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Wie das Unterland Wikipedia vernachlässigt

Marcel Burlet ist «Sohn der Stadt», Barbara Steinemann aber nicht «Tochter». Bei den Gemeindeporträts auf Wikipedia entscheiden wenige Autoren frei nach Gusto darüber, wer den Promistatus erhält. Ein Beispiel dafür, wie sich eine Region kaum um ihre digitalen Visitenkarten schert – dabei hätten sie Potenzial.

Seit der Wikipedia-Artikel 2004 erstellt worden ist, sind über Regensdorf 1400 Wörter verfasst worden. Bezüglich Aktualität steht der Beitrag besser da als diejenigen anderer Gemeinden.

Seit der Wikipedia-Artikel 2004 erstellt worden ist, sind über Regensdorf 1400 Wörter verfasst worden. Bezüglich Aktualität steht der Beitrag besser da als diejenigen anderer Gemeinden. Bild: Leo Wyden

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Wer über Google nach dem Stichwort Bülach sucht, bekommt über 2,1 Millionen Ergebnisse präsentiert. Zuoberst auf der Liste erscheint die offizielle Webseite der Stadt, auf den Plätzen zwei und drei folgen Wikipedia-Einträge; einer zur Gemeinde und einer zum Bezirk. Die freie Online-Enzyklopädie gibt es seit 16 Jahren und sie ist, mit ihren aktuell mehr als zwei Millionen (deutschsprachigen) Artikeln, hinter Google, Youtube, Facebook und der chinesischen Suchmaschine Baidu nach Aufrufen die fünftpopulärste Webseite der Welt.

Über das Unterland finden sich zahlreiche Beiträge: Da ist zum Beispiel das Schwebebahnsystem «Aerobus» des Dietliker Erfinders und Ingenieurs Gerhard Müller mit einem eigenen Artikel vertreten, ebenso die «Bülacher Fibel», ein Runenschrift-Fund aus dem 6. Jahrhundert. Und im Januar 2016 haben sogar die Damen des Unihockeyvereins Hot Chilis aus Rümlang/Regensdorf einen Schreiber gefunden (Pseudonym «Floorballcoach»), der für sie ein digitales Aushängeschild in Form eines Wiki-Artikels verfasst hat.

Von 300 bis 6300 Wörter

Es erklärt sich fast von selbst, dass längst jede Schweizer Gemeinde über einen eigenen Wikipedia-Artikel verfügt; selbst der ehemals eigenständigen Kommunen wie Windlach oder Rieden hat sich inzwischen jemand erbarmt und ein paar Zeilen aufgesetzt. Wer sich via Wikipedia ein Bild von der Region machen will, der lernt allerdings unweigerlich eine der Grundschwierigkeiten der Wiki-Idee (siehe Kasten) kennen, nämlich die schwer zu leugnende Willkür der Autorenschaft. Allein schon formal ist festzustellen, dass die Beiträge über die Dörfer und Städte des Unterlands mal kürzer, mal länger ausfallen, je nachdem, wie viel Recherche und Zeit ein Verfasser in den jeweiligen Artikel gesteckt hat. In Zahlen: Müssen sich Hüntwangen oder Oberembrach mit weniger als 300 Wörtern begnügen, sind über Embrach 4700 und über Weiach schon 6300 Wörter geschrieben worden.

Darüber hinaus unterliegt auch der Faktor der Aktualität einer gewissen «künstlerischen Freiheit». Denn einen Artikel für Wikipedia zu verfassen, ist das eine, ihn à jour zu halten, das andere. Die Gemeinde Stadel erhielt ihren Wiki-Eintrag bereits 2003 – allerdings wird dort – bei Redaktionsschluss gestern – noch immer Peter Bernhard als Gemeindepräsident aufgeführt, zugegebenermassen mit dem Vermerk «Stand 2009». Und auch im Nachbardorf Neerach ist gemäss Wikipedia Beat Lienhardt im Amt. Sowohl Bernhard wie Lienhardt waren bei den Kommunalwahlen 2014 nicht mehr angetreten.

Von der Willkür der Prominenz

Für den Aspekt der Willkür gibt es nebst dem Umfang ein weiteres Indiz: die Rubrik der «Söhne und Töchter der Stadt», wahlweise auch mit «Persönlichkeiten» überschrieben. Von den 44 Gemeindeartikeln der Region führen immerhin 19 den entsprechenden Abschnitt. Und ganz offensichtlich wird diese Form des Prominentenstatus nicht anhand von objektiven Kriterien oder Leistungsnachweisen (etwa einem Eintrag im Historischen Lexikon der Schweiz) verliehen, sondern schlicht nach dem Gusto des jeweiligen Autors.

Die Gemeinde Glattfelden beispielsweise führt in ihrem Wikipedia-Eintrag drei «Persönlichkeiten» aus drei verschiedenen Jahrhunderten auf – bei allen dreien handelt es sich «zufällig» um Theologen. Der Schriftsteller Gottfried Keller ist zwar aufgeführt, allerdings unter der Rubrik «Mit der Gemeinde verbundene Personen»; obschon er sogar in Glattfelden verstorben ist.

Ein anderes Beispiel sind die drei «Söhne der Stadt Regensdorf». Neben zwei Bobfahrern (Urs Salzmann und Heinz Stettler) listet Wikipedia dort Marcel Burlet auf. Dass der Alt-SP-Kantonsrat und Sekundarlehrer sich in mancherlei Hinsicht für die Region und die Gemeinde engagiert hat, mag unbestritten sein – gleichwohl drängt sich anhand dieses Eintrags die Frage auf, wer denn dann noch auf eine solche Liste gehörte; müsste der Nationalrätin Barbara Steinemann die Ehre nicht ebenso zuteilwerden? Dem Kirchenratspräsidenten Ruedi Reich (1945–2012)? Oder dem Maler Rudolf Meyer (1803–1857)? Vielleicht. Eingetragen wären diese Namen rasch. Und hier kommt eine weitere Wiki-Eigenheit zum Tragen: Wenn niemand über die entsprechende Diskussionsrubrik, über die jeder Wiki-Artikel verfügt, den «Nominierten» ihren Titel abspricht, dann dürfen sie da auch stehen bleiben. So ist es ohne weiteres möglich, dass die Liste Regensdorfs bald so lang ist wie diejenige der Stadt Bülach. Letztere enthält immerhin 20 Söhne und 2 Töchter, darunter die Eiskunstläuferin Sarah Meier (*1984), den Verleger Hans Ulrich Graf (1922–2010) oder die TV-Köchin Meta Hiltebrand (*1983).

Täglich 150 Klicks

Über die 19 Gemeinden mit Promi-Rubrik betrachtet, hat die Wiki-Autorenschaft aktuell 81 Personen den Status angedichtet, wobei Felix Hollenstein als Einziger gleich von zwei Artikeln (Kloten und Bülach) als stadteigene «Persönlichkeit» reklamiert wird. Ist das jetzt die abschliessende Liste unterländischer Prominenz? Wohl kaum. Aber: Da sich Prominenz gemeinhin über mediale Präsenz definiert und Wikipedia zweifelsohne ein Medium ist, sind die 81 Unterländer je nach Betrachtungsweise schon «prominenter» als andere.

Und Wikipedia-Artikel werden gelesen: Der Eintrag zur Stadt Bülach etwa wurde seit Anfang Jahr 4500-mal aufgerufen – oder 155- mal pro Tag. Kloten und Regensdorf bringen es gemäss Nutzerstatistik auf täglich rund 50 Klicks. Und dann wäre da noch die Tatsache, dass es Wikipedia nicht nur in deutscher Sprache gibt. Und ja, auch auf Englisch und Französisch haben die Gemeinden der Region ihre Wiki-Visitenkarten – auch wenn sich dort die Liste von Bülachs «notable persons» (englische Wiki) auf die beiden Hockeyaner Reto Berra und Martin Plüss beschränkt und als «maire» der «ville Bülach» (französische Wiki) immer noch Beat Kocher aufgeführt wird, der schon seit 2006 nicht mehr Stadtpräsident ist.

Man mag anführen, dass zwischen 50 und 150 Klicks pro Tag nicht alle Welt bedeuten. Doch selbst wer so argumentiert, wird der Online-Enzyklopädie ihre Popularität (und nicht zuletzt ihre fürstliche Platzierung innerhalb der Google-Suche) kaum absprechen wollen. Und ob Gemeinde, Verein, Unternehmung, Sport- oder Politpromi, wer das Verfassen und Aktualisieren von Wikipedia-Artikeln der Allgemeinheit des Internets überlässt, vertraut letztlich auch darauf, dass da an irgendeinem PC schon jemand sitzt, der allfällige Fehler oder veraltete Angaben wieder ausbügelt. Irgendwann. (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 31.01.2017, 10:06 Uhr

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