Muss man Flugtickets verteuern? Die Klima-«Arena» im Faktencheck

Braucht es eine CO2-Abgabe, damit alle weniger ins Flugzeug steigen? Sechs Aussagen von Befürwortern und Gegnern auf dem Prüfstand.

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Es ist das wichtigste Thema im diesjährigen Wahlkampf: das Klima. Die SRF-«Arena» hat deshalb Politikerinnen und Politiker aller grösseren Parteien auf das Jungfraujoch eingeladen, um über folgende Fragen zu reden: Kann die Schweiz das Ziel des Bundesrats erreichen und im Jahr 2050 klimaneutral sein? Und mit welchen Massnahmen soll das erreicht werden?

Eine wachsende Zahl von Parlamentariern fordert CO2-Abgaben auf Flugtickets und Treibstoff, damit alle weniger ins Flugzeug und ins Auto steigen. Gegner dieser Idee sprechen von Zwangsabgaben und befürchten, dass Familien mit kleinerem Budget bei ihren Ferien einschränkt werden könnten.

In der SRF-Wahl-«Arena» zum Klima vom 6. September auf dem Jungfraujoch diskutierten unter anderem:

  • Walter Wobmann, SVP-Nationalrat
  • Beat Walti, Nationalrat und Fraktionschef FDP
  • Stefan Müller-Altermatt, CVP-Nationalrat
  • Edith Graf-Litscher, SP-Nationalrätin
  • Bastien Girod, Nationalrat Grüne

Walter Wobmann, SVP-Nationalrat, sagt:

«Es hat immer einen natürlichen Klimawandel gegeben. Das ist das Einzige, was bewiesen ist.»

Der Check:
Wie viel Einfluss der Mensch darauf habe, sei hingegen nicht klar bewiesen, behauptete Wobmann. Doch damit liegt der SVP-Vertreter falsch. Der Weltklimarat IPCC hat schon in seinem letzten Klimabericht im Jahr 2013 festgehalten, es sei zu 95 Prozent wahrscheinlich, dass der Mensch die Hauptverantwortung trage für den beobachteten Erwärmungstrend auf der Erdoberfläche. Es ist unumstritten unter Klimaforschern, dass dabei das Treibhausgas CO2 die Hauptrolle spielt.

Das Argument, wonach das Klima schon immer natürlichen Schwankungen unterworfen gewesen sei, ist zwar korrekt, aber bei der aktuellen Entwicklung haben weder die Sonnenaktivität noch Vulkanausbrüche eine dominante Wirkung. Das belegen Klimamodelle, die heute das Weltklima zuverlässig abbilden können, eindeutig. Eine Studie der Universität Bern, die kürzlich veröffentlicht wurde, zeigt zudem, dass die gegenwärtige Klimaphase eine aussergewöhnliche Periode ist.

Noch nie hat sich in den letzten zwei Jahrtausenden die Erde so schnell erwärmt wie in den letzten hundert Jahren. Die Forscher können weiter zeigen, dass die aktuelle Klimaepoche zum ersten Mal eine globale Tragweite hat. Alle früheren Phasen in den letzten 2000 Jahren hatten regionalen Charakter. Das Fazit der Studie: «Der Antriebsfaktor muss der Mensch sein.» Wobmann Aussage ist deshalb eher falsch.


Stefan Müller-Altermatt, CVP-Nationalrat, sagt:

«Fliegen günstig, Zugfahren teuer – da kann man sich täuschen.»

Muss es im Portemonnaie weh tun, damit alle weniger ins Flugzeug steigen? Diese Frage wurde in der «Arena» emotional diskutiert. Fakt ist: Die Schweizerinnen und Schweizer fliegen viel – und vor allem immer mehr. Zwischen 2010 und 2015 ist die durchschnittliche Anzahl der Flugreisen um 43 Prozent und die zurückgelegte Strecke in der Luft sogar um 57 Prozent gestiegen. Die Passagierzahlen an den Flughäfen Zürich und Genf haben in den letzten zwanzig Jahren um etwa 10 Prozent zugenommen.

Eine wachsende Zahl von Politikern fordert deshalb eine CO2-Abgabe auf Flugtickets, um das Fliegen weniger attraktiv zu machen. Zwischen 30 und 120 Franken soll man je nach Länge der Strecke draufzahlen. CVP-Nationalrat Altermatt glaubt, dass sich die Leute dann auch eher mit alternativen Angeboten befassen würden. Denn das Flugzeug sei oft gar nicht die günstigste Variante für eine Reise.

Eine Untersuchung des Vergleichsportals Omio vom April dieses Jahres bestätigt dies. Bei den beliebtesten Städtezielen ab Basel, Genf und Zürich ist der Zug durchwegs lohnenswerter.

So kostet etwa die einfache Fahrt von Zürich nach Wien mit dem Zug im Schnitt 125 Franken – wer fliegt, zahlt durchschnittlich 271 Franken. Einwenden könnte man, dass die Bahn dafür länger braucht. Das ist jedoch nicht immer der Fall. Paris oder Mailand etwa sind mit dem Zug schneller zu erreichen – und trotzdem günstiger. Altermatt hat also recht.


Bastien Girod, Nationalrat Grüne, sagt:

«Die CO2-Emissionen sind hochgegangen bei Neuwagen.»

Der Check:
Die Klimabilanz der Neuwagen in der Schweiz hat sich in der Tat verschlechtert. 2018 lag der durchschnittliche Ausstoss pro Fahrzeug bei rund 138 Gramm CO2 pro Kilometer. Ein Jahr zuvor waren es noch 134 Gramm.

Der Anstieg ist nicht zuletzt eine Folge des 4x4-Booms hierzulande. Ins Gewicht fällt aber auch das neue Emissions-Testverfahren WLTP, das seit Herbst 2018 gilt und den tatsächlichen Spritverbrauch der Fahrzeuge realitätsnäher abbilden soll. Damit liegen die Emissionen um einige Gramm CO2 pro Kilometer höher als bis anhin.

Von Gesetzes wegen dürfen Neuwagen heute im Schnitt 130 Gramm CO2 pro Kilometer ausstossen; ab 2020 sind es noch 95 Gramm. Der Bundesrat will die Verschärfung mit einer Übergangsregelung bis Ende 2022 abfedern und so den Autoimporteuren mehr Zeit für die Umstellung geben – ein Plan, der im Parlament umstritten ist. Die Branche hat in den vergangenen Jahren Bussen in Millionenhöhe bezahlt, weil sie die Vorgabe nicht erfüllt hat.

Girod liegt mit seiner Aussage richtig, allerdings nur mit Blick auf die letzten beiden Jahre. Zuvor waren die CO2-Emissionen lange Zeit rückläufig. 2008 zum Beispiel betrugen sie noch 175 Gramm pro Kilometer, danach sanken sie pro Jahr um etwa 3 Prozent im Durchschnitt.


Walter Wobmann, SVP-Nationalrat, sagt:

«Die Benzin-Abgabe kann für manche Personen pro Jahr 200 Franken kosten.»

Der Check:
Der Ständerat wird in der Herbstsession über eine Benzinverteuerung um maximal 12 Rappen pro Liter entscheiden. Wie stark ein solcher Aufschlag im Einzelfall einschenkt, hängt von der Verkehrsleistung und dem Treibstoffverbrauch ab. Das sagte auch Wobmann in der Sendung. Seine Rechnung stimmt, wenn der Autofahrer im Jahr 20'000 Kilometer zurücklegt und zudem einen verbrauchsstarken Wagen (8 Liter pro 100 Kilometer) benutzt. Das ergibt unter dem Strich 192 Franken Mehrkosten. Doch das ist ein Extrembeispiel.

Gemäss Bundesamt für Statistik legt ein Autofahrer hierzulande durchschnittlich rund 24 Kilometer pro Tag zurück, im Jahr also etwa 8800 Kilometer, dazu verbraucht sein Wagen 6 Liter pro 100 Kilometer (Durchschnitt der Neuwagen 2018). Das macht also 63 Franken Zuschlag pro Jahr. Nochmals anders sieht die Bilanz aus bei einem Autofahrer, der wenig fährt und dazu noch mit einem sparsamen Modell: 5000 Kilometer mit einem Hybrid-Wagen, der 3,5 Liter auf 100 Kilometer verbraucht. In diesem Fall beträgt der Aufschlag nur 21 Franken.

Wobmanns Aussage stimmt also, ist aber nicht repräsentativ. Für die meisten Autofahrer in der Schweiz dürften die Kosten deutlich unter 200 Franken pro Jahr liegen. Deshalb wären untere und mittlere Einkommen durch die 12 Rappen pro Liter nicht so stark belastet, wie Wobmann behauptet.


Edith Graf-Litscher, SP-Nationalrätin, sagt:

«Die Abgaben werden wieder zurückerstattet.»

Der Check:
In der Schweiz gibt es bisher nur eine CO2-Abgabe. Seit 2008 erhebt der Bund auf fossile Brennstoffe (Heizöl, Erdgas und Kohle) eine Lenkungsabgabe, die jedoch teilzweckgebunden ist. Das bedeutet: Zwei Drittel der Einnahmen werden an die Wirtschaft und die Bevölkerung zurückverteilt, ein Drittel fliesst an die Kantone für das Gebäudeprogramm und in den Technologiefonds. Seit 2018 beträgt der Abgabesatz 96 Franken pro Tonnen CO2. Das ergibt jährliche Einnahmen von etwa 1,2 Milliarden Franken.

Politisch wird derzeit diskutiert, die CO2-Abgabe auf Brennstoffe vollständig zurückzuerstatten und auf maximal 210 Franken zu erhöhen. Zur Debatte steht auch, eine Flugticketabgabe und eine CO2-Abgabe auf Treibstoffe einzuführen. Beschlossen hat das Parlament diese beiden Neuerungen allerdings noch nicht. Zudem ist noch offen, ob und wie viel Gelder dann zurückerstattet würden. Graf-Litschers Behauptung ist also nur eine Vermutung.


Beat Walti, FDP-Nationalrat, sagt:

«Die USA haben pro Kopf einen drei- bis viermal so hohen CO2-Ausstoss.»

Der Check:
Beat Walti sagte in der Sendung, dass die Schweiz nicht in der Lage sei, das Problem mit dem Klimawandel allein zu lösen. Hierzulande habe man einen vernünftigen Ausstoss, gerade im Vergleich mit anderen Ländern wie beispielsweise den USA.

Damit hat der FDP-Nationalrat recht. Daten der Internationalen Energieagentur IEA zeigen, dass die USA einen Ausstoss von 14,9 Tonnen CO2 pro Person und Jahr haben. Damit liegen sie auf Rang 10 weltweit. Die Schweiz kommt erst auf dem Rang 59 mit 4,5 Tonnen pro Kopf – also fast dreieinhalb Mal weniger.

Gründe dafür gibt es verschiedene. In den USA etwa nutzen die Menschen öfter das Auto und fahren damit längere Strecken. Zudem sind die Häuser viel schlechter isoliert. Deutschland hat einen doppelt so hohen Pro-Kopf-Ausstoss, weil es weiterhin stark auf Energie aus Kohle setzt. In der Schweiz ist die Stromproduktion praktisch CO2-frei, weil sie zu grossen Teilen durch Wasserkraft- und Atomkraftwerke zustande kommt.

Alle bisherigen Faktenchecks finden Sie in unserer Collection.

Erstellt: 07.09.2019, 12:29 Uhr

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