So entstand die Legende von der «Nacht der langen Messer»

Die Hearings sind vorbei, nun dauert es nur noch Stunden bis zu den Bundesratswahlen. Dabei ist es in der Vergangenheit schon zu veritablen Wahlkrimis gekommen.

Zauberformel, Putsch gegen eine SP-Frau, Blochers Abwahl: Die spektakulärsten Momente der Bundesratswahlen seit 1959.
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Nach den letzten Hearings bei den Fraktionen hat sich die Favoritenrolle von Karin Keller-Sutter (FDP) und Viola Amherd (CVP) weiter gefestigt. Die nun anstehende Nacht der langen Messer wird an dieser Ausgangslage kaum etwas ändern. Dass Bundesratswahlen jedoch für Überraschungen gut sind, zeigt ein Blick zurück.

1959: Geburt der Zauberformel

Zauberformel-Bundesrat (von links): Max Petitpierre (FDP), Paul Chaudet (FDP), Friedrich T. Wahlen (BGB), Jean Bourgknecht (CVP), Willy Spühler (SP), Ludwig von Moos (CVP), Hans-Peter Tschudi (SP), Bundeskanzler Charles Oser.

Am 17. Dezember 1959 überträgt das Fernsehen erstmals eine Bundesratswahl, und die Ausmarchung könnte kaum spannender sein. Vier Bundesräte sind zurückgetreten – teils unter Druck der eigenen Partei, damit sich möglichst viel Spielraum für eine neue parteipolitische Zusammensetzung des Bundesrats ergibt. CVP-Generalsekretär Martin Rosenberg hat zu diesem Zweck eine «Zauberformel» kreiert (2 FDP, 2 CVP, 2 SP, 1 SVP). Doch das Manöver droht im letzten Moment zu scheitern, weil die SP ihren Parteipräsidenten Walther Bringolf als offiziellen Kandidaten nominiert. Der Schaffhauser ist mit seiner kommunistischen Vergangenheit für die Mehrheit des Parlaments nicht wählbar. An seiner Stelle werden schliesslich Willy Spühler aus Zürich und Hans-Peter Tschudi aus Basel gewählt. Die Zauberformel hat bis zur Wahl von Christoph Blocher 2003 Bestand.

1973: «Wie du mir, so ich dir»

Drei gewählte Sprengkandidaten: Hans Hürlimann (CVP), Georges-André Chevallaz (FDP), Willi Ritschard (SP).

Bei den Bundesratswahlen vom 5. Dezember 1973 geht es drunter und drüber: Es gilt das Prinzip «Wie du mir, so ich dir» – und alle drei offiziellen Kandidaten scheitern grandios. Als Erster muss der Aargauer SP-Präsident Arthur Schmid über die Klinge springen. Der offizielle Kandidat der Sozialdemokraten ist den Bürgerlichen zu links. An seiner Stelle kürt die Bundesversammlung den Solothurner Regierungsrat Willi Ritschard, der mit Blaulicht nach Bern gefahren werden muss. Die Linke revanchiert sich und versagt CVP-Kandidat Enrico Franzoni die Unterstützung. Stattdessen wird der Zuger Hans Hürlimann gewählt. Zum Schluss hat auch der offizielle FDP-Kandidat Henri Schmitt das Nachsehen und verliert gegen den linksfreisinnigen Waadtländer Georges-André Chevallaz.

1983: Die Nacht der langen Messer

Otto Stich (SP) nach seiner überraschenden Wahl.

Der Abend vor der Bundesratswahl vom 7. Dezember 1983 hat es in sich. FDP-Nationalrat Felix Auer und ein paar Getreue organisieren in den Berner Restaurants einen Coup: Am nächsten Tag soll anstelle der offiziellen SP-Kandidatin Lilian Uchtenhagen der stellvertretende Coop-Direktor Otto Stich zum Nachfolger von Willy Ritschard gewählt werden. Der Plan der rechten Parlamentsmehrheit gelingt, und die Legende von der «Nacht der langen Messer» ist geboren. Stich erfährt an seinem Arbeitsplatz in Basel durch den Jubel des Personals von seiner Wahl. Er muss eilends nach Bern gefahren werden, foutiert sich um die Wut der Genossen und nimmt die Wahl an. Die SP-Parteispitze spricht sich darauf für den Regierungsaustritt aus, die Parteidelegierten erwirken jedoch den Verbleib im Bundesrat. Das Verhältnis zwischen dem Magistrat und seiner Partei entspannt sich in den Folgejahren zusehends.

1993: Die nicht genehme Frau

Christiane Brunner (links) und die frisch gewählte Ruth Dreifuss vor einer jubelnden Menge auf dem Bundesplatz.

Am 3. März 1993 wählt das Parlament anstelle der offiziellen SP-Kandidatin Christiane Brunner den Neuenburger Francis Matthey. Doch der Gewählte erbittet sich – anders als Otto Stich zehn Jahre zuvor – Bedenkzeit. Unter dem Druck seiner Partei lehnt Matthey die Wahl ab. Die SP tritt in der Folge mit einem Zweierticket an, auf dem neben Christiane Brunner auch Ruth Dreifuss figuriert. Die vermeintlich weniger links stehende Gewerkschafterin und Wahlgenferin Dreifuss wird am 10. März gewählt – und solidarisiert sich darauf vor einer grossen Menschenmenge auf dem Bundesplatz mit Brunner. Die Turbulenzen lösen den sogenannten Brunner-Effekt aus: In der Folge werden vermehrt Frauen in Exekutivämter gewählt.

2003: Operation «Hannibal»

Nationalrat Christoph Blocher kurz vor seiner Wahl in den Bundesrat.

Die SVP ist die grosse Gewinnerin der Nationalratswahlen von 2003. Ultimativ fordert Parteipräsident Ueli Maurer noch am Abend des Wahltags einen Bundesratssitz für Christoph Blocher, den personifizierten Wahlsieger. Andernfalls droht die Partei mit dem Gang in die Opposition. Die Operation mit dem Namen «Hannibal» gelingt am 10. Dezember 2003: Chris­toph Blocher setzt sich mit 121 Stimmen gegen CVP-Bundesrätin Ruth Metzler durch, die 116 Stimmen erreicht und abgewählt wird. Die Zauberformel ist Geschichte. Über die Runden retten kann sich der zweite CVP-Vertreter Joseph Deiss. Da Metzler 1999 kurz vor Deiss gewählt worden war, musste sie sich vor ihm der Wiederwahl stellen.

2007: «Wir sehen uns bei Philippi wieder!»

Anhänger von Eveline Widmer-Schlumpf fordern die Bündnerin vor dem Bundeshaus auf, die Wahl anzunehmen.

Vor den Bundesratswahlen von 2007 bauen Mitglieder des SP-Fraktionspräsidiums die Bündner SVP-Regierungsrätin Eveline Widmer-Schlumpf als geheime Gegenkandidatin zu Bundesrat Christoph Blocher auf. Eine entscheidende Rolle spielt auch die CVP. Am Tag vor der Wahl teilt sie mit, Blocher nicht zu wählen – ohne einen Gegenkandidaten zu portieren. Der Name der Sprengkandidatin ist nur wenigen bekannt. In der Nacht vor der Wahl werden die Grünen eingeweiht wie auch einzelne FDP-Mitglieder, die Blocher nicht wählen wollen. Am Morgen des 12. Dezember 2007 schwören die Fraktionen von SP, CVP und Grünen ihre Mitglieder auf Widmer-Schlumpf ein. Das Manöver gelingt: Im zweiten Wahlgang schafft die Bündnerin die Wahl mit 125 Stimmen, Blocher erzielt deren 115. Widmer-Schlumpf nimmt die Wahl nach einem Tag Bedenkzeit an. Die SVP kündigt eine scharfe Oppositionspolitik an, und Blocher schleudert den Parlamentariern zum Abschied eine Drohung entgegen: «Wir sehen uns bei Philippi wieder!»

2008: Es fehlte nur eine Stimme

Hansjörg Walter während der Bundesratswahlen vom 10. Dezember 2008 im Gespräch mit Parteipräsident Toni Brunner. Im Hintergrund der später gewählte Ueli Maurer.

Das Bild war zu bemerkenswert, um nicht auf Hintergedanken zu kommen: Am späten Abend vor den Bundesratswahlen vom 10. Dezember 2008 steigt SVP-Nationalrat Hansjörg Walter die Treppe im Hotel Bellevue herunter. Er ist sekundiert von der Parteispitze – und hat ein blaues Auge. Tatsächlich ist der Präsident des Bauernverbands von seiner Partei unter Druck gesetzt worden, eine allfällige Wahl nicht anzunehmen. Denn offizielle SVP-Kandidaten sind Christoph Blocher und der frühere Parteichef Ueli Maurer. Am Wahltag selber erklärt Walter, er stehe nicht zur Verfügung. Konsequenterweise schreibt er seinen Namen nicht auf den Wahlzettel – und verpasst im zweiten Wahlgang das absolute Mehr bloss um eine Stimme. Im dritten Wahlgang wird Ueli Maurer mit einer Stimme Vorsprung auf den Sprengkandidaten gewählt. Walters blaues Auge rührte von einem Unfall her.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 04.12.2018, 18:28 Uhr

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