Wahlen

Unterland ist die Hochburg der Wahlfaulen

Das Unterland belegt einen unrühmlichen Spitzenplatz. Acht der zehn Gemeinden mit der tiefsten Wahlbeteiligung liegen in den Bezirken Dielsdorf und Bülach.

In vielen Gemeinden des Zürcher Unterlandes lag die Stimmbeteiligung am Wochenende besonders tief.

In vielen Gemeinden des Zürcher Unterlandes lag die Stimmbeteiligung am Wochenende besonders tief. Bild: Archiv ZU

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Es war fast zu erwarten: Die rote Laterne in Sachen Wahlbeteiligung geht auch diesmal ins Zürcher Unterland. War es vor vier Jahren noch die Gemeinde Oberglatt, in der am meisten Personen die kantonalen Wahlen ignorierten, verzeichnete das damals vorletzte Opfikon am Sonntag die tiefste Stimmbeteiligung im ganzen Kanton.

Nur noch exakt jeder fünfte Stimmberechtigte liess sich in der Flughafengemeinde mobilisieren. Das sind nochmals zwei Prozent weniger als vor vier Jahren. Die durchschnittliche Stimmbeteiligung lag im Kanton Zürich diesmal bei 33,5 Prozent. Im Bezirk Dielsdorf betrug sie 28,2, im Bezirk Bülach 27,8 Prozent.

Bei den Schlusslichtern überproportional vertreten

Im Unterland leben generell auffallend viele wahlabstinente Bürgerinnen und Bürger. Unter den zehn Gemeinden mit der tiefsten Beteiligung finden sich acht aus den Bezirken Bülach und Dielsdorf: Neben Opfikon (20 Prozent) und Oberglatt (20,3 Prozent) sind dies Weiach (Platz 3, 20,6 Prozent), Kloten (Platz 5, 22,3 Prozent), Rümlang (Platz 8, 24,1 Prozent), Regensdorf (Platz 9, 24,1 Prozent) und Embrach (Platz 10, 24,3 Prozent). Mit Schlieren und Dietikon mischen sich einzig zwei Gemeinden aus dem Limmattal unter die Desinteressiertesten im Kanton.

Weiach gibt selbst dem Präsidenten Rätsel auf

Es gibt offensichtlich Faktoren, die eine tiefe Wahlbeteiligung begünstigen: viele Einwohner, in der Agglomeration gelegen, flughafennah und hoher Ausländeranteil. Doch nicht jede «wahlfaule Gemeinde» passt in dieses Schema. Weiach etwa. Die 1800-Seelen-Gemeinde liegt am Rand des Kantons und nicht in unmittelbarer Nähe zum Flughafen. Der Ausländeranteil liegt mit knapp 26 Prozent minim unter dem kantonalen Mittel. Und doch lag die Wahlbeteiligung nur eben ein halbes Prozent höher als in Opfikon.

«Wir können uns noch nicht erklären, warum es ein derart geringes Interesse gab.»Stefan Arnold, parteilos

Auffallend: 2015 waren es noch 7 Prozent mehr gewesen. Allerdings kandidierten auch nur zwei Einwohner der Gemeinde für den Kantonsrat, einer für die BDP auf Listenplatz 5, der andere für die SVP auf Listenplatz 7. Das schlechte Abschneiden ist selbst für Gemeindepräsident Stefan Arnold (parteilos) nur schwer nachvollziehbar: «Auch wir waren erstaunt über die sehr tiefe Wahlbeteiligung. Wir können uns, Stand heute, noch nicht erklären, warum es bei den diesjährigen kantonalen Wahlen derart geringes Interesse gab.» Die tiefe Stimmbeteiligung wie auch mögliche Massnahmen würden an der heutigen Sitzung des Weiacher Gemeinderats besprochen. Einen Spitzenplatz hat aber auch Weiach zu bieten. Hier konnte die SVP mit 58,1 Prozent Wähleranteil das drittbeste Resultat im Kanton verbuchen, hinter Hüttikon (60,1 Prozent) und Dägerlen (58,6 Prozent).

Der Unterländer Primus heisst Boppelsen

Unter den Top Ten der wahlfreudigsten Gemeinden ist nur gerade eine aus dem Unterland auszumachen: Boppelsen. 48,2 Prozent betrug dort der Rücklauf der Wahllisten, das ist Platz zwei hinter Dägerlen (Winterthur-Land), wo die Wahlbeteiligung bei 49,5 Prozent lag. Die Bopplisser Gemeindeschreiberin Michaela Egloff sieht eine mögliche Erklärung in der Bevölkerungsstruktur der Gemeinde.«Unsere schöne Wohnlage führt zu eher hohen Miet- und Immobilienpreisen.» Das ziehe eine finanzkräftige Schicht an, die sich vermutlich eher für politische Themen interessiere.

Das habe sich auch bei den kommunalen Erneuerungswahlen im vergangenen April gezeigt: «Für die fünf Sitze haben sich elf Personen beworben.» Dass am Sonntag zeitgleich zu den kantonalen Wahlen auch eine Ersatzwahl in den Gemeinderat stattfand, dürfte sich positiv auf die Beteiligung ausgewirkt habe. «Wenn man so hört, wie es andernorts läuft, macht uns das natürlich schon etwas stolz», sagt Egloff.

Erstellt: 25.03.2019, 21:04 Uhr

Wählerbasis

Wo die Parteihochburgen in der Region liegen

Wählerstärkste Partei in beiden Bezirken ist die SVP mit einem Anteil von 31,8 Prozent in Bülach und 39,5 Prozent in Dielsdorf. Dahinter folgen die FDP und die SP mit praktisch gleich viel Wähleranteil in Bülach (gerundet beide 15,9 Prozent) und Dielsdorf (gerundet beide 13,0 Prozent). Doch wo liegen die Wählerhochburgen der Parteien? Da kann die SVP auf Hüttikon zählen, wo sie aktuell den höchsten Wähleranteil (60,1%) im ganzen Kanton erreichte. Es folgen Weiach (58,1%) und Höri (52,8%).

Die FDP hat in Bachenbülach (29,1 %) den höchsten Anteil erreicht. Das verwundert kaum, kandidierte da doch der bisherige Kantonsrat und Gemeindepräsident Michael Biber. Es folgen Winkel (25,2%) und Wallisellen (22,5%), da wohnt wiederum Spitzenkandidatin Linda Camenisch. Bei der SP sind die Gemeinden mit dem höchsten Wähleranteil Rafz (21,6%), Rorbas (21%) und Rümlang (19,7%) und nicht etwa die urbaneren Agglomerationsgemeinden. Rafz und Rümlang haben seit Jahren schon eine starke linke Basis – Rafz noch immer mit einem SP-Gemeindepräsidenten. Grüne Hochburg ist Bachs (20%) vor Schleinikon (17,8%), Niederweningen (17,2%) und Steinmaur (16,9%). Bei den Grünliberalen sind die stärksten Orte Dietlikon (20,8%) mit der neu gewählten Cristina Wyss-Cortellini und Otelfingen (20,5%) mit der Bisherigen Barbara Schaffner. (cwü)

Sitzverteilung

Kurioses Wahlsystem im Unterland – kleinere FDP hält mehr Sitze als SP

Zahlen lügen nicht, denkt man. Doch wirft man einen Blick auf Wahlresultate im Bezirk Dielsdorf, bleibt man nach den Kantonsratswahlen vom Wochenende etwas verwirrt zurück. Da liegt die SP auf dem zweiten Platz aller Parteien, noch vor der FDP. Und dennoch stellen die Sozialdemokraten aus dem Wahlkreis Dielsdorf einen Sitz weniger im Kantonsparlament als die Freisinnigen. Wie kann das sein?

Eine Antwort gibts beim Statistischen Amt des Kantons. Die kurze Erklärung tönt so: «Diese Besonderheit liegt am ‹Pukelsheimer›», erklärt ein Mitarbeiter.

Die längere Antwort ist etwas komplizierter: Tatsächlich hat die SP den Freisinn im Wahlkreis Dielsdorf um minime 0,02 Prozent beim Wähleranteil überflügelt. Bei total 21420 Stimmen um genau 48 Stimmen. Beide Parteien sind also mit rund 13 Prozent Wähleranteil praktisch gleich stark im Bezirk Dielsdorf. Dass die FDP dennoch einen Sitz mehr bekommen hat als die SP, hat mit sogenannten Reststimmen und Ergebnissen anderer Wahlkreise zu tun.

Reststimmen entscheiden

Vereinfacht gesagt, braucht eine Partei im kleineren der beiden Unterländer Wahlkreise rund 9,1 Prozent Wähleranteil, um einen der elf Sitze zu erobern. Bei 18,2 Prozent winkt – einfach hochgerechnet – ein zweiter Sitz, bei 27,3 Prozent ein dritter und so weiter. Mit 13 Prozent Wähleranteil haben beide 1,42 Sitze zugute. Aber ein Politiker kann sich schliesslich nicht halbieren, weshalb die angebrochenen 0,42 Sitze insgesamt möglichst fair – mit einer komplexen Formel nach dem System des Mathematikers Friedrich Pukelsheim – unter den Bezirken verteilt werden. Das heisst, der zweite FDP-Sitz wird in Dielsdorf mit Reststimmen aus anderen Bezirken zugeteilt, während die «überschüssigen» Dielsdorfer SP-Stimmen umgekehrt in einem anderen Wahlkreis zum Aufrunden für einen ganzen Sitz verwendet wurden. Woher die FDP-Stimmen kamen und wohin die SP-Stimmen gingen, sei geografisch nicht genau zuzuordnen, heisst es beim Statistischen Amt. (cwü)

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