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Kommentar zu Statuen in ZürichSchluss mit den Männer-Egos

Zürichs Denkmäler bilden nur einen kleinen Teil der Welt ab. Sie müssen dringend ergänzt werden.

Sein Platz ist wohl unbestritten: Statue von Johann Heinrich Pestalozzi an der Bahnhofstrasse.
Sein Platz ist wohl unbestritten: Statue von Johann Heinrich Pestalozzi an der Bahnhofstrasse.
Foto: Samuel Schalch

Nur kleine Veränderungen bräuchte es, damit uns Zürich fremd vorkäme: Vor dem Hauptbahnhof thronte die Statue von Rosa Luxemburg. Katharina von Zimmern würde bei der Wasserkirche vom Sockel hinunterwinken. Am See erinnerte ein Marmor-Kopf an Emmy Hennings.

Befremdend ist, dass ein solch weiblich statuiertes Zürich fremd anmutete. Immerhin hat die Stadt seit elf Jahren eine Präsidentin und wird stark von Frauen geprägt.

Aber wir sind darauf getrimmt, dass männliche Figuren den öffentlichen Raum dominieren. Wenn verewigte Frauen im Stadtbild auftreten, dann als anonyme halb nackte Musen, nicht aber als Persönlichkeiten. Diese Einseitigkeit widerspiegle die «heteronormative Denkmalkultur des 19. Jahrhunderts», sagt Christoph Doswald, der Vorsitzende der städtischen Arbeitsgruppe Kunst im öffentlichen Raum.

Männer ehren Männer

Das 19. Jahrhundert liegt schon eine Weile zurück. Die Frauenlosigkeit ist altbekannt, es gibt Bücher und Stadtführungen dazu. Bei den Namen für Strassen und Plätze hat die Stadt das männliche Übergewicht ein wenig ausgleichen können. Bei den Statuen läuft es nicht so gut. Nun prüft sie 26 davon auf ihre Daseinsberechtigung.

Ein heikles Unterfangen. Das Vom-Sockel-Holen der Bisherigen lehnen viele Kommentatoren ab. Sie befürchten Geschichtsverfälschung. Dabei handelt es sich schon bei der jetzigen Auswahl um genau das: verzerrte Vergangenheit.

Statuen von Frauen sind oft knapp bekleidet und bleiben anonym, etwa das «Mädchen mit erhobenen Händen» auf der Landiwiese.
Statuen von Frauen sind oft knapp bekleidet und bleiben anonym, etwa das «Mädchen mit erhobenen Händen» auf der Landiwiese.
Foto: Raisa Durandi

Manche Historiker behaupten, dass die Abwesenheit von Frauenfiguren aus einer «objektiven Abbildung» folge. In den patriarchalen Gesellschaften der Vergangenheit habe es halt keine mächtigen und wichtigen Frauen gegeben. Das lässt sich zweifach bezweifeln. Solche Frauen gab es durchaus. Nur haben viele Historiker sie nicht beachtet und dadurch in die Vergessenheit gedrängt. Ausserdem blickte die traditionelle Geschichtsschreibung durch eine ziemlich enge Linse. Heute forschen Historikerinnen nicht mehr nur über Politiker oder Generäle (unter denen die Männerdichte hoch ist). Sie beschäftigen sich mit allen Gesellschaftsschichten.

Dazu kommt, dass die früheren Denkmal-Aufsteller zu gewissen Männern ziemlich grosszügig waren. Oder weiss jemand, warum ein gewisser Wilhelm Baumgartner auf dem Platzspitz mit einem Denkmal geehrt wird? Eben. Baumgartner war Komponist. Zudem zählte er Gottfried Keller und Richard Wagner zu seinen Freunden. Wäre er eine Frau gewesen, hätte man ihn wohl als zu wenig eigenständig eingeschätzt, um sich ein Denkmal zu verdienen.

Die Denkmalkultur feiert einsame Helden, die der Welt ihren Willen aufdrückten.

Natürlich stehen der Gleichstellung gröbere Hindernisse im Weg als ein paar versteinerte Komponisten. Doch propagiert die heutige Denkmalkultur ein unheutiges Menschenbild, und das an den zentralsten Orten der Stadt. Sie feiert grosse männliche Egos, einsame Helden, die allen anderen ihren Willen aufdrückten. Dabei wird verdrängt, dass es oft nicht Einzelkämpfer sind, welche die Welt voranbringen; sondern Menschen, die sich mit anderen Menschen zusammentun.

Vielleicht ringt sich die Stadt durch, ein paar der alten Denkmäler ab- oder umzuräumen. Beim Ergänzen sollte sie auf Frauen setzen. Auf Menschen mit verschiedenen Hintergründen. Und auf Gruppen.

Einen ersten Versuch gibt es dafür. Der Brunnen auf dem Lindenhof würdigt jene Zürcherinnen, die im Jahr 1292 die Habsburger von der Einnahme der Stadt abschreckten. Die Ironie daran: Bei dieser Geschichte handelt es sich um eine Legende.

Eine Ausnahme: Die Statue von Hedwig ab Burghalden auf dem Lindenhof erinnert an die Frauen, die gemäss einer Legende im Jahr 1292 die Habsburger von der Stadt fernhielten.
Eine Ausnahme: Die Statue von Hedwig ab Burghalden auf dem Lindenhof erinnert an die Frauen, die gemäss einer Legende im Jahr 1292 die Habsburger von der Stadt fernhielten.
Foto: Moritz Hager
32 Kommentare
    Kathrin F.

    Der Autor sollte nach Portland in den USA schauen. Dort ist die Kulturrevolution schon weiter fortgeschritten, und man kann sich fragen, ob man das wirklich will. Gerade heute Nacht wurden die Statuen von Lincoln und Roosevelt von einem wütenden Antifa-Mob niedergerissen. Und weil sie schon dabei waren, haben sie auch noch gleich beim historischen Museeum, bei einer Polizeistation und bei diversen Geschäften alle Scheiben eingeschlagen. Alles aus Hass auf die Vergangenheit, die USA und vor allem sich selber. Tragen wir lieber Sorge zu unserer Gesellschaft und seien wir Stolz darauf, was wir alles erreicht haben.