ein Label, das man irgendwo anhaften könne. «Wenn wir von Ethik reden, dann muss das ein Tätigkeitswort werden», sagte Stocker dem 30-köpfigen, vornehmlich weiblichem Publikum. Handlungsbedarf gebe es genug. Der heutige Zeitgeist schaue mit Generalverdacht und Schuldzuweisung auf die sozial Schwachen herunter. Als Vorsteherin des Zürchers Sozialdepartements von 1994 bis 2008 hat Stocker jedoch eine andere Realität dieser Menschen gesehen.

Taten statt Worte

Sparmassnamen und -pläne im Gesundheits- und Sozialbereich sowie die Nichtanerkennung von Care- und Freiwilligenarbeit bei der AHV – letzteres treffe vor allem Frauen – nannte sie als einige der Baustellen.

Taten statt Worte geforderte Stocker. Denn auch wenn vieles schon erkämpft wurde, bleibe der Wunsch nach einem gerechten System für alle unerfüllt: «Wir bei der Grossmütterrevolution sind heute alte Frauen, die schon vor 50 Jahren Feministinnen waren, und wir sind noch lange nicht zufrieden. Wir wollten nicht nur einfach die gleiche Hälfte vom Kuchen, wir wollten einen anderen Kuchen.» Denn wenn eine Frau an der Spitze der UBS sitze, werde die Bank nicht plötzlich zu einer Sozialinstitution. «Wir Frauen sind nicht per se die besseren Menschen.»

Stocker wünscht sich ein allgemeines Umdenken in der Gesellschaft, in der der Mensch ab einem bestimmten Alter nicht als Kostenlast gesehen wird. Verlangt sei «Zivilcourage und Energie», wenn sich etwas ändern solle. Vor allem ältere Frauen müssten laut Stocker mutiger sein, ihre Anliegen offen kundzutun.

«Wir haben Wahlen im Herbst. Gehen Sie wählen. Und wenn jemand nur vom Sparen redet, wählen Sie ihn nicht.»Monika Stocker
Ehemalige Nationalrätin und Zürcher Stadträtin (Grüne)

Mensch als Last

«Ich kann bis heute nicht verstehen, warum es unser Bruttosozialprodukt erhöht, einen Panzer herzustellen, aber eine Nachbarin zu pflegen, eine Kostenstelle ist. Da haben wir eine Buchhandlung im Kopf, die völlig meschugge ist.» Und sie spornte an: «Wir haben Wahlen im Herbst. Gehen Sie wählen. Und wenn jemand nur vom Sparen redet, wählen Sie ihn nicht.»

Managementtheorien der letzten Jahrzehnte wie strategische Überprüfungen und Effizienzsteigerung hätten das Menschliche hinter den Wert des Geldes herangestellt. Als Beispiel nannte sie Spitäler, welche zur Gewinnsteigerung fusionieren. «Warum muss jemand an einem Blinddarm verdienen? Da ist ein unguter Geist drin, sicher nicht ein ethischer, sondern eine ökonomistischer.»

Änderungen zu verlangen, liege in der Pflicht der Bevölkerung. «Bern wird das nicht einfach so in den Sinn kommen. Sie haben andere Lobbys hinter sich.» Die Verantwortung fange im Privaten an und erstrecke sich weiter auf alle Bereiche des Lebens: Vom Konsumverhalten zu Klimaproblem bis zu den Tragödien der Flüchtlinge: «Ich habe für das alles auch kein Patent. Aber wir müssen nicht die ganze Welt stemmen, es geht auch im Kleinen. Und es sind immer auch die Einzelfiguren, die etwas verändern.»

Erstellt: 23.06.2019, 16:32 Uhr

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