Frauenstreik

Von gleichen Rechten profitieren auch die Männer

Frauen sind keineswegs nur Opfer. Doch in vielen Bereichen sind die Gesellschaftsstrukturen in der Schweiz überholt. Deshalb habe ich trotz ursprünglichen Vorbehalten mitdemonstriert.

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Eigentlich wollte ich nicht hingehen. Ich habe bereits für das Klima demonstriert – und nun auch noch der Frauenstreik? In meinen ganzen 53 Lebensjahren habe ich mich noch kaum jemals benachteiligt gefühlt, weil ich eine Frau bin. Ich konnte genau gleich wie meine Brüder eine Ausbildung machen. Für meinen Mann war es selbstverständlich, dass wir uns Kinderbetreuung, Erwerbs- und Hausarbeit teilen, ohne dass wir das im Vornherein je diskutiert hätten. Ich bin nie sexuell belästigt worden, und so weit ich weiss, habe ich stets gleich viel verdient wie männliche Arbeitskollegen in vergleich- barer Position.

Und: Die Opfermentalität vieler Frauen geht mir zuweilen auf die Nerven. Etwa die Klagerei über Männerbünde, die Frauen ausschliessen sollen, wie kürzlich in dieser Zeitung zu lesen war. Als ob es nicht genauso häufig umgekehrt wäre … Wieso engagieren sich Frauen nicht einfach ebenfalls in der Feuerwehr oder treffen sich am Stammtisch, wenn sie das mögen?

Oder die Sache mit den Kaderpositionen: Möglich, dass man Frauen manchmal zu wenig zutraut. Doch die meisten Unternehmen, Verbände und politischen Parteien bemühen sich heutzutage um ausgeglichene Geschlechterverhältnisse – und sei es nur aus Reputationsgründen. Dass sie nicht immer fündig werden, hat zum Teil auch damit zu tun, dass Frauen weniger bereit sind, sich voll in den Beruf hineinzuknien. Ich kann sehr gut verstehen, wenn jemandem eine gute Work-Life-Balance wichtiger ist als eine steile Karriere. Bloss: Man soll dann die Schuld nicht nur bei den anderen suchen.

Regelmässig habe ich mich als Frau sogar privilegiert gefühlt. Zum Beispiel, weil ich nicht ins Militär musste. Auch bei einer Trennung mit Kindern sind Frauen trotz gemeinsamem Sorgerecht häufig noch immer am längeren Hebel.

Wieso ich dann gestern trotzdem hingegangen bin? Vor allem aus Solidarität mit all jenen Frauen, die noch stärker unter den veralteten Strukturen unserer Gesellschaft leiden. Aber auch mit den Männern, die ebenso von mehr Gleichberechtigung profitieren würden. Zum Beispiel: Teilzeitpensen sind vielen Vorgesetzten noch immer suspekt. Statt die vielen Vorteile zu sehen – etwa, dass Teilzeiter häufig motivierter und effizienter arbeiten als Vollzeiter –, sind sie hauptsächlich auf die Nachteile fixiert. Dies nicht nur zum Leidwesen von Müttern, sondern auch von Vätern, die ihre Kinder nicht nur am Wochenende sehen möchten.

Auch die berufliche Vorsorge ist noch immer auf überholte Arbeitsbiografien ausgerichtet: Wer nicht ein Leben lang Vollzeit arbeitet, muss im Alter mit wenig Geld auskommen. Ich habe noch nie verstanden, wieso es bei Pensionskassen eine Eintrittsschwelle gibt, und dann noch in dieser enormen Höhe: 21330 Franken Jahreseinkommen, die darüber hinaus beim selben Arbeitgeber erwirtschaftet werden müssen, sind etwa für eine Putzfrau unerreichbar. Von solch unsinnigen Bestimmungen sind beide Geschlechter betroffen, aber Frauen deutlich häufiger. Und natürlich muss endlich die unerklärbare Lohnungleichheit beseitigt werden.

Gewisse Geschlechterstereotype sind tief verwurzelt und machen sich immer wieder ganz subtil bemerkbar: Wieso zum Beispiel sind trotz jahrelanger Bemühungen Frauen in Ingenieurberufen oder in der Rock- und Jazzmusik immer noch so stark untervertreten? Die meisten Frauen scheinen sich solche Tätigkeiten einfach nicht zuzutrauen. Und gleichzeitig arbeiten nur wenige Männer in Pflegeberufen oder Primarschulen, obwohl sie dort sehr gebraucht würden. Solche Rollenmuster können wohl nicht mit Forderungen verändert werden. Vielmehr muss jede und jeder seine eigenen Denkmuster immer wieder hinterfragen.

Nach zahlreichen Gesprächen im Freundeskreis habe ich mich dann am Freitag in Winterthur doch unter die Demonstrierenden gemischt. Frauen von Jung bis Alt und auch einige Männer hörten kämpferischen Reden zu, assen, tranken, diskutierten, hörten Musik und malten Transparente mit unterschiedlichsten Forderungen. Einige schienen mir berechtigt, andere etwas klischiert oder eindimensional. Schade fand ich, dass diejenigen, die wohl am stärksten mit Diskriminierung konfrontiert sind, nicht vertreten zu sein schienen – zum Beispiel Frauen mit Migrationshintergrund. Nicht zuletzt für diese Menschen ging ich gestern auf die Gasse.

Erstellt: 15.06.2019, 09:40 Uhr

Andrea Söldi, Redaktionelle Mitarbeiterin

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