Neuer Schub für die Anliegen der Frauen

Tränen der Rührung, Solidarität, magische Energie: Der gestrige Grossaufmarsch hat selbst die Stänkerer verstummen lassen.

Frauenstreik ist überall: Demonstrierende Frauen auf dem Platz St-François in Lausanne. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Frauenstreik ist überall: Demonstrierende Frauen auf dem Platz St-François in Lausanne. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

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Wahnsinn.

Wie soll man das bloss fassen? Dem gerecht werden, es in einen einzigen Text giessen? Bis zum Freitagmorgen, in den Wochen und Monaten der Vorbereitung, war das Reden über denFrauenstreik ein Verhandeln des Ungefähren, ein fragendes Raunen. Wird es wie 1991? Schaffen es die Organisatorinnen, auch jene Frauen anzusprechen, die nicht in einer Gewerkschaft organisiert sind? Was machen die Frauen, die mit SP und Grünen und linken Ideen im Allgemeinen nichts anfangen können? Wird es ein Streik aller Frauen?

Dann ist es Freitag, 14. Juni, 28 Jahre später, und die Schweiz ist wieder violett. Das Land erlebt eine der grössten Kundgebungen der vergangenen Jahrzehnte. Vielleicht sogar die grösste überhaupt. «Es fällt einem als Mann relativ schwer, nicht an den Frauenstreik zu gehen, da der Streik schlicht überall ist! Diese Energie ist magisch!», schreibt jemand auf Twitter.

Zu Tausenden gehen die Frauen auf die Strasse. In der ganzen Schweiz, in Wil, Liestal, Lausanne, Bern, Thun, Schwyz oder Glarus, Hunderttausende waren es am Schluss, meldet der Gewerkschaftsbund in einer ersten Einschätzung am Freitagabend. «Als ich das heute gesehen habe, musste ich weinen», sagt eine ältere Frau auf dem Bundesplatz in Bern. «So viel Energie, so viele Frauen. Es ist so, so schön.» Sie ist nicht die Einzige, die an diesem Tag Tränen der Rührung in den Augen hat.

Gross und Klein

Der Streik ist gross auf den Plätzen, in den Städten, und manchmal ist er auch klein und diskret. Er ist überall. Der Streik ist die uniformierte Frau vom Sicherheitsdienst im Bundeshaus, die heute ein violettes Tuch im Haar trägt. Der violette Button am Rollator der Frau, die ohne Stimmrecht aufgewachsen ist. Die pink Fahne an der Statue vor dem Bundeshaus, die die Parlamentarierinnen daran erinnern soll, dass ihre Beschlüsse dauerhaft in die Geschichte eingehen. Der spontane Frauenchor in der Bahnhofshalle von Lausanne. Die Bäuerinnen in Liegestühlen im Stedtli von Liestal. Der violette Brunnen in Thun. Die tanzenden Frauen in Olten. Der Gruss per Instagram der streikenden Lehrerinnen an der Schweizerschule in Mexiko-Stadt. Die junge Frau mit dem Schild «I love badass women», die mit dem Kleid ihrer Grossmutter nach Bern gereist ist, «damit sie heute auch irgendwie dabei sein kann». Die Landwirtin daneben, die mit einer Freundin auf ihrem Transparent Lohn und Arbeitsverträge für Bäuerinnen fordert.

Der Streik ist die Grossmutter, die überzeugt ist, dass es ihrer Enkelin im Kinderwagen einmal besser gehen wird als ihr. Die Mitarbeiterin der SBB, die den Frauenanteil in den diversen Führungsgremien der Bundesbahnen auswendig aufzählen kann (er ist bescheiden). Der Flieder im Knopfloch der jungen Polizistin auf dem Bundesplatz. Die Frau, die auf ihrem T-Shirt verkündet: «Make Women Great Again!» Nationalrätin Margret Kiener-Nellen, die jeden 14. Juni ihre roten Boxhandschuhe auspackt. Heute unter Jubel. Der umgetaufte «Meitschiplatz» und die umgetaufte «Frauengasse». Die violette Bluse von Bundesrätin Viola Amherd und der ­violett lackierte Daumen eines unbekannten Chefs in den sozialen Medien. Solidarität!

Einfach Gleichberechtigung

Als um kurz nach 17 Uhr in diversen Schweizer Städten die grossen Abschlusskundgebungen beginnen und die Frauen die Schweiz in völlig überfüllten Innenstädten noch einmal daran erinnern, warum sie heute hier sind, liegt ein Tag hinter den Demonstrierenden, der wie der 14. Juni 1991 in die Schweizer Geschichte eingehen wird.

So viele Frauen sind da, so viele! Lehrerinnen, Journalistinnen, Unternehmerinnen, Studentinnen, Politikerinnen, alle. Und genauso viele Forderungen haben sie. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit, bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Anerkennung von häuslicher Arbeit – so viel und doch immer das­selbe. «Wir wollen einfach Gleichberechtigung», sagt eine Frau in Bern.

Die Aktionen beginnen ganz früh, überall in der Schweiz. Es ist noch dunkel, als das Logo des Frauenstreiks auf den Roche-Turm in Basel gestrahlt wird. In Lausanne verbrennen Aktivistinnen ihre Büstenhalter, in Zürich machen sich Frauen auf eine «Klitoris-Wanderung», um für selbstbestimmte Sexualität zu demonstrieren. In Schwyz versuchen die streikenden Frauen der mehrheitlich männlichen Regierung einen Forderungskatalog zu übergeben (erfolglos), in Sitten das Parlament zu stürmen (ebenso erfolglos), und in diversen Städten blockieren Frauen immer wieder den Verkehr. Wenn Frau will, steht alles still – das war schon das Motto des ersten Frauenstreiks gewesen.

Auch Bürgerliche sind solidarisch

Der politische Startschuss für den Tag der Frauen findet im Bundeshaus in Bern statt. Nationalratspräsidentin Marina Carobbio läutet um 10.50 Uhr eine Sitzungspause ein, worauf sich viele Parlamentarierinnen in Violett gekleidet mit Bundesrätin Amherd auf den Bundesplatz begeben. Dort werden sie von einer begeisterten Menge erwartet. Von Trillerpfeifen und lautem Applaus. «Ich bin überwältigt von diesem Andrang», sagt SP-Nationalrätin Flavia Wasserfallen, die die Protestpause im Parlament mit organisiert hatte.

Auch viele bürgerliche Frauen zeigen sich solidarisch. Nicht als Streikende, sondern politisch. FDP-Nationalrätin Christa Markwalder sammelt etwa in der Wandelhalle Unterschriften für die Einführung der Individualbesteuerung, um mehr Frauen in den Arbeitsmarkt zu bringen, und empfängt danach mit FDP-Präsidentin Petra Gössi junge freisinnige Frauen, um ihnen Karrieretipps zu geben.

Die männlichen Stänkerer

Auch die Männer spielen eine Rolle an diesem Tag, es ist für einmal eine untergeordnete. Sie stehen am Grill und zapfen Bier für die Streikenden, sie hüten die Kinder und übernehmen Schichten für ihre demonstrierenden Kolleginnen. Und dann gibt es natürlich auch die Stänkerer, die in den sozialen Medien über den Streik ätzen. Je länger der Tag dauert, desto stiller werden die Stänkerer allerdings – zu gross und zu laut ist der Aufmarsch der Frauen.

Wie es nun weitergeht? Kann diese Energie konserviert werden, wirkt sie weiter? Der Frauenstreik vor 28 Jahren hat den Anliegen der Frau einen Schub gegeben, wie ihn die Schweiz seit der Einführung des Frauenstimmrechts nie erlebt hat. Viele Frauen wurden danach in die Parlamente gewählt, Mutterschaftsversicherung und Fristenlösung waren plötzlich möglich, eine Generation politisiert. Nimmt man die Mobilisierung von gestern zum Massstab, ist eine ähnliche Entwicklung nicht un­realistisch. Zumal in einem Wahljahr.

Doch das sind Gedanken für morgen und für übermorgen. Heute sind viele Frauen einfach nur überwältigt. Wie jene Kollegin, die irgendwann im Verlauf des Tages jenes SMS schickt: «Ich bin so gerührt heute, unablässig!»

Erstellt: 14.06.2019, 22:12 Uhr

Hunderttausende Frauen

Der zweite Frauenstreik vermochte landesweit stark zu mobilisieren. Erste Schätzungen gehen von Hunderttausenden von Frauen aus, die gleich lange Spiesse im gesellschaftlichen, beruflichen und privaten Leben einforderten. In praktisch allen Städten sowie vielen grösseren Gemeinden fanden Aktionen mit einigen Hundert bis mehreren Tausend Teilnehmenden statt. In der Westschweiz wurden Dutzende Schulen und Kinder­tagesstätten bestreikt. In Zürich, Basel und Bern gingen jeweils mehrere Zehntausend Frauen auf die Strasse. Dem Parlament in Bern wurde zudem eine Bittschrift übergeben, in der ein reduzierter Mehrwertsteuersatz von 2,5 Prozent für Damen-Hygieneprodukte gefordert wird. Die Gewerkschaft Unia zeigte sich begeistert über den Verlauf des Frauenstreiks: Die Resonanz zeige, dass die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen «überfällig und bitter notwendig ist». (sda)

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