Tageskarten

Reger Handel mit den Sparkarten

Gemeinde-Tageskarten sind begehrt. Wer in der eigenen Wohngemeinde keine mehr erhält, sucht bei anderen Gemeinden – oder auf Ricardo. Solcher Zwischen­handel wäre nicht erlaubt –stören tut das kaum jemanden.

Zürcher Gemeinden verkaufen Tageskarten zu Preisen zwischen 35 und 46 Franken. Auf dem Internet werden sie oft für höhere Preise gehandelt.

Zürcher Gemeinden verkaufen Tageskarten zu Preisen zwischen 35 und 46 Franken. Auf dem Internet werden sie oft für höhere Preise gehandelt. Bild: Archiv

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Am Wochenende vom 19. und 20. August geht in Nyon das Far°-Festival der Bühnen­künste zu Ende. Angenommen, eine Walli­sellerin möchte per Bahn an eine Derniere reisen; am 19. hin und zurück. Ohne Halb­tax-Abo würde sie 170 Franken zu zahlen haben, 2. Klasse. Da kommt ihr in den Sinn, dass ­ihre Wohn­gemeinde Gemeinde- Tages­­karten für die Einwohner anbietet: eine Art vordatiertes 24-Stunden-Generalabonnement zum Preis von 43 Franken pro Stück – 75 Prozent Rabatt.

Die Nur-für-Einwohner-Regel

So erklärt sich, warum das Gemeinde-GA heute so begehrt ist. Als Schnupperangebot für den öffent­lichen Verkehr eingeführt, bieten heute viele Gemeinden mehrere Karten für jeden Tag an. Ein Blick auf www.tageskarte- ­gemeinde.ch, wo die Verfügbarkeit der Karten für immerhin rund 350 Schweizer Gemeinden aufgelistet ist, zeigt: Für die aktuelle Kalenderwoche ist es faktisch gelaufen – für die nächste gibt es noch einzelne Karten an einzelnen Daten.

Für drei Personen auf einmal ist der 19. August nicht mehr machbar. Denn seit 2010 kommt eine Regelung erschwerend hinzu: Eine Gemeinde darf ihre Tages­karten nur noch an die eigenen Einwohner verkaufen. Ausnahme: Nachbargemeinden mit weniger als 2000 Einwohnern. Auf diese neue Spielregel hatten sich der Gemeinde- und der Städteverband mit dem Verband öffent­licher Verkehr geeinigt; nachdem einzelne Gemeinden ein veri­tables Profit-Geschäft mit ihren Gemeinde-Tageskarten aufgezogen hatten, gab es Bestrebungen, das Angebot massiv einzuschränken oder sogar ganz zu streichen.

Zurück nach Wallisellen: Wer gestern auf der Gemeindeweb­seite nach Reservationsdaten suchte, stellte fest: Es gab noch je 3 Karten für den 21., den 29. und den 30. Das wars für den kom­plet­ten August. Doch: Es gibt Hoffnung für die Wallisellerin im obigen Beispiel: Denn viele Gemeinden foutieren sich nämlich um die Regel und verkaufen durchaus an Auswär­tige. Von den 31 Unterländer Ge­mein­den, die Gemeinde-Tageskarten im Angebot haben, hat fast jede ihre eigenen Verkaufsregeln aufgestellt.

Es sind vor allem die grossen Gemeinden, die sich regelkonform verhalten und inzwischen auf der eigenen Web­seite kommunizieren, dass ein Verkauf nur an eigene Einwohner zulässig ist. In kleineren Dörfern herrscht da noch mehr föderalistische Willkür: In Rafz oder Steinmaur kennt man etwa eine Art Auswärtigen-Tarif; Niederweningen kennt für Niederweniger, Oberweninger und Schöfflisdorfer einen 50-Franken-, für Schleiniker und Schneisinger aber einen 60-Franken-Tarif. Und Dielsdorf, das selber gar keine Tageskarten anbietet, verweist auf der Webseite ganz unverblümt auf die Tatsache, dass da ja wohl andere Gemeinden seien, die Karten an Auswärtige verkauften.

Beim Verband öffentlicher Verkehr weiss man um diese Form föderalistischer Willkür. «Ja, die Vorgehensweisen sind bekannt», sagt Mediensprecher ­Roger Baumann. Die Gemeinden würden punktuell überprüft, ­bisher seien jedoch keine Schritte unternommen worden, fehlerhaftes Verhalten zu sanktionieren. «Vor allem weil eine lückenlose Prüfung nicht möglich ist.»

Das Ricardo-Gambling

Um alleine am 19. August nach Nyon zu kommen, würde sich vielleicht noch eine Verkäufer-Gemeinde finden – zumal die Gemein­den selbst nur ganze Stapel à 365 Tageskarten für 14 000 Franken erwerben können, ergo ein Interesse daran haben, möglichst alle einzelnen Karten auch weiterverkaufen zu können. Eine letzte Variante vor dem Halbtax-Kauf oder dem Vollpreis besteht noch: die Internet-Auktions­platt­form Ricardo. Dort ver­ticken Privatpersonen täglich Gemeinde-Tageskarten – obschon der Vermerk­ «Kein Zwischenhandel» auf jeder einzelnen Karte auf­gedruckt ist.

Zwar hat dieser ­Basar etwas von Gambling, denn dass man gleich das richtige Datum erwischt, ist Glücks­sache. Die Verkäufer machen jedoch durchaus Gewinn. Die Gemeinden selber verlangen im Kanton Zürich zwischen 35 (etwa in Uiti­kon) und 46 Franken (etwa in Nieder­glatt). Und auf Ricardo gehen ­immer mal wieder einzelne GA für 60 oder 70 Franken über den digitalen Laden­tisch. «Hier befinden wir uns in einem Grau­bereich», sagt Baumann. «Ist ein Kunde krank, wird er versuchen, die ­Karte weiterzuverkaufen, da er sie nicht in die ­Gemeinde zurückgeben kann.»

Würde jemand regelmässig und mit dem erkennbaren Ziel, einen Gewinn zu erwirtschaften, Karten online versteigern, wäre das sicher nicht zulässig. Bisher ­sähe man beim Verband aber keinen Grund, zu intervenieren. flo (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 09.08.2017, 09:17 Uhr

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