So funktioniert der russische Geld-Waschsalon

Erstmals zeigen Bankdokumente detailliert, wie riesige Summen zu Schweizer Banken flossen. 37 Millionen Dollar landeten auf dem Konto eines Putin-Strohmanns.

Sein wohl engster Freund, der Konzertcellist Sergei Roldugin, hatte ein millionenschweres Konto in der Schweiz: Russland-Präsident Wladimir Putin.

Sein wohl engster Freund, der Konzertcellist Sergei Roldugin, hatte ein millionenschweres Konto in der Schweiz: Russland-Präsident Wladimir Putin. Bild: Davide Monteleone/laif

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Würde ein Schweizer Handwerksbetrieb einen derartigen Vertrag ausstellen – der Kunde würde ihm das Papier um die Ohren hauen.

Gemeint ist der Vertrag einer Firma aus Panama für den angeblichen Verkauf von über 20'000 Kleidungsstücken – Hosenanzüge, Blazer, Mäntel. Erstens ist der Vertrag, gemessen an der Grösse des Geschäfts, äusserst rudimentär. Zweitens sind die Absätze des Vertrags falsch nummeriert. Drittens sind die Preise unrealistisch – Damenwesten in der Version «deluxe» kosten zum Beispiel sechsmal weniger als in der Standardvariante. Und viertens beträgt die Vertragssumme sieben Millionen Euro. Trotzdem flossen gestützt darauf über zwölf Millionen Euro auf das Genfer Bankkonto der angeblichen Kleiderverkäufer bei der Crédit Agricole Schweiz.

Fazit: Der Vertrag sieht ganz so aus, als gäbe es ihn nur, um der Bank ein vermeintlich normales Geschäft vorzutäuschen.

Dabei ist der seltsame Vertrag selbst längst nicht der einzige Hinweis, dass hier etwas faul ist. Auch versteckten sich die Käufer der Kleider hinter einer Briefkastenfirma von den Seychellen. Diese war wiederum nur ein Teil eines ganzen Netzwerks von Firmen, das Milliarden verschob, und zwar aus dubiosen russischen Quellen. Geflossen ist das Geld via die Ukio Bank in Litauen. Die baltischen Staaten sind schon lange als Transitländer für zweifelhaftes russisches Geld bekannt. 2013 hat die litauische Zentralbank die Ukio Bank geschlossen – unter anderem wegen Verdachts auf massive Geldwäscherei.

Von der litauischen Zentralbank geschlossen: Niederlassung der Ukio Bank in Vilnius. (Bild: Petras Malukas/AFP Photo)

Zwei Milliarden in die Schweiz

Schweizer Banken müssen laut Vorschriften «die Plausibilität grösserer Zahlungseingänge» prüfen, wenn Risikofaktoren vorliegen. So soll verhindert werden, dass schmutziges Geld ins Land gelangt, zum Beispiel Profite aus Betrug oder Korruption. Doch Crédit Agricole Schweiz fand den zusammengeschusterten Kleidervertrag aus Panama offenbar völlig ausreichend als Begründung, um die zwölf Millionen, gestückelt in 80 Tranchen, in die Schweiz zu lassen – auf das Konto von zwei Russen.

Geld auf diese Weise anzunehmen, ist brandgefährlich. Warum das so ist, lässt sich gerade an diesem Kleidervertrag im Detail nachvollziehen. Das Dokument samt Zahlungen taucht in einem grossen Leck von Bankdaten auf, das ein internationales Journalistenkollektiv in den letzten Monaten ausgewertet hat. Koordiniert hat die Recherche das Organized Crime and Corruption Reporting Project (OCCRP). Mit von der Partie war auch das Recherchedesk von Tamedia.

Die Daten zeigen zwei Dinge. Erstens: Der Panama-Kleidervertrag ist kein Einzelfall. Von 2005 bis 2013 flossen über zwei Milliarden Dollar von der litauischen Ukio Bank zu Dutzenden Schweizer Banken. Viele Transfers wurden ebenfalls legitimiert, mutmasslich mit Fake-Verträgen. Man findet Rechnungen mit Fehlern im Gesamtbetrag und vertauschten Währungen, immer wieder dieselben simplen Copy-and-Paste-Vorlagen und Verträge, bei denen Käufer und Verkäufer verwechselt wurden.

Zweitens bringen die Daten ans Licht, wie systematisch die Geldflüsse gesteuert wurden. Rund ein Viertel der zwei Milliarden kam nämlich aus derselben russischen Quelle. Das Journalistenkollektiv gab ihr den Namen «Troika Laundromat» – auf Deutsch: Troika-Waschsalon. Dabei handelt es sich um ein Netz von über 70 anonymen Briefkastenfirmen, das von einer russischen Investmentbank namens Troika Dialog aufgebaut wurde. Hinter der Troika-Bank stand damals der Oligarch Ruben Vardanyan, ein Vertrauter des russischen Präsidenten Wladimir Putin.

Spielte ein zentrale Rolle: Oligarch Ruben Vardanyan mit Wladimir Putin bei der Grundsteinlegung zu Vardanyans Managementschule Skolkovo in Moskau. (Bild: Alamy)

Die drei Etappen des Waschsalons

Aber wie funktionierte der Waschsalon genau? Im Wesentlichen bestand das System aus drei Schritten:

Erster Schritt – der Vorwaschgang: Auf die Konten der Laundromat-Firmen bei besagter Ukio Bank strömte viel scheinbar sauberes Geld. Dazwischen gingen aber auch grosse Summen aus mutmasslichen Verbrechen ein. Das Journalistenkollektiv hat eine Reihe von Firmen identifiziert, die im Verdacht stehen, Profite aus Verbrechen gewaschen zu haben. Die Firmen haben mehr als eine Viertel Milliarde Dollar in den Laundromat einbezahlt. Das bekannteste Beispiel ist ein gewaltiger Betrugsfall, bei dem 230 Millionen Dollar aus der russischen Staatskasse verschwanden. Der Steuerspezialist Sergei Magnizky, der den Fall meldete, starb 2009 nach schweren Misshandlungen in einem russischen Gefängnis. Die Bundesanwaltschaft ermittelt in diesem Fall seit 2011 auch in der Schweiz.

Zweiter Schritt – der Hauptwaschgang: Auf den Konten der Laundromat-Firmen wurden über die Jahre sauberes und mutmasslich schwarzes Geld munter vermischt. Die Zahlungen gingen hin und her, sodass von aussen nicht mehr ersichtlich ist, woher das Geld ursprünglich kam. Und falls doch einmal jemand fragte, gab es eine zusätzliche Sicherung: Strohmänner, die auf dem Papier die Firmen und Konten führten. Teilweise waren das aber Unwissende, denen einfach die Identitäten geklaut wurden. Journalisten aus dem Kollektiv spürten den «Lenker» einer der zentralen Laundromat-Firmen in einem heruntergekommenen Wohnblock in der armenischen Stadt Vanadzor auf. Der Mann trug eine abgewetzte Militärjacke und Mütze, als ihn die Journalisten in seinem kargen Wohnzimmer befragten. Er erzählte, er sei ein Saisonnier, der in der russischen Hauptstadt Moskau auf Baustellen gearbeitet habe. Als er erfuhr, dass seine Unterschrift auf Dokumenten steht, dank denen Millionen in alle Welt flossen, war er baff. Er sagte, dass er noch nie davon gehört habe.

Unter seiner Identität wurden Millionenverträge abgeschlossen: Der armenische Saisonnier in seiner Wohnung in der Stadt Vanadzor. (Bild: Saro Baghdasaryan/Hetq)

Dritter Schritt – Trockenschleudern: Das Geld floss aus dem Laundromat auf Drittbanken – so wie die zwölf Millionen aus dem seltsamen Kleidervertrag zur Crédit Agricole in Genf. Die Vermutung, dass die Hintermänner des Laundromats den Vertrag gefälscht haben, ist nicht so weit hergeholt. Dokumente aus baltischen Banken, die das OCCRP schon früher veröffentlicht hat, zeigen, dass Bankkunden genaue Anweisungen erhielten, wie sie gefälschte Verträge aufsetzen müssen, damit auch westliche Banken sie akzeptieren.

Video: So funktioniert die Geldwäsche

Oliver Zihlmann, Co-Leiter des Recherche-Desks, erklärt, wie russische Firmen über die Schweiz Geld gewaschen haben.

Klar ist, dass dieses Dreischrittesystem wie geschmiert funktionierte. Crédit Agricole Schweiz zum Beispiel erhielt bei weitem nicht nur die zwölf Millionen aus dem einen Kleidervertrag. Von 2005 bis 2012 flossen durch über 500 Überweisungen umgerechnet rund 150 Millionen Dollar aus dem Laundromat auf fünf Crédit-Agricole-Konten in Genf, mal für Kleider, mal für Computer, mal für «Ausrüstung». Die Konten gehörten fünf verschiedenen Briefkastenfirmen, gelenkt von immer denselben beiden russischen Personen. Konten und Firmen wurden der Reihe nach eingesetzt und alle ein bis zwei Jahre ausgewechselt.

Der Genfer Treuhänder der beiden Russen schrieb bei einer Gelegenheit einmal klar auf, wozu eine der Firmen tatsächlich diente: «Die Firma wird genutzt für private Ausgaben, keine kommerziellen Aktivitäten.» Crédit Agricole wollte keine Stellung nehmen.

Ist das Geld erst mal auf einer scheinbar sauberen Bank, können die Hintermänner damit machen, was sie wollen. Die Daten zeigen, dass Gelder aus dem Laundromat am Schluss in Jachten, Privatjets, Schmuck und Uhren oder Luxusferien flossen.

Für sie floss Geld aus dem Laundromat: Die Mega-Yacht Celestial Hope.

Für den Schweizer Finanzplatz sind die Erkenntnisse aus dem Troika-Laundromat ein Debakel. Kamen über den Laundromat tatsächlich auch Gelder aus illegalen Geschäften zu uns, hätten Schweizer Banken Geld gewaschen. Aber um das bestrafen zu können, müssten Staatsanwälte die kriminelle Herkunft der Gelder lückenlos nachweisen – oft ein Ding der Unmöglichkeit. «Wenn legale und illegale Gelder so vermischt werden, dass die Ursprünge nicht mehr erkennbar sind, nennen wir das Container-Konten», sagt ein Schweizer Ermittler mit jahrelanger Erfahrung in Geldwäscheverfahren. «In solchen Fällen sinken die Chancen gegen null, die Geldwäscherei zu belegen.»

Putins Millionen in Zürich

So haben die Drahtzieher ein leichtes Spiel. Das Datenleck gibt immerhin Hinweise darauf, dass sie in Russland ganz weit oben sitzen. Die Betreiber des Laundromats schickten nämlich auch Millionen an die Zürcher Gazprombank, und zwar direkt auf ein Konto von Sergei Roldugin, dem wohl engsten Freund von Präsident Putin. Roldugin kennt Putin seit Teenagertagen. Er ist der Pate von Putins Tochter und war zeit seines Lebens ein normaler Konzertcellist, der stets versicherte, er sei kein Millionär.

Wladimir Putin mit seiner Frau Lyudmila Putina und Sergei Roldugin (von links).

Dank den Panama Papers wurde schon vor drei Jahren klar, dass Roldugin wohl ein Strohmann von Putin persönlich ist. Das neue Leck zeigt nun, dass auf seinem Konto in Zürich über 37 Millionen Dollar landeten. Wie bei den Kleidern wurde ein Teil der Zahlungen mit unrealistischen Verträgen gerechtfertigt. Roldugin und die Gazprombank wollten sich dazu nicht äussern.

Putin verleiht Roldugin einen Orden. (Bild: Mikhail Svetlov/Getty Images)

Ein Strafverfahren wegen Geldwäscherei ist in diesem Fall bis heute nicht bekannt. Aber was würde passieren, wenn Schweizer Staatsanwälte tatsächlich einmal nachfragen, wer denn die Millionen an den mutmasslichen Strohmann des russischen Präsidenten in die Schweiz überwies? Nun, die Antwort ist einfach: Die Firma, die das zahlte, wurde unter anderem gesteuert von einem armenischen Saisonnier. Es ist der Mann mit Mütze und Militärjacke, der auf einer Baustelle in Moskau arbeitete.

Erstellt: 04.03.2019, 16:00 Uhr

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