Der fliegende Winkelried zieht in seine letzte Schlacht

Oskar J. Schwenk verteidigt als Chef der Pilatuswerke die militärischen Geschäfte mit arabischen Ländern. Der Patron legt sich dabei mit allen an.

Stolz darauf, dass es bei Pilatus keine Gewerkschaften gibt: Der Patron Oskar J. Schwenk. Foto: Herbert Zimmermann (13 Photo)

Stolz darauf, dass es bei Pilatus keine Gewerkschaften gibt: Der Patron Oskar J. Schwenk. Foto: Herbert Zimmermann (13 Photo)

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Zwei Geräusche sind in diesen Sommertagen zwischen den Nidwaldner Bergen zu hören: das Rattern von Traktoren und das Surren von Flugzeugpropellern. Es ist der perfekte Soundtrack für das Leben von Oskar «Oski» J. Schwenk – Pilatus-Präsident und leidenschaftlicher Teilzeitbauer.

Wegen der Propellerflugzeuge steht Schwenk derzeit im Fokus. Seine Firma hat Saudiarabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten militärische PC-21-Trainingsflugzeuge verkauft. Dazu erbringt sie Dienstleistungen beim Unterhalt und mit Simulatoren. Das aber stellt eine verbotene logistische Unterstützung fremder Streitkräfte dar.

Zu diesem Schluss ist man zumindest im Eidgenössischen Departement für Auswärtige Angelegenheiten gekommen. Es hat die Firma im Nidwaldner Hauptort Stans angewiesen, sich bis September aus den beiden Ländern zurückzuziehen, die Bundesanwaltschaft hat gestern ein Strafverfahren eröffnet. Oskar Schwenk findet, seine Firma verfüge über eine Exportbewilligung aus dem Wirtschaftsdepartement. Pilatus zieht nun gegen den Bund vor Gericht, obwohl der Chef sagt: «Ich schäme mich, dass ich gegen den eigenen Staat klagen muss.»

Kampf ums Lebenswerk

Es ist nicht das erste Mal, dass sich Schwenk für seine Firma in eine Schlacht stürzt und dafür mit Winkelried ver­glichen wird. Dieser legendäre Nid­waldner soll sich einst im luzernischen Sempach in die Lanzen der Habsburger geworfen haben, um eine Bresche für seine Mitstreiter zu schlagen. 633 Jahre später opfert ein 75-jähriger Luzerner nicht gerade sein Leben, aber immerhin seinen Lebensabend. Für ihn geht es schlicht um die Existenz des grössten Arbeitgebers in Nidwalden.

Schwenk kämpft um sein Lebenswerk. Setze sich das Aussendepartement durch, sei seine Firma «tot», sagte er der «Luzerner Zeitung». Pilatus müsse das militärische Geschäft entweder ins Ausland verlegen oder verkaufen. Für Schwenk ist es der «Tiefpunkt» seiner Karriere. Dabei hat er in den vierzig Jahren, die er bei Pilatus arbeitet, wiederholt mit solch drastischen Szenarien gedroht. Immer ging es um Probleme mit militärischen Flugzeugen.

Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Schwenk ist es zu verdanken, dass Pilatus inzwischen 55 Prozent seines Umsatzes im zivilen Geschäft erzielt. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Die zu Beginn des Zweiten Weltkriegs gegründete Firma gehörte noch zur Waffenschmiede Oerlikon-Bührle, als der junge Automobilingenieur 1979 in ihre Dienste trat. Schwenk trieb später als Produktionschef die Entwicklung des zivilen PC-12 voran, sogar heimlich des Nachts – die klamme Firma wollte das Projekt eigentlich stoppen.

Das umstrittene Produkt aus Stans, der PC-21. Foto: Katsuhiko Tokkunaga (Dact)

Schwenk brachte die Wende, als er 1993 die Führung übernahm. Seither ist die Zahl der Mitarbeiter von rund 800 auf fast 2300 gewachsen. Die Firma ist hochprofitabel und schuldenfrei. Letzteres ist Schwenk wichtig. «Ich will keine Banker bei mir am Tisch sitzen haben. Sie verstehen doch technisch gar nichts von der Materie», sagte er 2012 der «Handelszeitung». Er misstraut auch Politikern («Es liegt mir nicht, drei Sätze zu sprechen, ohne etwas zu sagen.») und Organisationen («Ein Grossteil der Verbände ist für die Füchse.»)

Solch ungeschminkte Aussagen sind charakteristisch für Schwenk. Sein Motto: «Tue recht und scheue niemanden.» Will er die Nidwaldner Regierung sprechen, so lässt er anrufen. Die Regierungsräte fahren alsbald vor. Oft morgens um 7 Uhr. Als einst ein Parlamentarier ein Treffen mit einer Bundesrätin organisierte, fragte Schwenk: «Kann sie nicht zu mir kommen?»

Freiheit bezeichnet Schwenk als das höchste Gut des Menschen. Gern missachtet er darum Grenzen. Von Kader­leuten verlange er mindestens eine Kompetenzüberschreitung pro Tag – und Mut. Denn Schwenk kann poltern, einschüchtern, schimpfen, wenn etwas nicht nach seinen Vorstellungen läuft. Vielen hat er bereits die Leviten gelesen. Sein Führungsstil ist jener eines Patrons von altem Schrot und Korn. Er arbeitete lange Jahre von morgens um sechs bis abends spät. Die drei Kinder sahen ihn nicht oft, wie er einmal sagte. Er ist stolz darauf, dass es in seiner Firma keine Gewerkschaften gibt. Dafür zahlt er der Belegschaft auch einmal vierzehn Monatslöhne, wenn das Geschäft gut läuft. Und er lässt für jene schauen, deren Familien vom Schicksal getroffen werden. Den Medien gibt er nur Auskunft, wenn es ihm genehm ist.

Erfolg fast überall

Zur Last gelegt wird dies Schwenk kaum, weil er fast immer Erfolg hat. Er fusionierte und modernisierte als Präsident die Bahnen am Luzerner Hausberg Pilatus. Er rettete 2010 die Mineralquelle Bad Knutwil vor dem Verkauf ins Ausland. In Australien gehören ihm 10'000 Rinder auf vier Farmen, eineinhalb mal grösser als der Kanton Luzern. Verluste fuhr Schwenk nur ein, als er sich an einem jener Hochseeschiffe beteiligte, mit denen auch der Bund über 200 Millionen Franken verlor.

Schwenk bewirtschaftet mit seiner Frau einen Bauernhof in Mauensee im Luzerner Hinterland. Zwischen der Welt der Flugzeuge und der Kühe sieht er durchaus Parallelen. Mit den Leuten im Nahen Osten verstehe er sich gut, weil sie sich ähnlich seien, sagte er 2010 der «SonntagsZeitung»: «Ich bin ein ehrlicher Viehhändler und mache viele Geschäfte immer noch per Handschlag.»

In Nidwalden geniesst Schwenk dank seines Leistungsausweises viel Respekt. Langsam macht sich aber auch Nervosität breit. Noch stellen nur wenige die Frage, wie Pilatus den Konflikt mit dem Aussendepartement derart unterschätzen konnte. Dafür sorgen sich viele um Schwenks Nachfolge.

Seit mehr als zehn Jahren sagt der Patron regelmässig, die Flugzeugwerke müssten bald ohne ihn laufen. Politiker von links bis rechts kritisieren, Schwenks grösster Fehler sei, dass er dies noch nicht in die Tat umgesetzt habe. Andere wiegeln ab, Pilatus sei vorbereitet. Der Winkelried wisse bestens, dass er in seine letzte Schlacht ziehe – man müsse ihn einfach machen lassen.

Erstellt: 13.07.2019, 07:29 Uhr

Die heikelsten Momente der Pilatus-Flugzeugwerke

Die Startprobleme ab 1939

Im Zweiten Weltkrieg will die 1939 gegründete Pilatus zusammen mit der ETH ein eigenes Flugzeug bauen. Von der Pilatus SB-2 Pelikan entsteht aber nur eine Maschine, die bald Totalschaden erleidet. Erfolge hat Pilatus erst ab 1945 mit dem P-2, den die Schweizer Luftwaffe kauft.

Im Kriegseinsatz ab 1969

Die CIA fliegt im Vietnamkrieg mit PC-6, eine Volksinitiative für strengere Export­regeln scheitert 1972 knapp. In den 1980er-Jahren tauchen bewaffnete Pilatus-Flugzeuge im Irak, in Burma, in Gua­temala und in Mexiko auf. Bundesrat und Parlament lehnen strengere Auflagen ab.

Südafrika-Kontroverse ab 1992

Pilatus ist in Schieflage, als die UNO 1992 einen Deal mit Südafrika kritisiert. Der Bundesrat gibt grünes Licht mit Auflagen, ebenso für Südkorea und Nigeria, stoppt aber 1995 ein Geschäft mit Mexiko. Das Parlament unterstellt die Flugzeuge 1996 erneut nicht dem Kriegsmaterialgesetz.

Der Verkauf ab 1998

Der Rüstungskonzern Oerlikon-Bührlewill Pilatus ab 1998 abstossen. CEO Oskar J. Schwenk kämpft gegen einen Verkauf ins Ausland. Erst 2001 findet er vier Schweizer Investoren. Heute sind noch die Familie Anda-Bührle und InvestorJörg Burkart massgeblich beteiligt.

Nach 9/11

Nach den Terroranschlägen 2001 führt Pilatus Kurzarbeit ein, ebenso 2009 und 2010 wegen der Finanzkrise. Schon 2013 übersteigt der Umsatz eine Milliarde Franken, auch durch Verkäufe des militä­rischen Trainers PC-21 ab 2005 und des ersten zivilen Jets PC-24 ab 2014. (ffe)

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