«Erst eine Leiche hat die Schweizer Aussenpolitik verändert»

In den nächsten Stunden trifft Ueli Maurer Donald Trump. Diplomatie-Experte Sacha Zala über die spezielle Beziehung der beiden Länder.

Historiker Sacha Zala (50) ist seit 2008 Direktor von Dodis, der Forschungsstelle Diplomatische Dokumente der Schweiz. Foto: Samuel Schalch

Historiker Sacha Zala (50) ist seit 2008 Direktor von Dodis, der Forschungsstelle Diplomatische Dokumente der Schweiz. Foto: Samuel Schalch

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Herr Zala, mit Ueli Maurer wird zum ersten Mal der Schweizer Bundespräsident offiziell vom amerikanischen Präsidenten empfangen. Warum hat das so lange gedauert?
Das hat sehr schweizerische Gründe. Die Schweiz – als urrepublikanisches Staatswesen – hatte immer grosse Mühe mit dem diplomatischen Zeremoniell und dem Protokoll in der Aussenpolitik. Bis in die 1950er-Jahre ernannte der Bundesrat etwa keine Botschafter, sondern nur Minister. Der tiefere diplomatische Rang hatte zur Folge, dass diese Vertreter immer ganz zuletzt an den Tisch gebeten wurden. Und dann wurde auch stets gemeckert, dass dies alles so viel kostet!

Was auch sehr schweizerisch ist.
Ja. Aussenpolitik durfte nichts kosten. Die Bundesräte gerieten regelmässig in Panik, wenn sie dem Parlament Budgetposten für Vertretungen im Ausland vorlegen mussten. An Auslandsreisen war gar nicht zu denken. Erst eine Leiche hat das alles verändert.

Wessen?
Als Präsident John F. Kennedy 1963 erschossen wurde, hat das eine weltweite Betroffenheit ausgelöst. Der Bundesrat traf sich nach dem Attentat abends um 21 Uhr zu einer Sondersitzung und beschloss, Friedrich Traugott Wahlen an die Beerdigung zu schicken. Die Regierung befürchtete, dass ein Fernbleiben der Schweiz nur schwer vermittelbar wäre. Der Tod des US-Präsidenten sei «ein Fall sui generis», sagte Bundesrat Willy Spühler und beschwichtigte: «Man darf diesen Fall nicht einem Staatsbesuch gleichstellen». Und so war Aussenminister Wahlen – ein SVPler wie Ueli Maurer* – der erste Bundesrat, der offiziell in die USA reiste. Im nächsten Jahrzehnt hat sich die Schweizer Aussenpolitik dann Stück für Stück an die internationalen diplomatischen Gepflogenheiten angepasst. Allerdings wurde weiterhin gemäkelt, wenn ein Bundesrat ins Ausland reiste: «Die sollen lieber daheim schaffen!» Eine sehr spezielle Auffassung von Aussenpolitik.

Das Verhältnis zwischen den USA und der Schweiz war immer ein relativ enges. Warum mögen uns die Amerikaner?
Entscheidend war sicher, dass die Schweiz zu Beginn der 1950er-Jahre ein Gentlemen’s Agreement unterzeichnete und sich damit verpflichtete, keine Rüstungsgüter in die Ostblockstaaten zu liefern. Damit unterwarf sich die neutrale Schweiz de facto der amerikanischen Ostblockpolitik während des Kalten Krieges – so etwas wird in Amerika gewürdigt.

Entsprechend oft erhielt die Schweiz Mandate als Schutzmacht. Wie ist es überhaupt dazu gekommen?
Die Wurzeln dieser Aufgabe liegen im 19. Jahrhundert, als führende Schweizer Juristen das Völkerrecht weiterentwickelten, etwa bezüglich Schiedsgerichtsbarkeit. Als neutrales Land ohne imperiale Ambitionen war die Schweiz prädestiniert für gute Dienste – und kompensierte dadurch nach dem Zweiten Weltkrieg gleichzeitig die Nichtmitgliedschaft in der UNO. Besonders die USA haben diese Dienste immer wieder wahrgenommen. Sehr intensiv beispielsweise während den beiden Weltkriegen – was einen Ausbau des Aussendepartements und eine Professionalisierung der Aussenpolitik begünstigte, notabene bezahlt von den Mandatsstaaten.

«Unter dem Banner der Neutralität konnte so aktive Aussenpolitik betrieben werden – ein geniales Konstrukt.»

Und hat die Schweiz in dieser Rolle auch etwas bewirken können?
Ja. Neben den beiden Weltkriegen war die Vermittlungstätigkeit während des Korea-Kriegs, später in Kuba und im Iran herausragend. 1962 sagte einer der wichtigsten Berater des Präsidenten dem Schweizer Botschafter: «If neutral Switzerland did not exist, we had to invent it.» Wenn die neutrale Schweiz nicht existieren würde, man müsste sie erfinden – was natürlich schmeichelnd ist, aber schon etwas über die Beziehung der beiden Länder aussagt.

Diese Schutzmandate haben ja auch immer der Schweiz geholfen.
Klar. Sie haben dazu geführt, dass die Schweiz unmittelbaren Zugang zu den höchsten Sphären von Washington hatte und ein aussenpolitisches Gewicht erhielt, das mit der tatsächlichen Grösse der Schweiz nicht übereinstimmte. Gleichzeitig waren und sind diese Schutzmandate auch ein innenpolitisches Instrument. Unter dem Banner der Neutralität konnte so aktive Aussenpolitik betrieben werden – ein geniales Konstrukt.

Die USA haben stets an der Schweiz als Schutzmacht festgehalten, obwohl es immer wieder auch Streit zwischen den beiden Ländern gab. Wo lagen die grössten Probleme in der Vergangenheit?
Die wirtschaftlichen Interessen haben häufig divergiert. Das betraf die eingefrorenen Schweizer Guthaben aus dem Zweiten Weltkrieg oder den Uhrenstreit in den 50er- und 60er-Jahren, als zwei unterschiedliche Betrachtungsweisen von Kartellen in der Wirtschaft aufeinanderprallten und als Folge Tausende Schweizerinnen und Schweizer ihren Job verloren. Am intensivsten war allerdings die Auseinandersetzung um das Bankgeheimnis. Ein Streit mit langem Vorlauf!

Ja?
Schon 1967 meldete der Schweizer Botschafter nach Bern, dass sich da etwas zusammenbrauen könnte. Gifteleien war der Botschafter schon lange ausgesetzt, aber damals erkundigten sich die USA zum ersten Mal offiziell über das Schweizer Bankgeheimnis. «Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Frage des Bankgeheimnisses mit der Zeit zu einem ernstlichen Politikum in den schweizerisch-amerikanischen Beziehungen werden könnte», meldet der Botschafter nach Bern. Was es ja auch wurde!

Die wirtschaftlichen Differenzen schienen allerdings nie so gravierend, dass die Beziehungen ernsthaft gefährdet waren, oder?
Ja, das kann man so sagen. Im Aussenministerium und auch im Weissen Haus war die Schweiz politisch immer wohlgelitten. Bei den verschiedenen Fachministern eher weniger – so hat sich das die Waage gehalten. Und momentan sieht es ja so aus, als ob es um die Beziehungen immer noch recht gut bestellt sei.

*Friedrich Traugott Wahlen war von 1958 bis 1965 Bundesrat und war Mitglied der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB), die sich 1971 in SVP umbenannte. Er wird heute offiziell als SVP-Bundesrat gelistet.

Erstellt: 16.05.2019, 15:59 Uhr

Zur Person

Historiker Sacha Zala (50) ist seit 2008 Direktor von Dodis, der Forschungsstelle Diplomatische Dokumente der Schweiz. Zala hat sich wissenschaftspolitisch in einer Vielzahl von Funktionen engagiert, zuletzt im Historischen Lexikon der Schweiz (HLS) und als Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Geschichte (SGG).

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