Warum die Schweiz über ein falsches Elternzeit-Modell spricht

Die Schweiz diskutiert endlich einen Elternzeit-Vorschlag, aber auch dieser vernachlässigt die Gleichstellung von Müttern und Vätern.

Oben auf der Liste, aber ganz hinten mit den Leistungen: Die Bedingungen für Eltern in der Schweiz im internationalen Vergleich.


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Es ist ernüchternd. Selbst der weitgreifendste, fortschrittlichste Vorschlag, der im Raum steht, bevorzugt Mütter gegenüber den Vätern. Die eidgenössische Kommission für Familienfragen (EKFF) hat im Herbst 2018 eine aufsehenerregende Studie publiziert und basierend darauf eine Elternzeit von 38 Wochen für die Schweiz empfohlen. 14 Wochen davon wären für die Mutter reserviert, 8 Wochen für den Vater. Der Rest wäre frei aufteilbar.

Die Kampagnenplattform Wecollect.ch will eine Volksinitiative für eine Elternzeit lancieren und nimmt das Modell der EFKK zum Richtwert. Der Initiativtext wird Ende Jahr formuliert, sobald die Partner feststehen. Aber warum 14 Wochen für die Mutter und nur 8 für den Vater?

Eine vernünftige Antwort darauf gibt es nicht. Zwar sind viele der Ansicht, ein Kind habe naturgemäss eine stärkere Bindung zur Mutter als zum Vater – ein Irrglaube, der nicht totzukriegen ist. Ein Kind, das seine ersten Lebensjahre mehrheitlich beim Vater verbringt, wird zu diesem eine stärkere Bindung haben.

Vielleicht wird es sich damit in seiner Schulklasse einsam fühlen, weil alle anderen Kinder zu Hause von den Müttern empfangen werden und nicht vom Vater. Auf jeden Fall ist jede Bindung der Kinder zu ihren Eltern kulturell bedingt und durch Gewohnheiten gefestigt.

Einziger Unterschied: Mütter brauchen nach der Geburt unterschiedlich lang Zeit, um sich körperlich zu erholen. Diesem Umstand wird mit dem geltenden achtwöchigen Arbeitsverbot relativ grossräumig Rechnung getragen. Darüber hinaus ist Gleichbehandlung geboten. Mütter haben 14 Wochen Baby-Zeit, Väter sollten das auch haben. Gibt man den Müttern 20 Wochen, sollen das auch die Väter bekommen.

Widerstand kommt auch von Linken

Ein solches Ansinnen ist in der Schweiz besonders schwierig zu realisieren. Der Widerstand kommt nicht nur von der konservativen Rechten, die emanzipierte Familienmodelle mit gleichgestellten Partnern offen ablehnt. Sondern auch von der altfeministischen Linken, die möglichst viel Privilegien für Frauen will, gegenüber Vorteilen für Männer jedoch skeptisch eingestellt ist. Es ist dieselbe Garde, die auch das Rentenalter 65 für Frauen vehement bekämpft.

Dabei verfällt sie einem fundamentalen Irrtum. Eine Elternzeit, die Väter und Mütter einander gleichstellt, wäre für die Frauen ein Quantensprung. Beim Berufseinstieg würde für sie ein wichtiger Startnachteil wegfallen. Wie oft sind Frauen im gebärfähigen Alter beim Vorstellungsgespräch gegenüber ihren gleichaltrigen männlichen Mitbewerbern im Nachteil? Das wären sie nicht mehr, wenn beide im Fall einer Elternschaft potenziell gleich lange ausfallen würden.

Doch abgesehen von ideologischen Grabenkämpfen, hat es eine Erhöhung der Elternzeit in der Schweiz sehr schwer. Das gilt für jeden sozialpolitischen Ausbau, der für nicht finanzierbar angesehen wird, etwa für die sechste Ferienwoche, die 2013 an der Urne abgelehnt wurde.

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Doch bei der Elternzeit geht es um viel mehr als nur um ein paar zusätzliche Tage Lebensqualität. Sie würde der Gesellschaft und der Volkswirtschaft gewaltigen Schub verleihen. Mütter würden zu Hause entlastet, auf dem Arbeitsmarkt wären die Chancen gleichmässiger verteilt. Das Fachkräftepotenzial würde besser genutzt, Frauen wären vermehrt erwerbstätig. Damit würden sie in ihrer Autonomie gestärkt und wären weniger abhängig – vom Ehemann, vom Ex-Mann oder letztlich von der Sozialhilfe.

Das ist Zukunftsmusik. Bei der heutigen Dominanz der konservativen Kräfte ist ein Erfolg dieses Begehrens kaum vorstellbar. Trotzdem ist es gut, wenn kreative und idealistische Leute diese Initiative lancieren. Sie sollten ein Modell vorschlagen, das Mann und Frau wirklich gleichstellt.

Erstellt: 26.06.2019, 23:10 Uhr

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