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Kleidervorschriften gelockertSchulterfrei ist wieder möglich

Kleine Revolution im Ständerat: Das Schulterfrei-Verbot von 2016 wurde zum Auftakt der Herbstsession wieder abgeschafft.

Mit bedeckten Schultern: Die Genfer SP-Ständerätin Liliane Maury Pasquier in der Herbstsession 2016.
Mit bedeckten Schultern: Die Genfer SP-Ständerätin Liliane Maury Pasquier in der Herbstsession 2016.
Foto: Keystone

Schulterfrei verboten – das galt bisher im Ständerat. Mindestens bis zum Ellenbogen mussten Ständerätinnen und Frauen auf der Zuschauertribüne bedeckt sein. Für Männer gibt es ohnehin Vorgaben wie Hemd, Anzug und Krawatte. Doch nun wurden das Schulterfrei-Verbot für Frauen gestrichen, wie Ratspräsident Hans Stöckli (SP) zum Auftakt der Session überraschend verkündete: Die alte Kleiderordnung gilt nicht mehr (lesen Sie hier mehr dazu).

Die Reglementsänderung sei eine Folge der Corona-Planung, sagt Stöckli auf Anfrage. In der Bernexpo, wo das Parlament während der Corona-Zeit tagte, galten teilweise andere Regeln. Deshalb überarbeitete das Ständeratsbüro an seiner Sitzung vom August in Biel das Geschäftsreglement. Dabei kam auch der Wunsch auf, die im Herbst 2016 verschärfte Kleiderordnung wieder zu liberalisieren.

Damals wurde die für Frauen vorgeschriebene «schickliche Kleidung» konkretisiert mit der Vorschrift, dass Schultern und Oberarme bedeckt sein müssen. Heute heisst es nur noch: «Frauen tragen dem offiziellen Charakter angemessene Kleidung.» Was angemessen sei, entscheide die «betreffende mündige Person selbst», sagt Hans Stöckli.

Männer sind eingeschränkter

Die Kleiderfrage hatte für Aufregung gesorgt, als im Sommer 2016 der Ratsweibel eine Journalistin von der Pressetribüne holte. «Meine Chefin will mit Ihnen reden», raunte er ihr zu. Die Chefin, das war die gestrenge Ratssekretärin, der aufgefallen war, dass die Journalistin ein schulterfreies Shirt trug. Einige Monate später rüffelte der damalige Ratspräsident Raphaël Comte (FDP) die Ständerätin Liliane Maury Pasquier (SP) wegen zu wenig Stoff. Immerhin durfte sie sitzen bleiben.

Nun weht offenbar ein anderer Wind. Der Bieler Sozialdemokrat Stöckli hält das Schulterfrei-Verbot für antiquiert und mit ihm eine Mehrheit des Ständeratsbüros. Er sei gleicher Meinung, sagt Thomas Hefti (FDP). Erst recht begeistert von der Änderung sind Elisabeth Baume-Schneider (SP) und Lisa Mazzone (Grüne). Wobei Baume-Schneider hinzufügt, es handle sich ja nicht gerade um den relevantesten gesellschaftspolitischen Entscheid. Doch sie begrüsse die Änderung und das Vertrauen in die Frauen – nur schon deshalb, weil ihre geschätzte Parteikollegin Maury Pasquier damals vom Ratspräsidenten blossgestellt worden sei. Die Genferin Lisa Mazzone wiederum wurde in der Grünen-Fraktion mit Applaus bedacht, als das Thema aufkam. «Leider müssen wir Männer weiterhin Krawatte tragen», sagt Grüne-Präsident Balthasar Glättli.

Für männliche Ständeräte gilt nach wie vor: mindestens Hemd, Veston, Krawatte oder Fliege. Journalisten dürfen Krawatte und Fliege weglassen.

Was ausserdem verändert wurde, und das war der ursprüngliche Anlass für die Reglements-Überarbeitung: Ständeräte dürfen nun während der Debatte ihren Laptop benutzen. Unter der Bedingung, dass dieser nicht mit aufgeklapptem Bildschirm verwendet wird, der das Ratsmitglied gegen vorn abschirmen würde. Und die Tastatur muss geräuschlos sein.