Rickenbach

Stimmen und Klänge, die sprachlos machten

Als spektakulär darf man die Grammophon-Sammlung von Andi Moser aus Winterthur bezeichnen. Das Ortsmuseum Rickenbach stellt ihm temporär seine Räume zur Verfügung. Das muss man gesehen haben.

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Wer sich mit Grammophonen beschäftigt, kommt an Enrico Caruso nicht vorbei. Sein «Bajazzo» aus Verdis Rigoletto geht noch heute durch Mark und Bein. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass sich an Edisons «Opéra» von 1911 die Lautstärke nicht regeln lässt. Wenn die Schellackplatte auch knistert und die Nadel nach einmaligem Abspielen weggeworfen werden muss: Es geht doch nichts über das authentische Hörerlebnis. Davon ist auch Andi Moser fasziniert, der es in Jahrzehnten auf eine Kollektion von über 200 antiquierten «Sprechspeicherungsmaschinen» gebracht hat. Denn nichts anderes waren die Geräte im ausgehenden 19. Jahrhundert; sie sollten die menschliche Sprache konservieren. Mit Fotografien und ersten Filmen hatte die allmächtige Technik ja bereits das Bild gebändigt und gebannt.

Wunder der Technik

Auf drei Ebenen im Ortsmuseum Rickenbach führt der Herzblut-Sammler die schönsten Stücke vor. Liebevoll bemalte Trichter und repräsentative Musikmöbel schmückten den wohlhabenden Haushalt. «In der Schweiz konnte sich das wohl keiner leisten, sie waren viel zu teuer», erklärt Moser. «Die Geräte waren so wertvoll, dass sie nach der Vorführung im privaten Kreis wieder weggeräumt wurden.»

Ein Zeitphänomen waren deshalb auch die Grammophon-Konzerte in grossen Hallen, zu denen Tausende kamen, um das Wunder der sprechenden Maschine mit eigenen Ohren wahrzunehmen. Werbeplakate zeigen überwältigte, überraschte und erschreckte Zuhörer, die zum ersten Mal mit einem Phonografen, dem «Schallschreiber» mit Wachswalze, konfrontiert werden. An Weihnachten 1877 meldete Thomas Alva Edison seine Erfindung zum Patent an.

Spezielle Geräte für Kinder

Eine Ecke in der Ausstellung nehmen die verschiedenen Kindergrammophone ein. Sie waren häufig aus Blech, mit Handkurbel und Papiermembranen zur Schallverteilung. Ein besonders seltenes Exemplar ist der Stollwerck-Phonograph, auf dem Schokoladen-Schallplatten ihren kurzen Auftritt hatten. Spielereien wie bedruckte Schallplatten, die bei der Umdrehung ein «Daumenkino» erzeugen oder Tango-tanzende Paare, die man auf den Plattenteller setzen konnte, belegen, dass der Unterhaltungseffekt oft grösser war als der musikalische Kunstgenuss.

Leider besitzt Moser keine eigenen Räumlichkeiten für eine angemessene Präsentation. «Ich dachte, mit 50 hätte ich mein Museum», sagt er lachend, «jetzt bin ich über 60 und habe zwei Doppelgaragen!» Lange hat die Familie ihre Ferien an interessanten internationalen Flohmärkten ausgerichtet. Er selbst reiste in den 1970er und 80er Jahren mit Schaustellern in den USA, wo er von ihren Karussell- und Jahrmarktsorgel-Transporten profitieren konnte. Manchmal fiel eine kleinere Musik-Maschine für ihn ab, denn Juke-Boxen sind seine weitere Passion. «Es gab einen Punkt, wo er sein Hobby durch Occasionshandel selbst finanzieren musste», erklärt seine Frau, «das Haushaltsbudget gab das nicht mehr her!» Schön, dass er dran geblieben ist und Interessierte an seiner Leidenschaft teilhaben lässt.

«His Masters Voice» Sonntag, 4.9. und 2.10., 14 bis 16 Uhr. Ortsmuseum, Dorfstrasse 10, Rickenbach. Oder nach Vereinbarung: 079 353 40 80. Eintritt frei. (Landbote)

Erstellt: 29.08.2016, 16:02 Uhr

Infos zur Ausstellung

«His Masters Voice» Sonntag, 4.9. und 2.10., 14 bis 16 Uhr. Ortsmuseum, Dorfstr. 10, Rickenbach. Oder nach Vereinbarung: 079 353 40 80. Eintritt frei.

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