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Italiens neuer PremierRigoros wie ein Deutscher,
kreativ wie ein Italiener

Mario Draghi ist für viele Italiener Legende und Mythos zugleich. Seine Misserfolge werden gern vergessen. Schafft es der frühere Notenbanker, das Parlament hinter sich zu bringen?

Vom «Whatever it takes» für den Euro zur Herausforderung in Rom: Mario Draghi, 73 Jahre alt, akzeptiert den Regierungsauftrag des italienischen Staatspräsidenten «unter Vorbehalt».
Vom «Whatever it takes» für den Euro zur Herausforderung in Rom: Mario Draghi, 73 Jahre alt, akzeptiert den Regierungsauftrag des italienischen Staatspräsidenten «unter Vorbehalt».
Foto: Roberto Monaldo (Getty Images)

Sechs Minuten zu früh ist Mario Draghi im Quirinalspalast, dem Sitz des Staatspräsidenten, erschienen, um genau 11.54 Uhr, und diese vermeintliche Nebensächlichkeit ist schon ein halbes Programm. Draghi gilt als obsessiv pünktlich. Wo er auch erwartet wird: Der 73-jährige Römer ist immer zu früh, was auch jedes Mal lobend hervorgehoben wird, so aussergewöhnlich ist das. Zum Lobeskanon gehört, dass er im Zug immer zweite Klasse fahren soll. Fliegen? Offenbar nur Economy. Man sagt in Italien auch, Draghi sei «rigoros wie ein Deutscher und kreativ wie ein Italiener». Die ideale Kombination?

Die Zuversicht – trotz allem

Der frühere Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) hat am Mittwoch von Staatspräsident Sergio Mattarella den Auftrag zur Bildung einer neuen Regierung erhalten. Draghi nahm ihn «mit Vorbehalt» an, einer üblichen Formalität. Zunächst will er die Stimmung im Parlament sondieren. «Das ist ein schwieriger Moment», sagte Draghi.

Er sei aber zuversichtlich, dass er im Parlament eine Einheit vorfinde, damit man zusammen die Herausforderungen angehen könne: die Überwindung der Seuche, die Vollendung der Impfkampagne, den Wiederaufbau. «Wir erhalten von Europa ausserordentliche Ressourcen – damit können wir viel erreichen für die jungen Generationen und für den sozialen Zusammenhalt.» Gemeint waren die 209 Milliarden Euro an Zuschüssen und Krediten, die es aus dem Wiederaufbaufonds der EU geben wird.

Der «Königsweg» der Rechten – wie lange wohl?

Zwei Minuten dauerte seine Rede, dann war Draghi wieder weg. Wo er seine Zuversicht hernimmt, sagte er nicht: Einheit ist nämlich ein eher seltenes Phänomen im italienischen Parlament. Sicher sind Draghi die Stimmen der Sozialdemokraten des Partito Democratico sowie jene von Italia Viva von Matteo Renzi, der diese jüngste Entwicklung mit seinem Bündnisbruch angestrebt hatte. Auch Silvio Berlusconis rechtsliberale Forza Italia scheint bereit zu sein, Draghi zu folgen. Am liebsten wäre Berlusconi eine grosse, lagerübergreifende Koalition der nationalen Rettung, wie man sie da und dort nennt.

Doch ob da auch die rechtspopulistische Lega von Matteo Salvini und die postfaschistischen Fratelli d’Italia von Giorgia Meloni mitmachen, ist nicht klar. Öffentlich fordern Salvini und Meloni vorgezogene Neuwahlen. Doch da die allgemeine Stimmung im Land eher zu Draghi neigt, könnte schnell viel Bewegung ins rechte Lager kommen. Innerhalb der Lega ist Draghi populär.

«Apostel der Eliten», so nennen sie ihn bei den Fünf Sternen

Rätsel geben die Cinque Stelle auf. Seit ihrem Wahlsieg 2018 sind die Fünf Sterne in beiden Parlamentskammern von allen Parteien die stärkste. Sie hatten alles auf Giuseppe Conte gesetzt, auf eine Fortsetzung der Regierung des apulischen Anwalts, der ihnen nur nahesteht, aber nicht angehört. Nun stehen sie als Geschlagene da, mehr noch: Die geschrumpfte Bewegung droht auseinanderzubrechen. Beppe Grillo, Gründer der Cinque Stelle, will sich nicht hinter Draghi stellen. Viele in der systemkritischen Partei halten den Zentralbanker für einen «Apostel der Eliten», wie es einer ihrer Spitzenvertreter nannte.

Es gibt aber auch Sterne, die Draghi mittragen möchten, für das Wohl des Landes – oder weil sie keine Lust auf Opposition haben. Conte selbst spielt mit dem Gedanken, seine Popularität zu nutzen und seine eigene Partei zu gründen.

Waise mit 15, dann ein Leben im Staatsdienst

Nun aber scheint zunächst alles Licht auf Draghi, auf «Super Mario». In Italien umweht ihn eine fast mystische Aura, als habe es in seiner Karriere keine Misserfolge gegeben. «La Repubblica» zieht das Bild des «Deus ex Machina» heran, wie man im Theater sagt, wenn eine Gottheit von Maschinenhand auf die Bühne gehoben wird. So erscheint er den Italienern: als Legende, als Mythos. Draghi äussert sich öffentlich so selten, dass niemand wirklich weiss, wie er denkt.

Nur so viel ist bekannt: Mit 15 war Draghi Waise, er hatte beide Elternteile früh verloren. Das Gymnasium machte er bei den Jesuiten, überhaupt ist er ein strenggläubiger Katholik. Sein Doktorvater an der römischen Universität La Sapienza war Federico Caffè, ein berühmter, linker Ökonom, Keynesianer. Draghi studierte auch in den USA.

Danach war er lange Generaldirektor im Schatzministerium und übersah dabei auch die grosse und nicht nur gelungene Privatisierungswelle staatlicher Unternehmen. Ab 2002 war er dann kurz Banker bei der Investmentbank Goldman Sachs, was ihn später beinahe den Job bei der EZB gekostet hätte. Draghi war auch Gouverneur der italienischen Zentralbank, in jene Phase fiel die missratene Rettungsaktion für die Bank Monte dei Paschi di Siena.

So richtig weltbekannt wurde Draghi 2012, mitten in der grossen Finanz- und Wirtschaftskrise, und zwar mit einem einzigen Begriff: «Whatever it takes», sagte Draghi damals, werde man unternehmen, um den Euro vor den Spekulanten zu schützen. Was auch immer nötig sei. Er gilt als Retter des Euro. Nun, da er sich anschickt, italienischer Premier zu werden, wird allenthalben hervorgehoben, dass Draghi mit seiner Politik der offenen Geldschleusen auch der deutschen Bundesbank die Stirn geboten habe – und Angela Merkel. Und das versteht man in Rom als Trumpf. Überhaupt erwartet man sich viel von seinem internationalen Prestige.

Seit seinem Ausscheiden bei der EZB hat Draghi viele Angebote von Universitäten und aus der Privatwirtschaft erhalten. Angenommen hat er aber nur eines, von Papst Franziskus, einem Jesuiten: Er sitzt im Aufsichtsrat der Päpstlichen Akademie der Sozialwissenschaften.

38 Kommentare
    Dico Sager

    Italien ist trotz der Staatschulden immer noch ein Nettozahler. Hört doch auf Unsinn zu schreiben. Zudem haben die Italiener privat weniger Schulden als die Deutschen und auch einiges weniger als die Schweizer. Der Staat Italien ist hochverschuldet und nicht die privaten Leuten. Viele haben dort ein Haus oder eine Wohnung und sehr oft ist das Wohneigentum bezahlt. Nur wenige bezahlen in Europa so viel Geld in die EU-Kasse im Verhältnis zum Bruttoinlandprodukt. Wären die Schulden nicht, dann wird ersichtlich wie fleissig man in Italien ist, die Zinsen sind eine enorme Belastung und diese Schulden wurden leider gemacht im Glauben, dass die EU-Lügen ein Wunder sind. Die östlichen Länder bekomme einen grossen Erweiterungsbeitrag von Italien, die Schweiz nennt es Kohäsion-Milliarden, aber die Last der Flüchtlinge tragen die Italiener und auch die Deutschen und so auch die Schweizer aber im Osten will man von Hilfe bieten nichts wissen. Dort wird nur einkassiert. Ich hoffe das Italien da nicht mehr lange mitspielt und wenn es nichts ändert, halt es den Briten gleichmachen, denn es ist lausig von den anderen, die Hilfsbereitschaft der Italiener auszunutzen und die Frechheit haben sie noch zu kritisieren ohne vor der eigenen Haustüre zu kehren. Auch die Deutschen bekommen einiges an Geld von diesem Kuchen, den Begriff Mafia benutzten sie aber selber nicht obwohl in ganz Europa das Geld nicht immer am richtigen Ort landen. Italien ist ehrlich, die anderen hingegen sind scheinheilig.