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«Gott, gahts dir eigentlich no!»

Die reformierte Pfarrerin Sibylle Forrer leistet mehr Seelsorge als je zuvor. Nicht nur Senioren, sondern auch Jugendliche suchten jetzt Halt, sagt die Geistliche aus Kilchberg.

Viele Termine müssen verschoben werden: Pfarrerin Sibylle Forrer. (Bild: Manuela Matt/ZSZ)
Viele Termine müssen verschoben werden: Pfarrerin Sibylle Forrer. (Bild: Manuela Matt/ZSZ)

Viele Menschen suchen Rat bei der Kirche. Sie waren alleine gestern zehn Stunden lang am Telefon. Wer hat angerufen? Da ist natürlich die sogenannte Risikogruppe. Ältere Menschen, die nun isoliert sind. Sie haben ganz konkrete Fragen: Darf ich noch mit dem Hund nach draussen? Oder einkaufen gehen? Daraus entwickeln sich dann oft längere Gespräche, in denen es um viel mehr geht als die Frage, die am Anfang stand. Wir rufen zudem auch von uns aus Leute in der Gemeinde an, von denen wir wissen, sie könnten sich jetzt einsam fühlen. Damit sie spüren, dass sie nicht alleine sind. Dann gibt es aktuell aber auch viel telefonisch zu organisieren. Anlässe müssen abgesagt und neu geplant werden. Diese Absagen sind oft verbunden mit viel Trauer, zum Beispiel bei all den Trauungen oder den Konfirmationen.

Es betrifft also auch junge Menschen. Interessieren sich auch Teenager plötzlich für die Kirche? Die Jugendlichen wissen, dass sie selber nicht unbedingt gefährdet sind. Trotzdem sind auch sie in einer schwierigen Situation. Manche sind unsicher, ob sie ihre Lehrstelle antreten können. Andere sind zuhause bei Eltern, die jetzt viel streiten. Und können dem nicht entkommen. Es sind alle in einer speziellen Situation. Deshalb melden sich auch ganz verschiedene Leute bei uns, nicht nur Senioren.

Wie helfen Sie diesen Menschen? Ganz praktisch: Ich zeige, wo sie sich seriös informieren können, also beim Bundesamt für Gesundheit die wichtigen Informationen finden. Oder auch konkrete Aufgaben können helfen. Die Konfirmanden in unserer Gemeinde habe ich zum Beispiel gebeten, dass sie älteren Personen Postkarten schreiben. Damit diese merken: Wir haben euch nicht vergessen.

Können Sie als Pfarrerin auch spirituell helfen? Wir versuchen, aktuell Wege zu finden, den Menschen auch in dieser Situation spirituelle Impulse zu geben. In der Kirche, die täglich offen ist, legen wir Gebete auf den Taufstein, in der Dorfzeitung publizieren wir Liturgien für zuhause. Und jeden Tag um 18 Uhr lassen wir die Kirchenglocken läuten und rufen die Leute auf, dann Kerzen anzuzünden, einen Moment still zu werden oder zu beten. Die Rückmeldungen waren durchwegs positiv. Das Geläut ist sonst manchmal umstritten in der Gesellschaft. Aber in dieser Zeit finden das die Leute wichtig. Es gibt ihnen ein Gefühl des Zusammenhalts.

Ist es normal, dass Leute gerade jetzt zur Seelsorge kommen, zu Gott finden? In Zeiten, in denen Vieles ungewiss ist, suchen die Leute nach Halt. Das ist normal. Es muss auch nicht Gott sein. Man kann sich an Texte halten, an Lieder, die einen im Leben begleitet haben. An kleine Rituale, die einem trotz allem wieder Normalität geben. Und dann kann eben auch das Gebet Halt geben. Dass man sich fragt: Wofür bin ich dankbar? Worüber will ich klagen?

Gibt es Menschen, die fragen, warum Gott solches Leid zulässt? Diese Frage gibt es immer wieder, in Krisenzeiten umso mehr. Man darf aber nicht versuchen, billig zu trösten. Ich würde nie jemandem sagen: Am Ende macht alles einen Sinn. Eine solche Behauptung hält der Erfahrung nicht stand. Viel wichtiger als Antworten zu geben, scheint mir sowieso, den Menschen die Möglichkeit zu geben, dass sie ihre Fragen stellen können. Das alleine wirkt schon befreiend. Dass sie auch offen klagen dürfen. Und auch schimpfen können: «Gott, gaht’s dir eigentlich no!»

Wie gehen Sie mit diesem Leid und der Unsicherheit um? Zehrt das auch an Ihnen? Als Pfarrerin bin ich es gewohnt, viele Gespräche zu führen, auch schwierige. Aber natürlich ist das jetzt auch für mich eine ungewisse Zeit. Besonders schwierig: Wir dürfen momentan zwar noch Leute beerdigen. Jedoch nur am Grab und nur im engsten Familienkreis. Die Planung, das Vorgespräch, das können wir nur noch am Telefon führen. Ein Telefongespräch ersetzt aber den direkten Kontakt in so schwierigen und wichtigen Situationen wie der Planung einer Abschiedsfeier nicht oder nur sehr bedingt.

Wie ist es mit Hochzeiten? Auch da müssen wir derzeit Termine verschieben. Das ist sehr schwierig für die Betroffenen. Es kostet Geld und ist vor allem emotional sehr belastend. Beeindruckt hat mich aber, wie verständnisvoll die Leute grundsätzlich sind. Alle wissen: Die Gesundheit geht jetzt vor. Auch Jugendliche, die jetzt nicht ins Konf-Lager können, auf das sie sich seit Jahren gefreut haben. Die sind traurig. Aber auch sie wissen, dass die Gesundheit einen sehr hohen Wert hat.

Dann können Sie der Situation auch positive Seiten abgewinnen? Da ist zum Beispiel die grosse Solidarität, die vielerorts spürbar ist. Es war sehr beeindruckend und auch berührend, wie viele Menschen angerufen haben und angeboten haben: Ich gehe für andere einkaufen. Und die meisten Senioren am Telefon sagen mir, sie hätten viele Angebote von verschiedenen Leuten und seien gut umsorgt. Die Krise zeigt uns: Als Menschen können wir nur in der Gemeinschaft überleben.

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