Bund droht Jetanbietern mit vorzeitigem Ausschluss

Lehren aus dem Gripen-Debakel: Schwächeln Kampfjets bei den Tests, scheiden sie sofort aus – das zeigt ein internes Schreiben.

Der unausgereifte «Papierflieger» Gripen E 2008 in Emmen.  Foto: Urs Flüeler (Keystone)

Der unausgereifte «Papierflieger» Gripen E 2008 in Emmen. Foto: Urs Flüeler (Keystone)

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In fünf Wochen gilt es ernst im grössten Rüstungsgeschäft der Schweizer Militärgeschichte. Ab dem 11. April testen Schweizer Experten auf dem Militärflugplatz Payerne fünf der modernsten Kampfjets der Welt auf Herz und Nieren. Am Boden und in der Luft, im Simulator und im realen Flug. Die Resultate dieser Flug- und Bodenerprobungen werden später zentral sein beim Entscheid des Bundesrats, welchen Jet die Schweizer Armee bekommen soll. Es geht dabei um ein Geschäft von rund sechs Milliarden Franken.

Im Vorfeld dieser vorentscheidenden Flug- und Bodentests sorgt im Kreis der fünf Hersteller nun ein internes Schreiben aus dem Verteidigungsdepartement (VBS) für Irritationen. In einem Brief von Ende Januar, dessen Inhalt dieser Zeitung bekannt ist, gibt die Rüstungsbehörde Armasuisse den Anbietern in harschem Ton den Tarif durch. Sie werde nicht zögern, warnt Armasuisse, einen oder mehrere Hersteller sofort nach Hause zu schicken, falls sie die Bedingungen der Tests nicht einhalten können. Unterzeichnet ist das Schreiben von Darko Savic, dem Programmverantwortlichen von Armasuisse für die Kampfjetbeschaffung.

In dem Schreiben kündigt Savic an, dass er und seine Leute in Payerne keinerlei Entschuldigungen und Versprechungen akzeptieren würden im Stile von: «Sorry, im Moment funktioniert diese oder jene Anwendung zwar noch nicht, aber bis zur Auslieferung des Jets werden wir das Problem beheben.» Falls ein Hersteller eine Testaufgabe nicht erfüllen könne, weil ein System technisch noch nicht ausgereift sei, werde er sogleich vom Wettbewerb ausgeschlossen, warnt Armasuisse. Ein solcher Ausschluss könne sogar noch «während der laufenden Flugerprobungen» vorgenommen werden, heisst es im Schreiben weiter.

Lehre aus dem Debakel

Das Schreiben von Armasuisse bedeutet: Auch wenn der Bundesrat den Typenentscheid über den neuen Kampfjet gemäss aktuellem Zeitplan frühestens Ende 2020 fällen soll, so könnte für einen oder mehrere der fünf Anbieter das Rennen schon viel früher gelaufen sein – nämlich schon in den nächsten Wochen.

Die fünf Jetanbieter treten in alphabetischer Reihenfolge zum Testprogramm an. Den Auftakt macht am 11. April die Firma Airbus mit dem Eurofighter, dann folgen der amerikanische Boeing-Konzern mit dem F/A-18 Super Hornet, die französische Firma Dassault mit dem Rafale und Lockheed Martin mit dem Tarnkappen-Jet F-35A. Den Abschluss macht in der zweiten Juni-Hälfte die schwedische Firma Saab mit dem Gripen E.

Dem Vernehmen nach kommen die harschen Töne aus dem VBS für mindestens einen Teil der Jetanbieter überraschend – umso mehr, als Armasuisse in ihrem Brief auch noch betont, sie selber habe die alleinige Kompetenz, einen Ausschlussentscheid zu fällen.

Diese fünf Jets lässt Bundesrat Parmelin testen. Video: Tamedia / AFP / Saab / Lockheed Martin

Auf Anfrage wird dies von Armasuisse-Sprecher Kaj-Gunnar Sievert bestätigt. Seine Behörde dürfe «formell einen solchen Ausschluss, gestützt auf eine objektive Beurteilung, selbst vornehmen», sagt Sievert. «In der Praxis» würde sie jedoch vorgängig Rücksprache mit VBS-Chefin Viola Amherd nehmen.

Die strengen Vorgaben, die Armasuisse formuliert, sind eine eigentliche «Lex Gripen». Die Rüstungsbehörde zieht damit ihre Lehren aus der letzten Kampfjet-Evaluation, welche im Mai 2014 in einem Debakel endete: Mit einem ablehnenden Volksentscheid an der Urne. Ein wichtiges Argument im Abstimmungskampf lautete damals, der ausgewählte Gripen-Jet sei ein unausgereifter «Papierflieger».

Debatte im Keim ersticken

Tatsächlich hatte die Gripen-Herstellerin Saab der Schweiz damals einen Kampfjet vom Typ Gripen E offeriert. In den Flugerprobungen, die im Jahr 2008 auf dem Flugplatz Emmen stattfanden, konnte die Schweizer Armee aber erst das Vorgängermodell, den Gripen C/D, testen.

Diesmal will Armasuisse verhindern, dass das Papierfliegerargument auch nur aufkommen kann. In Payerne will sie nur das bewerten, was in den Jets wirklich vorhanden ist und im Einsatz funktioniert. Entscheidend seien dabei die vier wichtigsten Subsysteme, erklärt Armasuisse-Sprecher Sievert. Dies sind: das Radar, die Geräte zur elektronischen Kriegsführung, die optischen Sensoren und der sogenannte Datalink.

Diese vier Subsysteme müssten zum Zeitpunkt der Flugtests einen technologischen Reifegrad von mindestens sieben von neun Punkten erreichen, sagt Sievert. Das bedeute, dass die erprobten Systeme jenen Systemen, die später ausgeliefert werden, «sehr nahe» seien.

Ob alle fünf Jets diese Hürde schaffen, wird sich zwischen April und Juni zeigen. Der Gripen E jedenfalls, der die «Lex Gripen» provozierte, ist laut Angaben der Herstellerfirma Saab inzwischen fertig entwickelt. Ein Firmensprecher teilt mit, im Januar sei der Gripen E in Serienproduktion gegangen.

Erstellt: 01.03.2019, 21:32 Uhr

Flugzeugfans pilgern nach Payerne

Von April bis Juni wird der Flugplatz Payerne VD zum Sehnsuchtsort für Flugzeugfans. Am Rande der Flugerprobungen lädt die Rüstungsbehörde Armasuisse sogenannte Spotter zu fünf Besuchsnachmittagen ein. Dabei werden die fünf Flugzeuge vor dem Publikum auch Testflüge absolvieren. Erwartet werden Hunderte von Interessierten, auch aus dem Ausland.

Weil die Platzzahl beschränkt ist, müssen sich Interessierte für jeden Flugzeugtyp einzeln anmelden. Das Anmeldeformular für den ersten Spotteranlass wird am 2. April 2019 um 9 Uhr auf der Website des Verteidigungsdepartements (VBS) aufgeschaltet. Erwartet wird, dass die verfügbaren Plätze rasch ausgebucht sind.

?Die Jets können an folgenden Daten besichtigt werden: Eurofighter am 12. April, F/A 18 Super Hornet am 30. April, Rafale am 21. Mai, F-35A am 7. Juni und Gripen E am 25. Juni. (hä)

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