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Kolumne zur Gewalt in den USAReichlich Treibstoff für soziale Unruhen

Ausschreitungen wie derzeit in amerikanischen Städten haben kaum volkswirtschaftliche Folgen, aber gravierende lokale Auswirkungen. Und die politische Instabilität wächst.

Eine Welle der Instabilität bedroht die USA: Protestierende in Seattle.
Eine Welle der Instabilität bedroht die USA: Protestierende in Seattle.
Foto: Lindsey Wasson (Reuters)

Das war eine schlimme Woche. Nach dem durch Polizeigewalt verursachten Tod von George Floyd in Minneapolis tobten in US-Städten die schwersten Unruhen seit den späten 1960er-Jahren. Während Demonstranten durch die Strassen zogen und Plünderer Geschäfte ausraubten, stieg die US-Börse locker um etwa 7 Prozent. Ein Land scheint am Rand des Bürgerkriegs, der Präsident droht mit Militäreinsatz – und die Börse boomt. Wie geht das zusammen?

Autoritäres Gehabe von Regierenden stört die Börse selten. Hongkong hat auch nach einem Jahr voll Tränengas seinen Status als führenden Finanzplatz nicht eingebüsst.

Die volkswirtschaftlichen Auswirkungen von Unruhen sind gering, zumal für eine Wirtschaft von der Grösse der USA. Schwerwiegend können dagegen die lokalen Nachwirkungen sein. Untersuchungen zu den Unruhen nach dem Tod von Rodney King 1992 in Los Angeles zeigen, dass die wirtschaftlichen Aktivitäten in den betroffenen Stadtteilen mehr als zehn Jahre brauchten, um das Niveau von vor den Unruhen wieder zu erreichen.

Unternehmer und Hausbesitzer halten sich lange zurück mit Investitionen.

Die wirtschaftliche Erholung verlief danach viel langsamer als zum Beispiel nach den Verwüstungen durch den Hurrikan Andrew in Miami im gleichen Jahr. Zerstörungen und Plünderungen treffen vor allem sozial Schwache und nicht oder ungenügend Versicherte in armen Stadtteilen.

Selbst wenn die eingeschlagenen Scheiben rasch ersetzt und die ausgebrannten Autowracks weggeräumt sind: Unternehmer und Hausbesitzer halten sich danach lange zurück mit Investitionen in Stadtteilen, die von Gewaltausbrüchen heimgesucht wurden.

Das bestätigen Untersuchungen der Ausschreitungen, die auf die Ermordung von Martin Luther King 1968 folgten. Die Preise für Immobilien blieben bis in die 1980er-Jahre hinein gedrückt. Besonders betroffen waren schwarze Hausbesitzer.

«Eine Welle der Instabilität wie in den 1960er-Jahren.»

Peter Turchin

Auch wenn die Zerstörungen bis jetzt bei weitem nicht das damalige Ausmass erreichten, scheint die heutige Situation gefährlich. Die Welle der Instabilität in den USA habe bereits ein ähnliches Niveau erreicht wie zuletzt Ende der 1960er-Jahre, stellt Peter Turchin fest. Der Sozialwissenschaftler hat eine solche Entwicklung vor zehn Jahren korrekt vorausgesagt.

Er fürchtet heute, dass die strukturellen Triebkräfte für Instabilität unvermindert weiterwirken: Verelendung eines Teils der Bevölkerung, Konflikte innerhalb der Elite und Vertrauensverlust in staatliche Institutionen. Sie liefern weiterhin reichlich Treibstoff für soziale Unruhen.

2 Kommentare
    Ralf Schrader

    'Ausschreitungen wie derzeit in amerikanischen Städten haben kaum volkswirtschaftliche Folgen'

    Die meisten Ausschreitungen finden in den südamerikanischen Städten statt. Die USA sind nur ein kleiner Teil Amerikas, auch und gerade was soziale Unruhen betrifft.