«Offenbar haben die Eltern den armen Kerl nicht so erzogen»

Wie zieht man Kinder gross, damit sie nicht unter die Räder kommen? Erziehungsberater Philipp Ramming gibt Antworten.

«Es geht bei Buben wie bei Mädchen darum, dass sie lernen, sich sozial kompatibel zu wehren», sagt der Kinder- und Jugendpsychologe Philipp Ramming. Foto: Getty Images

«Es geht bei Buben wie bei Mädchen darum, dass sie lernen, sich sozial kompatibel zu wehren», sagt der Kinder- und Jugendpsychologe Philipp Ramming. Foto: Getty Images

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Kürzlich wurde eine Studie vorgestellt, nach der hilfsbereite Buben als Teenager eher geplagt werden. Da dürften manche Eltern, die ihren Nachwuchs zu Hilfsbereitschaft auffordern, leer geschluckt haben. Was sagen Sie als Erziehungsberater dazu?
Es kommt ganz darauf an, wie man Hilfsbereitschaft definiert. Ein hilfsbereiter Bub, der sich abgrenzen kann und nicht gerade einknickt, wenn er angezündet wird, dürfte weniger Schwierigkeiten haben als einer, der mit seiner Hilfsbereitschaft vor allem Konflikte vermeiden will und keinen eigenen Standpunkt hat. Das wäre dann eine soziale Anpassungsform, die alle nervt.

Anpassung an was?
Zum Beispiel an eine Gesellschaft, die aus Buben viel zu oft Mädchenverschnitte zu machen versucht. Oder an das Konfliktvermeidungsverhalten von pazifistisch eingestellten Mittelstandseltern. Buben raufen sich, da ist nichts Negatives dran. Und sie sollen – genau wie die Mädchen – nicht nur helfen, sondern sich auch durchsetzen können.

Bei den Mädchen ergab die Studie, dass sie eher Opfer werden, wenn sie dominant oder aggressiv auftreten.
Auch hier stellt sich die Frage: Wann wird ein Problemlösungsverhalten schädlich? Wenn ein Mädchen sofort dreinschlägt, hat es offenbar eine unpassende Lösungsstrategie für soziale Stresssituationen. Ein Zickenkrieg auf Whatsapp gibt zwar kein blaues Auge, kann aber ebenfalls unendlich gemein sein. Es geht bei Buben wie bei Mädchen darum, dass sie lernen, sich sozial kompatibel zu wehren und abzugrenzen.

«Die Schicht spielt eine zentrale Rolle, das wird oft unterschätzt.» Kinder- und Jugendpsychologe Philipp Ramming

Aber geht es nicht auch um Geschlechterklischees? Dominante Mädchen, hilfsbereite Buben entsprechen offenbar immer noch nicht den Erwartungen.
Dominant und hilfsbereit sind erwachsene Begriffe, journalistisch sehr wirkungsvoll, aber eigentlich untauglich. Nehmen wir noch einmal das Beispiel hilfsbereit: Wenn ein Bub als Folge sozialer Reife anpackt, wo es nötig ist, dann ist er ein angenehmer, sozial wertvoller, «gspüriger» junger Mann. Wenn seine Hilfsbereitschaft darin besteht, dass er immer nur schaut, was die anderen wollen, dann ist das auch ein Erziehungsproblem: Offenbar haben die Eltern den armen Kerl nicht so erzogen, dass er auch mal mit Energie Nein sagen durfte.

Sie haben vorhin den Mittelstand erwähnt: Wie weit ist Erziehung denn eine Frage der Schicht?
Die Schicht spielt eine zentrale Rolle, das wird oft unterschätzt. Wer aus niederen sozialen Schichten kommt, der beschäftigt sich nicht mit solchen Fragen, der ist mit dem Überleben beschäftigt. In der Oberschicht geht es um Ressourcensicherung, da ist unbestritten, was zählt: Leistung, Leistung, Leistung. Die Mittelschicht ist die tektonische Schicht dazwischen, die total verunsichert ist.

Und deshalb Rezepte sucht, die es nicht gibt?
Ach, es gibt ganz viele Leute, die Rezepte haben … Wenn Sie in einen Buchladen gehen, gibt es dort fünf Quadratmeter Erziehungsliteratur. Bis Sie die gelesen haben, sind die Kinder längst erwachsen und haben sich selber erzogen.

Dass es diese Literatur gibt, dass auch jeder Artikel zum Thema Erziehung auf grosses Interesse stösst – das sind ja schon Zeichen für die Verunsicherung, von der Sie sprechen.
Eindeutig. Und diese Verunsicherung wird noch lange anhalten. Dazu gehört, dass es immer wieder zu Einseitigkeiten kommt: Plötzlich werden patriarchale Rollenmodelle wieder salonfähig. Oder es gibt die ganze religiöse Szene, die Orientierung verspricht. Aber es passiert auch viel Gutes in dieser Phase. Das Rollenverständnis von Frauen und Männern ist vielfältiger geworden, es ist für Väter einfacher geworden, präsent zu sein bei ihren Kindern, auch weil die Mütter gelernt haben, das zuzulassen.

«Die Verunsicherung wird noch lange anhalten.» Philipp Ramming

Alles auf Kurs also?
Es gibt schon Probleme: Die Verweiblichung des pädagogischen Bereichs etwa. Dass viele Lehrerinnen und Lehrer zwar wissen, was sie richtig finden, aber Angst vor der Einmischung der Eltern haben. Oder eine gewisse Bünzligkeit als Folge der Verunsicherung: Dass man sich strenge Regeln gibt, bei der Ernährung, bei der Erziehung, und den Kindern Tracker umhängt, um immer zu wissen, wo sie sind.

Auch wenn es keine Erziehungsrezepte gibt: Was ist aus Ihrer Sicht das Wichtigste, was Kinder lernen sollten?
Sich abgrenzen können. Nicht alles persönlich nehmen. Und Respekt vor anderen haben.

Erstellt: 08.07.2019, 14:47 Uhr

Philipp Ramming



Der 62-jährige Kinder- und Jugendpsychologe und Erziehungsberater Philipp Ramming hat über 25 Jahre Erfahrung in der Arbeit mit Kindern, Jugendlichen, Familien und ihrem Umfeld. Er hat eine Praxis im bernischen Hinterkappelen und ist Präsident der Schweizerischen Vereinigung für Kinder- und Jugendpsychologie (SKJP).

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