Psychologen wehren sich gegen das «Zuhälter-System»

Sie müssen bei Psychiatern angestellt sein, um über die Grundversicherung abzurechnen. Nun fordern sie eine gesetzliche Neuregelung.

Mehrere Kollegen hätten aufgrund des grossen Drucks ein Burn-Out erlitten, berichtet eine Psychologin. Foto: iStockphoto

Mehrere Kollegen hätten aufgrund des grossen Drucks ein Burn-Out erlitten, berichtet eine Psychologin. Foto: iStockphoto

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Maria Müller* ist müde. Und sehr erschöpft. Die psychologische Psychotherapeutin, angestellt in einer Gruppenpraxis im Kanton Zürich, empfängt pro Tag sieben Patientinnen oder Patienten zu einem einstündigen Gespräch, an manchen Tagen sogar acht. Empfohlen wären vom Berufsverband fünf bis sechs, auch wegen der Zeit zum Vor- und Nachbereiten. Doch Müllers Arbeitgeber, ein Psychiater, will es so. Er ist es auch, der die Anzahl geleisteter Therapien wöchentlich kontrolliert.

«Der Druck, der uns auferlegt wird, ist riesig», sagt die 39-Jährige, die aus Angst vor Konsequenzen wie alle Psychologinnen und Psychologen in diesem Text anonym bleiben will. «Pro Tag müssen wir mindestens sieben mit der Krankenkasse abrechenbare Stunden vorweisen. Es wird verlangt, dass wir überbuchen, damit Ausfälle nicht ins Gewicht fallen. Erreichen wir die Zahlen nicht, droht uns zuerst der Übergang in ein flexibles Lohnmodell. Und dann die Kündigung.» Diese Diskussionen machen Maria Müller nicht nur müde. Sondern auch wütend. Sie sagt: «Auch die Qualität der Therapien leidet, weil ich diese kaum mehr vor- und nachbereiten kann.»

Die psychologische Psychotherapeutin arbeitet im sogenannten Delegationsmodell – bei einem ärztlichen Psychotherapeuten, aufgrund seines Facharzttitels auch Psychiater genannt. Er ordnet ihre Therapien an und beaufsichtigt sie. Nur so kann Müller mit der Grundversicherung der Krankenkassen abrechnen. Würde sie selber eine Praxis eröffnen, könnte sie einzig Patienten annehmen, die ihre Therapie selber bezahlen oder eine Zusatzversicherung haben.

«Widerspruch im System»

Peter Erni*, der seit mehr als 25 Jahren im Kanton Bern als Psychotherapeut arbeitet, sagt: «Ich bin auch nach all den Jahren gezwungen, angestellt zu bleiben. Viele meiner Patienten sind darauf angewiesen, dass die Kassen ihre Therapien bezahlen.» Einen sachlichen Grund, warum Psychologen von Psychiaterinnen abhängig sein sollen, sieht der 56-Jährige nicht. «Wir sind mindestens so gut ausgebildet wie sie. Auch deshalb traut man uns zu, bei Selbstzahlern Diagnosen zu stellen und Therapien durchzuführen. Sobald aber die Grundversicherung die Kosten tragen soll, spricht man uns diese Kompetenz ab. Das ist ein Widerspruch im System.»

Angestellt im Stundenlohn, verdient Erni nur dann, wenn er in der Praxis des Psychiaters anwesend ist und auch wirklich Therapien durchführt. Von den Einnahmen werden ihm sämtliche Unkosten sowie die Beiträge an die Sozialversicherungen abgezogen. Auch diejenigen, die eigentlich sein Arbeitgeber übernehmen müsste. Dazu kommen Provisionen und Weiterbildungsbeiträge für den Psychiater. In der Regel, sagt Erni, bekomme er etwa 50 Prozent seines Umsatzes ausbezahlt. «Damit nicht genug. Wenn ich beispielsweise einen Patientenbericht für die IV schreibe, bekomme ich die Arbeit nicht bezahlt. Das Geld geht an den Psychiater, der zum Schluss seine Unterschrift daruntersetzt.»

35 Franken pro Stunde

Andere Psychologinnen und Psychologen verdienen noch weniger. Manche berichten, sie erhielten 40 Prozent des Umsatzes, den sie generierten. Bei einem verrechenbaren Tarif für eine 60-minütige Therapiestunde zwischen 122 und 145 Franken je nach Kanton sind das maximal 58 Franken. Oder minimal 49 Franken. Der tiefste Stundenlohn, von dem diese Zeitung erfahren hat, beträgt 35 Franken. Ein Psychiater kann je nach Kanton bis zu 200 Franken pro Stunde verrechnen – und das, obwohl sich seine Methoden nicht von denjenigen der psychologischen Psychotherapeuten unterscheiden. Es gibt nur eine Psychotherapie.

Die gut zehn delegiert arbeitenden Psychologen, die für diese Recherche in der Deutsch- und Westschweiz befragt wurden, wählen drastische Worte, um ihre Anstellungs- und Arbeitsbedingungen zu beschreiben. Sie fühlen sich «ausgeliefert» und «ausgenutzt», «ausgebeutet» und «abgezockt». Manche sprechen gar vom «Zuhälter-System». Die getätigten Abzüge seien oft «undurchsichtig» und «willkürlich». Die Psychologen arbeiten erst seit ein paar Jahren im Delegationsmodell oder bereits seit Jahrzehnten.

«Man muss Konsultationen aneinanderreihen, aneinanderreihen, aneinanderreihen», sagt die 37-jährige Virginie Vicomte*, die bei einer Psychiaterin im Kanton Waadt angestellt ist. «Aber es sitzen einem ja Menschen gegenüber, die zum Teil sehr schlimme Dinge erlebt haben. Da braucht man viel Energie. Wie ist das in einem solchen System möglich?» Vicomte berichtet, ihre Chefin verschicke monatlich eine Grafik mit der Anzahl Therapiestunden pro Psychologin. Grün für genügend, rot für zu wenig. Mehrere Kollegen hätten aufgrund des grossen Drucks ein Burn-out erlitten.

Musterverträge sollen Abhilfe schaffen

Die 46-jährige Marie Rochat* sagt über ihre Zeit als angestellte Psychotherapeutin im Kanton Freiburg: «Ich habe enorm gelitten.» Zu schaffen machte ihr unter anderem, dass ihr Chef ihre Therapien nicht beaufsichtigte, obwohl er gesetzlich dazu verpflichtet wäre. Auch musste sie dem Mediziner Vorschläge für mögliche Antidepressiva machen, die er dann «durchwinkte», wie sie sagt. Trotzdem erhielt sie nur 45 Prozent ihres Umsatzes. Von einem allfälligen Gewinn sah Rochat nie etwas.

Das Ausfallrisiko von Zahlungen lastet hingegen oft auf den Psychologen. «Dabei müsste das Unternehmerrisiko beim Unternehmer liegen. Es ist nicht statthaft, dieses auf uns abzuwälzen», sagt Anton Huber*, der im Kanton Aargau angestellt ist. Natürlich gebe es auch «faire» Arbeitgeber, die an der Psychotherapie nichts verdienen und das Honorar so weit als möglich an sie weitergeben. «Doch am Gefühl des Ausgeliefertseins bei der delegierten Psychotherapie ändert das wenig», sagt Huber.

Man müsse, wie bei allen Arbeitsverhältnissen davon ausgehen, dass es «gute und weniger gute Anstellungsbedingungen» gebe, sagt Petra Seeburger von der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (SGPP). «Die Arbeitgeber müssen sich aber immer an die gesetzlichen Rahmenbedingungen halten. Wenn Arbeitnehmer unzufrieden sind, dürfen sie kündigen und eine neue Anstellung suchen». Die Suche gestalte sich wegen des nicht reglementierten und deshalb grossen Angebots an psychologischen Psychotherapeuten auf dem Arbeitsmarkt allerdings schwierig, räumt Seeburger ein. Die SGPP und die Schweizerische Gesellschaft für delegierte Psychotherapie hätten Musterverträge erarbeitet und auf der Webseite aufgeschaltet. «Sie sollen helfen, gesetzeskonforme Anstellungen umzusetzen.»

* Alle Namen geändert

Erstellt: 25.06.2019, 09:07 Uhr

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Was will der Bundesrat?

Voraussichtlich morgen präsentiert der Bundesrat seinen Vorschlag zur Neuregelung der psychologischen Psychotherapie im Rahmen der Grundversicherung. Die aktuelle Regelung sei «nicht mehr angemessen», schrieb er Ende 2018 in einer Antwort auf einen entsprechenden Vorstoss. Gleichzeitig fürchtet er, dass die Kosten steigen, wenn mehr Ärzte Therapien verordnen könnten. Aus Sicht der Psychologinnen und Psychologen müsste dies allen Medizinern erlaubt sein – also etwa Haus-, Kinder- oder Frauenärzten. Auch fordern die Psychologen, dass sie nicht länger bei Psychiaterinnen angestellt sein müssen, um Geld von den Kassen zu bekommen. In einer im März eingereichten Petition mit fast 100’000 Unterschriften verlangen sie vom Bundesrat mehr Kompetenzen. (sir)

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