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Leitartikel zur HeimarbeitSchluss mit dem Homeoffice auf Kosten der Angestellten

In der Corona-Krise haben viele Angestellte grosse Flexibilität bewiesen. Mehr geht nicht. Was wir nun brauchen, ist eine Grundsatzdiskussion darüber, wie wir zukünftig arbeiten wollen.

Zwei kleine Kinder und ein Job: Wie soll das im Homeoffice gut gehen?
Zwei kleine Kinder und ein Job: Wie soll das im Homeoffice gut gehen?
Foto: Getty Images

In den ersten Wochen der Corona-Pandemie wars etwas vom wenigen, was uns ein bisschen euphorisch stimmen konnte: das Homeoffice. Das Arbeiten zu Hause gilt nicht nur als sinnvolle Massnahme gegen das Virus. Es wird auch als zukunftsweisende Arbeitsform angesehen. Und als ein wirksames Mittel gegen allerlei Lästiges, das unseren Arbeitsalltag unnötig stressig macht. Etwa das Pendeln mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, das jeden Tag zu viel Zeit und Nerven frisst. Letzteres vor allem jetzt, nachdem die Maskenpflicht eingeführt wurde.

Viele werden sich in den ersten Homeoffice-Tagen auch über einen Zuwachs an Autonomie und Ruhe im Arbeitsalltag gefreut haben: Endlich konzentriert die Aufgaben erledigen können, endlich den nervigen Chef und das mühsame Büro-Gspänli physisch nicht mehr jeden Tag ertragen müssen. Dank dem Virus – und all den Video- und Chat-Technologien, die das Zusammenarbeiten über Distanz möglich machen.

Verdächtig, wie schnell Unternehmen nun vollständig aufs Homeoffice umstellen wollen.

Aber die Hoffnungen, die mit dem neuen Arbeiten verbunden werden, sind trügerisch: Es fehlt im Homeoffice nicht nur an sozialen Kontakten, kurzen Wegen und – nicht zuletzt – dem, was der Soziologe Richard Sennett als «Water-Cooler-Effekt» beschrieben hat: die spontanen Einfälle, die im zwanglosen Gespräch mit Arbeitskollegen entstehen.

Verdächtig ist, wie auffällig schnell einige Unternehmen nun vollständig aufs Homeoffice umstellen wollen. Geht es da wirklich allen Firmen um die Gesundheit ihrer Angestellten? Oder nicht doch um etwas ganz anderes: um die Einsparung von Kosten – für Büroräume und weitere Infrastruktur? Denn de facto werden diese Aufwendungen nun in den allermeisten Fällen auf die Angestellten abgewälzt: Wir stellen in Corona-Zeiten unsere privaten Computer, Drucker, Telefone zur Verfügung. Und einen Teil unserer Wohnungen – meist ohne zusätzliche finanzielle Entschädigung.

Zurzeit wird ein erheblicher sozialer Druck auf alle ausgeübt, die vom Homeoffice nicht begeistert sind.

Gewiss, nicht alle Arbeitgeber versuchen die Corona-Krise zu nutzen, um zulasten ihrer Angestellten Kosten zu optimieren. Es gibt auch die anderen, die für das Homeoffice entschädigen. Und ja, ein Angestellter ist dafür bis vors Bundesgericht gegangen. Er erhielt recht – und Geld: 150 Franken pro Monat.

Anspruch auf eine Entschädigung hat aber nur, wer auf Anordnung seines Arbeitgebers von zu Hause aus arbeitet. In der Corona-Krise war die Politik von vielen Firmen jedoch eine andere: Sie erlaubten Homeoffice, aber sie forderten es nicht ein. Daher haben die allermeisten von uns keinen rechtlichen Anspruch auf eine Entschädigung, da wir – juristisch gesehen – freiwillig von zu Hause aus arbeiteten. Und nur vorübergehend, weil angenommen wird, dass die Corona-Pandemie ja irgendwann wieder vorbei sein wird.

Aber selbst wer während der aktuellen Krise auf Anordnung im Homeoffice war: Das wegweisende Bundesgerichtsurteil wurde von einem Treuhänder gegen seinen früheren Arbeitgeber erstritten. Wohl nur die wenigsten haben den Mut, die Kraft und das Geld, um für ein paar Hundert Franken im Jahr den Arbeitgeber vor Gericht zu zerren. Und das erst noch jetzt, da viele Unternehmen angesichts von Umsatz- und Gewinneinbrüchen ihre Personalkosten nochmals überprüfen werden.

Hinzu kommt, was gern vergessen wird: dass zurzeit ein erheblicher sozialer Druck auf alle ausgeübt wird, die nicht begeistert sind vom Arbeiten von zu Hause aus – weil sie kleine Kinder haben. Oder weil das Einkommen zu tief ist, um ein zusätzliches Zimmer für ein Büro anzumieten.

Wer Homeoffice macht, muss seine Kosten dem Arbeitgeber vollständig in Rechnung stellen können.

Die Corona-Krise gilt als Katalysator: Sie beschleunigt soziale Veränderungen, die eh irgendwann geschehen wären. Die Zukunft des Arbeitens wird also für viele – zumindest an einigen Tagen pro Woche – im Homeoffice stattfinden. Der beschleunigte Wandel, wie er jetzt geschieht, wird aber grösstenteils zulasten der Angestellten vollzogen. Und das darf nicht sein. In der Corona-Krise haben viele Arbeitnehmer eine ungeheure Flexibilität an den Tag gelegt: Von einem Tag auf den nächsten haben sie sich an neue Abläufe und Kommunikationsformen gewöhnt – bei gleichbleibend hoher Produktivität.

Mehr geht nicht. Wer Homeoffice macht, muss seine Kosten dem Arbeitgeber vollständig in Rechnung stellen können. Von einer vorübergehenden Situation kann nach vier Monaten Corona-Krise keine Rede mehr sein. Daher brauchen wir jetzt eine Grundsatzdiskussion über den Wandel der Arbeitswelt, also wie wir arbeiten wollen, welche politisch-juristischen Leitplanken es jetzt dafür braucht – und wer dafür die Kosten trägt.