Im «Camp X» üben Schweizer den Kampf gegen den Terror

Private Sicherheitsfirmen bilden ihre Leute in Osteuropa aus – weil sie dort scharf schiessen können. Ein Besuch im polnischen Trainingslager.

Im Camp X erhalten die Mitarbeiter der Schweizer Security-Firmen die Gelegenheit, mit Waffen unter realistischen Bedingungen zu schiessen. Foto: Peter Busch

Im Camp X erhalten die Mitarbeiter der Schweizer Security-Firmen die Gelegenheit, mit Waffen unter realistischen Bedingungen zu schiessen. Foto: Peter Busch

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Es ist eng in dem weinroten Ford. Im schrottreifen Auto sitzen zwei Männer mit dunklen Sonnenbrillen, sie sind schwer bewaffnet. Daneben steht der Instruktor, ein ehemaliger Elitesoldat. Auf sein Kommando zieht der Beifahrer seine Pistole, durchlöchert die Windschutzscheibe und die Schussziele, die in unterschiedlichen Abständen vor und neben dem Auto aufgestellt sind. Farbige Ballone wehen im Wind darüber, sie symbolisieren Zivilisten, die nicht getroffen werden dürfen. Wer es trotzdem tut, muss das Schiesstraining für einen kurzen Spaziergang verlassen, um seine Fassung wiederzuerlangen.

Minutiös hat der Instruktor seine Schützlinge vorbereitet, ihnen erklärt, welche Teile des Autos Schutz bieten und wo man sich eher nicht verstecken sollte. Wie man die Waffe in der beklemmenden Enge des Autos zieht, sicher durch die Windschutzscheibe schiesst und dabei die dadurch veränderte Schussbahn berechnet.

Während der Schütze dem Fahrer Deckung gibt, springt dieser aus dem Wagen und bringt sich dahinter mit seinem Sturmgewehr in Stellung. Sobald er das Feuer eröffnet, verlässt auch der Beifahrer das Auto und sucht in der Nähe Schutz, um von dort aus wiederum seinem Kameraden Deckung zu geben. Es ist ein Übungsszenario, das nicht so realitätsfremd ist: Personenschützer geraten in eine Strassensperre, sie werden beschossen und müssen sich und die zu schützende Person – zum Beispiel einen Diplomaten – in Sicherheit bringen.

In der Schweiz nicht zugelassen

Was im Trainingslager Camp X in der Nähe des westpolnischen Städtchens Babimost mit scharfer Munition geübt wird, ist gefährlich. «Die Bestimmungen in Deutschland oder der Schweiz würden diese Art von Schiessübungen niemals zulassen», sagt Ralf Kassner, der Organisator der vierten International Bodyguard Conference von der Bielefelder Sicherheitsfirma Wodan ­Security. Der 52-jährige ehemalige Polizeikommissar war Mitglied der Anti-Terror-Spezialeinheit GSG9 der deutschen Bundespolizei und verfügt über jahrelange Erfahrung im Personenschutz. «Um unter möglichst realen Bedingungen zu trainieren, weichen wir deshalb zunehmend auf militärische Übungsplätze in Osteuropa aus, zum Beispiel in Polen oder in Tschechien.»

Ein Training wie in Polen wäre in der Schweiz nicht denkbar. Foto: Peter Busch

Begonnen wird die Übung im Auto zuerst einzeln und trocken, also ohne scharfe Munition. Nach und nach steigern die Teilnehmer das anfängliche Zeitlupentempo, es werden Zweierteams gebildet, zur Pistole kommt als zusätzliche Waffe das Sturmgewehr. Damit steigt auch das Risiko von Unfällen. Daliah Cardoso, Mitarbeiterin der Basler Sicherheitsfirma Pantex, sucht hinter einem durchlöcherten Autobus und einem Stapel Autoreifen Deckung und feuert von dort auf die Zielscheiben, um ihrem Kollegen den Rückzug zu erleichtern. Sie ist die einzige Frau, die an der internationalen Veranstaltung mit von der Partie ist. Von den rund 40 Teilnehmern, Instruktoren eingeschlossen, kommen die meisten aus Europa, es hat aber auch Männer aus Japan, Australien und Südafrika darunter.

Am Markt mithalten

Neben den Deutschen bilden die grösste Gruppe Sicherheitsleute aus der Schweiz, unter ihnen vier Armeeoffiziere. Einer der Ausbilder, der bei einer Schweizer Sicherheitsfirma arbeitet und seinen Namen nicht in der Zeitung ­lesen möchte, sagt dazu: «In der Schweizer Sicherheitsbranche gibt es einen starken Konkurrenz- und Preisdruck. Um in Zeiten zunehmender Terroranschläge qualitätsmässig am Markt mithalten zu können, schicken Unternehmen ihre Mitarbeiter deshalb an spezialisierte Ausbildungslehrgänge, zum Beispiel hierhin, nach Polen.»

Minutiöse Vorbereitung und Waffenkunde im Training in Polen. Foto: Peter Busch

Illustriert wird der grosse Konkurrenzdruck in der Branche durch die wachsende Zahl von Firmen, die sich das Auftragsvolumen für die Sicherheit von Grossveranstaltungen, Personen oder Unternehmen streitig machen. So gab es in den letzten zehn Jahren mehr als 1400 Neugründungen in Schweiz, während nur knapp 440 Firmen gelöscht wurden. Insgesamt boomt die Branche, das Geschäft mit der Angst vor Terror und Gewaltkriminalität läuft gut. Bedrohte Privatpersonen, Staatsanwälte, Politiker oder Juweliere erhalten in der Regel keinen Polizeischutz, und nur in den seltensten Fällen können Privatpersonen den Bedürfnisnachweis für eine Waffentragbewilligung erbringen. Das öffnet das Feld für bewaffnete ­Personenschützer, die es praktisch nur bei Sicherheitsunternehmen gibt. Sie dürfen aber nur in Notwehrsituationen zur Waffe greifen und auch sonst keinen Zwang ausüben – das ist der Polizei vorbehalten.

Erstellt: 17.10.2019, 20:50 Uhr

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