Wann Frauen Mütter werden

Fast nirgendwo lassen sich Frauen so viel Zeit mit dem ersten Baby wie in der Schweiz. Anders in Ländern mit mehr Lohngleichheit. Zufall?

Schweizer Mütter sehen im Vergleich mit jenen anderer EU-Länder alt aus. Nur die Italienerinnen und Spanierinnen gründen später eine Familie. Foto: Keystone

Schweizer Mütter sehen im Vergleich mit jenen anderer EU-Länder alt aus. Nur die Italienerinnen und Spanierinnen gründen später eine Familie. Foto: Keystone

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Mutter werden ist im Leben der meisten Frauen ein einzigartiges Ereignis, ein Meilenstein. Aber Schweizer Frauen werden immer später Mütter: Das Durchschnittsalter der verheirateten Mutter bei Erstgeburt kulminierte 2018 nach kontinuierlichem Anstieg bei 30,9 Jahren – und liegt damit nochmals 0,1 Jahre höher als im Jahr zuvor. (Das Alter der nicht verheirateten Erstgebärenden publiziert das Bundesamt für Statistik traditionell nicht. Qualitativ gute und vollständige Daten zum Alter aller Frauen bei der Erstgeburt liegen erst seit 2005 vor.)

Eine Analyse der Geburtsdaten der letzten Dekaden zeigt, dass hierzulande in den 1970er-Jahren fast die Hälfte der Frauen im Alter zwischen 20 und 24 Jahren zum ersten Mal ein Kind zur Welt bringen. Heute sind es in dieser Altersklasse gerade noch 8 Prozent.

Umgekehrt verschiebt heutzutage fast die Hälfte aller Frauen (40 Prozent) das Kinderkriegen in ihre frühen Dreissigerjahre; vor 50 Jahren war gerade mal jede zehnte Frau zwischen 30 und 34 Jahre alt bei der ersten Geburt.

Die jüngsten Erstgebärenden leben heute im Kanton Glarus mit 29,3 Jahren und im Jura (29,4 Jahre), die ältesten finden sich in den Kantonen Basel-Stadt und Genf (je 31,8) gefolgt vom Tessin (31,5), Nidwalden und Zug (31,4). Mit 31,1 Jahren liegen die Zürcherinnen auf Platz 6. Die Werte sind schweizweit relativ ausgeglichen, ganz anders als etwa in den USA, wo die Durchschnittsalter in den unterschiedlichen Staaten laut «New York Times» zwischen 20 und 32 Jahre liegen.

Dafür sehen die Schweizer Mütter im Vergleich mit jenen anderer EU-Länder alt aus. Nur die Italienerinnen und Spanierinnen gründen später eine Familie. Noch länger warten die Frauen nur noch in Korea.

Die späte Mutterschaft ist indes kein neues Phänomen. Insgesamt ist laut OECD in den meisten Ländern in den letzten Jahrzehnten dieser Trend zur späteren Erstgeburt zu beobachten, fast überall gebären die Frauen im Schnitt 2 bis 5 Jahre später als vor 50 Jahren.

Die Gründe für eine späte Familiengründung sind vielfältig. Zum einen hängt sie mit der Tatsache zusammen, dass im Laufe der letzten 50 Jahre auch Frauen länger die Schulbank drücken: «Für Deutschland wird dazu schon seit den 90er-Jahren geforscht, und es zeigt sich, das Frauen aufgrund ihrer zunehmend höheren Bildung immer später ihr erstes Kind gebären», sagt Bettina Isengard, Familienforscherin der Uni Zürich.

Ein weiterer Grund vermutet Isengard in der «teuren und/oder fehlenden Kleinkindbetreuung» und in der Situation auf dem Arbeitsmarkt. Die fehlende Absicherung im Falle von Elternschaft für Mütter respektive der fehlende bezahlte Elternurlaub für beide Geschlechter könnten ein weiterer Grund sein: «Jedenfalls haben sich zumindest für Deutschland die Fertilitätsraten seit Einführung des Elterngeldes erhöht.» Sprich, Frauen gebären mehr Kinder, seitdem beide Eltern bezahlten «Mutterschaftsurlaub» beziehen können.

Gestützt wird diese Aussage durch den «Familienbericht 2017» des Bundes, laut dem unter den befragten Personen zwischen 25 und 39 Jahren ohne Kinder, die aber Kinder wollen, insbesondere Akademikerinnen angeben, dass die Aspekte «Aufteilung der Kinderbetreuung» und «Kinderbetreuungsmöglichkeiten» ihren Entscheid für ein Kind stark beeinflussten.

Viele von ihnen befürchten, durch ein Kind ihre Karriere nicht vorantreiben zu können, weil an ihnen letztlich doch immer die Kinderbetreuung hängen bleibt, sei es, weil der Mann mehr verdient, weil er den besseren Job bekommen hat, weil er nicht will oder sie eben mehr bei den Kindern sein will.

Island machts vor

Dass es auch anders geht, zeigt ein Blick nach Island, zum Inselstaat, dessen Einwohner nicht nur gut Fussball spielen, sondern immer mal wieder eigene Wege gehen. Island ist – anders als die Schweiz – laut Berechnungen der OECD zusammen mit den skandinavischen Ländern eines der Länder mit kleinem Lohngefälle zwischen den Geschlechtern.

Was macht Island anders? Ein Grund für Lohnungleichheit zwischen Frauen und Männern ist unter anderem die Tatsache, dass Frauen Kinder gebären. Das führt dazu, dass die Gehälter auseinanderklaffen, weil Frauen kurze Zeit weniger arbeiten. Bereits 1981 bekamen die Mütter in Island drei Monate bezahlten Mutterschaftsurlaub, sieben Jahre später ein halbes Jahr – mit dem Resultat, dass die Frauen klar für die Familie zuständig blieben, während die Väter ihre Karrieren voran- und ihre Lohn hinauftrieben.

Worauf man kurzerhand die bezahlte Elternzeit auch für Männer einführte: Die neun Monate Elternzeit sind aufgeteilt in drei für die Mutter, drei für den Vater und drei frei aufteilbare. Bald schon sollen es zwölf Monate sein. Man verpflichtet die Väter quasi, nach einer Geburt Elternzeit zu beziehen. Mit dem Ziel, für Frauen und Männer gleiche Chancen zu schaffen, auf dem Arbeitsmarkt und daheim bei den Kids. Das Resultat: Über 90 Prozent der Väter gehen in Elternzeit.

Davon ist die Schweiz weit entfernt. In Sachen bezahlte Elternzeit hinkt sie hintendrein, nur Mexiko und die USA schneiden noch schlechter ab. Dabei herrscht im heutigen System bereits bei der Einstellung Ungleichheit. Weil ein Arbeitgeber bei einer Frau von Gesetzes wegen mit Mutterschaftsurlaub rechnen muss, während der Mann immer zur Arbeit kommt. Wen wird er eher einstellen?

Wer gleich viel verdient, kann sich in aller Ruhe der Fortpflanzung widmen, so scheints: Die Isländerinnen werden im Schnitt mit 27,8 Jahre Mutter, also fast 3 Jahre früher als Frauen hier. Hängen also Gender-Pay-Gap und das Alter der Mütter zusammen? Oder anders gefragt: Schafft mehr Lohngleichheit jüngere Mütter?

Das ist zu kurz gegriffen, wie auch ein Blick in Daten zeigt: Polen, Slowenien, Dänemark, Griechenland – zu unterschiedlich sind die Länder, auf die die Beobachtung zutrifft. Der Basler Soziologe Ueli Mäder bestätigt: «Die Lohngleichheit ist ein Faktor. Nebst andern. Für sich genommen führt er nicht zwingend dazu, dass Frauen früher gebären.» Die Ungleichheit beim Einstieg könne je nachdem auch frühere Geburten motivieren, etwa weil der Partner ja mehr verdiene. Stärker ins Gewicht falle die Ungleichheit beim Wiedereinstieg, so Mäder.

Jüngere Familien dank bezahlter Elternzeit

Dennoch könnte eine obligatorische Elternzeit in der Schweiz unter anderem zur Folge haben, dass Frauen und Männer – besonders Akademiker – früher eine Familie gründen, sagt Bettina Isengard: «In der Schweiz würden Frauen jünger Mutter werden, wenn es grundsätzlich leichter wäre, Beruf und Familie zu vereinbaren durch längeren Anspruch auf bezahlte Elternzeit, eine Arbeitsplatzgarantie nach der längeren Elternzeit und den Ausbau und die Bezahlbarkeit von externer Kleinkindbetreuung.»

In den nächsten Jahren werde sich ein EU-Trend abzeichnen, vermutet Mäder, bei dem sich Kinderzahl und auch das Alter der Erstgeburt annähern. In der Schweiz dürfte dann das Alter der Erstgeburt etwas sinken, in anderen Ländern steigen. Prognosen seien allerdings heikel: «Unsere Eltern lebten in der Überzeugung, dass es ihre Kinder zumindest materiell einmal besser haben würden. Jüngeren Eltern fehlt heute diese Gewissheit.»

Erstellt: 20.06.2019, 12:00 Uhr

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