SBB büssen Autistin mit falschem Billett

Weil sich eine junge Frau mit Autismus bei einer Billettkontrolle überfordert fühlte, lief sie davon. Die SBB verlangten eine Busse von 240 Franken.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sonam Y. ist 19 Jahre alt und hat «frühkindlichen Autismus», eine der am häufigsten vorkommenden Arten von Autismus. Dies bedeutet, dass sie bei der Kommunikation und im Sozialverhalten Schwierigkeiten hat, ansonsten aber leistungsfähig ist. Wie der «Kassensturz» berichtete, arbeitet Y. in den Werkstätten des Vereins Zürcher Eingliederung. Dort ist sie eine der Schnellsten.

Für Y. ist es enorm wichtig, dass sie eigenständig zwischen der Arbeit und ihrem Zuhause pendeln kann. Im Juli ist es allerdings zu einem Vorfall gekommen, der die über Jahre hinweg aufgebaute Selbstsicherheit im öffentlichen Verkehr von Y. ins Wanken brachte. Damals setzte sie sich mit einem Billett der zweiten Klasse in ein Zugabteil der ersten Klasse. Prompt geriet sie in eine Billettkontrolle. Da sie sich von der Situation überfordert fühlte, stand sie auf und lief davon.

Wieso sie in der ersten Klasse sass, ist nicht vollends klar. Y.s Betreuer, Udo Pfeil, geht nicht davon aus, dass die junge Frau mit Absicht in der ersten Klasse sass. Wahrscheinlich habe eine Stresssituation bestanden. Dies könne auftreten, wenn die zweite Klasse überfüllt sei. Autisten haben grosse Mühe mit vielen Reizen aus der Umwelt.

Auch die Flucht vor dem Billettkontrolleur zeigt laut Pfeil, wie hoch der Stresspegel bei Y. in diesem Augenblick war. Für sie sei es die einzige Strategie gewesen, aus der Situation herauszufinden.

«SBB dürfen keinen Zuschlag erheben»

Die Mutter von Y. erschrak, als sie die Busse von über 240 Franken erhielt. Darin enthalten sind Bussen für «Fahren ohne gültigen Klassenwechsel» und «Missbrauch» wegen des Weglaufens. Die Mutter habe zuerst gedacht, sie sehe nicht richtig. Dann hat sie sich umgehend an den Kundendienst der SBB gewandt. Diesem erklärte sie die Situation ihrer Tochter in mehreren Mails. Dazu legte sie ein Arztzeugnis, das die Diagnose «frühkindlichen Autismus» und somit ihre Urteilsunfähigkeit bestätigt.

Die SBB senkten die Busse daraufhin um 100 Franken. Auf die Bezahlung der restlichen 140 Franken wurde jedoch bestanden. Jedes weitere Entgegenkommen sei nicht möglich.

Für die Mutter ist diese Haltung nicht verständlich: «Der SBB-Kundendienst schreibt, die Selbstkontrolle gilt für alle gleich. Aber die Menschen sind nicht alle gleich.» Dies sieht auch Caroline Hess-Klein, Chef-Juristin des Behinderten-Dachverbandes Inclusion Handicap, so. Falls man davon ausgehe, dass die junge Frau nicht urteilsfähig sei, dürfe man von Seiten der SBB keine Zuschläge erheben. «Weil sowohl das Behindertengleichstellungsrecht als auch das Privatrecht es verbieten, in einem solchen Fall eine Busse zu erheben», sagt sie.

Busse ist bezahlt

SBB-Sprecher Christian Ginsig sagt dem «Kassensturz»: «Es wäre gut gewesen, wenn man uns ein richtig formuliertes Arztzeugnis zugestellt hätte, das wir als Laien richtig interpretieren können.» Darauf solle stehen, wie lange der Zustand der Betroffenen besteht und wie stark dieser ausgeprägt ist. Ginsig gibt zu, dass man mit dem Erhalt eines solchen Zeugnisses von einer Busse absehen würde.

Die Mutter von Y. hat die 140 Franken mittlerweile bezahlt. Ums Geld gehe es ihr bei dieser Sache nicht: «Ich hoffe, dass das Personal der SBB ein bisschen Verständnis hat für die Menschen mit einer autistischen Beeinträchtigung und ein bisschen sensibel wird.»

Übernommen von 20 Minuten, bearbeitet durch zuonline.ch.

Erstellt: 19.09.2018, 12:28 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zuonline.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 854 82 14. Mehr...

Blog

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zuonline.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 854 82 14. Mehr...

Blog

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare